Gedanken einer Reisenden

Immer, wenn mich mal wieder alles überrollt, muss ich mich auf eine Reise begeben. Sei es auch nur in die nächste Stadt. Dann kapiere ich wieder, dass man das Leben nicht allzu ernst nehmen muss und wenn ich Glück habe, höre ich sogar auf, zu denken. Manche sagen, ich „flüchte gerne vor meinen Problemen“. Wobei das gar nicht stimmt. Ich stelle mich meinen Problemen sehr wohl. Nur eben woanders.


„Was ich am Älterwerden liebe, ist, mich selbst besser kennenzulernen“, hat mir eine schöne Frau gesagt, die keine drei Stunden später schon eine Freundin war. Das war an einem verkaterten und wolkigen Freitagnachmittag an einem Meer ohne Menschen. Ich war so berührt von diesem Satz, dass ich am liebsten die ganze Wolkendecke umarmt hätte. „Stimmt“, dachte ich. Es ist so einfach. Diese Aha-Momente hatte ich oft auf dieser kleinen Reise. Immer schon hatte ich panische Angst vorm Altern. „Ich will niemals erwachsen werden“ war schon als Kind meine Devise. Jetzt fliegt die Zeit immer schneller und ich bilde mir ein, langweiliger zu sein als früher, weniger mutig, weniger spontan. Weniger Leichtigkeit. Irgendwer oder irgendwas hat mal behauptet, spätestens mit 30 sollte man wissen, was genau man vom Leben will. Dass man mit 30 Jahren und 1 Tag nicht mehr in der Experimentierphase stecken sollte. Und ich frage mich immer und immer wieder, was das eigentlich für eine beschissene Zahl ist und warum zum Teufel so viel Gewicht auf ihr liegt. 

Und was willst du mal werden?

Ich glaube, mittlerweile habe ich weniger Angst vorm Erwachsenwerden. Die Freundin vom Strand hat Recht. Älter werden ist toll, weil du dich von Tag zu Tag, und von Abenteuer zu Abenteuer ein Stück mehr kennenlernst und herausfindest, wie du mit dir selbst umgehen kannst. Sich ständig weiterzuentwickeln heißt aber auch neue Bedürfnisse und Wünsche für jede Lebensphase. Und da frage ich mich, warum genau das eigentlich alle ignorieren, wenn sie Kindern vermitteln, was es heißt „erwachsen zu sein“ und wie wichtig es ist, zu wissen „was man mal werden will.“ Lass uns endlich aufhören, Kindern ständig diese erdrückende Frage zu stellen. Wenn sie denken es zu wissen – super. Aber wenn nicht – dann sollten wir ihnen auch nicht diesen scheiss Druck auferlegen, sobald sie sprechen können. Dieses System ergibt überhaupt keinen Sinn und befördert die Vorstellung davon, dass sich in dieser Welt alles nur um Arbeit dreht. 

Meine Mama hat mal gesagt, mit 30 blüht eine Frau erst so richtig auf. Ihre 30er „waren viel geiler als ihre 20er.“ Weil sie sich selbst viel lieber mochte. Und auch ihr Sexleben wurde noch besser, meinte sie. Ich kenne viele Mütter, die das sagen. So richtig glauben konnte ich es trotzdem nicht. Jetzt schließe ich das zumindest nicht mehr kategorisch aus. Am Ende des Tages treten meine 20er ja auch nicht in einen Wettstreit mit meinen 30ern. Vielleicht können sie einfach beide toll sein. Und natürlich hat es mal wieder eine Reise gebraucht, um das zu verinnerlichen. 

Ich bin, du bist, wir sind anders 

Auf Reisen ist Alter vollkommen irrelevant. Das mag ich so daran. Kein Mensch wundert sich, wenn der 70-jährige Kolumbianer, der kein Wort Englisch spricht, mit dem britischen Junggesellenabschied tanzen geht. Keiner stört sich daran, wenn die 50-jährige Familienmutter aus Lettland mit den Remote-arbeitenden, deutschen Mid-Twenties kifft und von ihren Kindern erzählt. Nie ist dieser Generationendialog mit Hand, Fuß, Google-Translator und Sprachmischmasch so natürlich gegeben wie auf Reisen. Als wäre ein magischer Schleier über den Toren mancher Hostels, der einfach jegliche Barrieren dieser Welt überwindet. Wir haben so viele verschiedene Charaktere kennengelernt in diesen Tagen. Und das einzige, was sie alle verbindet, ist ein wahnsinniger Respekt füreinander, von dem man sonst eigentlich nur träumen kann. 

Und sofort merke ich, wie auch ich so komisch sein kann, wie ich bin. Dass es keiner übertrieben findet, wenn ich fast „vor Kuscheligkeit platze“ oder „ohne Grund Bauchkribbeln habe“. Und dass es jedem scheiß egal ist, wenn ich meine Arme in unproportional seltsamen Kreisen durch die Luft schleudere, als Ausdruck meiner Rastlosigkeit. All das sind Dinge, bei denen ich gelernt habe mich zurückzunehmen, lieber gar nichts zu sagen als etwas Komisches. Wir lernen täglich uns einzufügen und anzupassen. Denn wir sollten eben nicht schüchtern sein, wenn wir einen wichtigen Vortrag halten. Wir dürfen eben nicht laut lachen, wenn die Oma im Restaurant es gerne leise hätte beim Essen. Wir können auf die Frage „Wie geht’s dir?“ eben nicht mit „Scheiße. Ich würde gerade am liebsten jemanden schlagen. Lass mich einfach in Ruhe“ antworten. Ich meine – natürlich können wir all das trotzdem tun. Aber eben nicht ohne schlechter bewertet zu werden, aus dem Restaurant geworfen zu werden oder auf ewig als unfreundlicher Freak in Erinnerung zu bleiben. Wir müssen in ein soziales Gefüge passen und uns manchmal dafür verbiegen. Und ja, selbstverständlich ist es oft auch gut, Situationen zu begreifen und sich daran anzupassen. Aber es geht ja auch nicht immer um das Ganz-oder-Gar nicht. Ich frage mich nur:

Wie kann es sein, dass wir so viele Räume haben, in denen wir uns anpassen müssen, aber keine, um nur wir selbst zu sein? Mit Ausnahme der eigenen vier Wände und irgendwelchen Hostels an irgendwelchen Orten, an denen uns niemand kennt. 

You are loveable and exciting!

An einem langen, eckigen Holztisch auf dieser Welt sitzen gerade ein paar Menschen zusammen. Die erste sagt kaum ein Wort, außer ihren Namen. Weil sie schüchtern ist oder traurig, aber trotzdem gerne in Gesellschaft. Also who cares? Der nächste fängt an zu heulen, weil er sich auf seltsame Weise zu Tieren hingezogen fühlt, das aber mit niemandem teilen kann. Who cares? Was kann der arme Mann dafür? Wieder der nächste singt ständig Opern Lieder und bombardiert alle mit seinen Luftküssen, die in der normalen Welt wahrscheinlich total cringe wären. Who cares? Und wenn die nächste gerne ihre Achselhaare flechtet. Who fucking cares?? Wenn all diese menschlichen Eigenarten einen Raum bekommen, in dem sie nicht mehr als unnormal oder unpassend angesehen werden, sind sie plötzlich auch gar nicht mehr so komisch. Viel mehr – wie würde der finnische Sozialarbeiter Santtu jetzt sagen – loveable and exciting. 

So schnell geht es und die klitze-kleinen Wunden, die wir oft nicht einmal bemerken, heilen wieder ein bisschen. Diese Mikro-Wunden, die wir bekommen, von den Situationen, in denen wir uns fühlen wie Aliens, unwohl oder fehl am Platz und uns zwanghaft anzupassen versuchen.

Und ehe ich mich versehen konnte, wurde aus einem „You are exhausting“ ein „ You are exciting.“


Von Lilly (25): Lilly ist Fan von jordanischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. 

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