Ich bin ein Good Girl: empathisch, zuvorkommend, immer für andere da. Ich identifziere mich mit diesen Charaktertraits und echauffiere mich über Menschen, die immer nur an sich selbst denken. So bin ich jahrzehnteland gut gefahren, doch langsam aber sicher möchte ich wirklich die Handbremse dieses Fahrzeugs finden, und auch mal ein neues probieren. Denn professionelle Good Girl stehen sich auch ganz gerne mal selbst im Weg…
Autor: Lilly
Vom „zwanglosen“ Dating und warum Lilly katastrophal schlecht darin ist
Wenn ich eine Liste meiner Stärken auf Papier bringen müsste, würde „Casual Dating“ eindeutig den allerletzten Platz belegen – noch weit hinter Mathe und Excel. Casual Dating – sich „zwanglos“ Treffen – eine Praxis, die mir wirklich alles andere als vertraut ist. Das Problem fängt schon damit an, dass meine Phantasie nicht ausreicht, um mir vorzustellen, was zwischen zwei Menschen denn so passiert, wenn sie sich nur auf ganz „locker“ daten. Sex und Smalltalk und dann ab nach Hause? Sex und schweigen? Kuscheln, ja, nein? Gemeinsam trinken top, zusammen essen flop? Wo endet Zwanglosigkeit und was ist die Grenze zum Intimen?
Selbsterfahrungs-Overload: Vom Arbeiten in der Denkfabrik
Wenn ich meinem letzten Jahr eine Überschrift geben würde, dann wäre es: Anstrengend. Ich bin ehrlich: Über sich hinauswachsen hin oder her – ich habe wirklich überhaupt keinen Bock mehr auf dieses ständige Arbeiten an meinen Denk-, Verhaltens- und Beziehungsmustern. Leben, bitte verpiss dich mit deinen Felsbrocken und deinen als „spannend“ und „heilsam“ verkleideten Selbsterkenntnissen, die sich dann als pure Arbeit entpuppen. ICH MÖCHTE JETZT BITTE MAL NICHTS MEHR ÜBER MICH SELBST LERNEN, DANKE. Nicht Denken, nicht Hinterfragen und auch nicht Analysieren. Nicht einmal wachsen und gedeihen möchte ich. Ich will verdammt nochmal einfach nur existieren. Nette Idee, schwierig in der Umsetzung.
Eine Pechsträhne in vier Akten
Mir wird oft nachgesagt, ich sei naiv, ich solle doch nicht immer jedem Blödel auf der Straße vertrauen. So scheiden sich nun auch die Geister, ob der Beginn meiner aktuellen Pechsträhne reiner Naivität geschuldet ist oder eben einfach einem unglücklichen Lauf der Dinge. Fest steht auf jeden Fall: Ich habe ein paar neue Rekorde geknackt, als ich es schaffte, innerhalb von nur einer Woche vier verschiedene Dinge zu verlieren, drei unterschiedliche Krankheiten zu ergattern und als großer Höhepunkt wurde ich am Ende dann auch noch angekotzt.
Eine brühend heiße Schatzkammer an Geschichten
Wenn mich Menschen fragen, warum zum Teufel ich mir eine Tasse Kaffee tätowieren ließ, dann verstehe ich die Frage meist nicht. Ich zucke dann mit den Schultern. Am liebsten würde ich mein tiefstes Beileid dafür bekunden, dass Kaffee keine große Bedeutung im Leben dieser Person zu haben scheint. Seit dem Tag unserer ersten Begegnung begleitet mich Kaffee durch sämtliche Lebenslagen: Kaffee am Morgen, Kaffee und Sonne, Kaffee und Kuscheln, Kaffee und Kippe, Kaffee und Stress, Kaffee und Tränen, Kaffee und Reden, Kaffee und Denken, Kaffee und Fühlen, Kaffee am Bahnhof, Kaffee an der Autobahnraststätte, Kaffee und Bücher, Kaffee und Küssen, Kaffee und Freund:innen. Kaffee birgt so viele kleine Geschichten und Traditionen, die mir immer wieder zeigen, dass Kaffee eben nicht einfach nur Kaffee ist.
Die unerträgliche Ungleichung eines „Für immer“
Ich denke nur selten über meine Zukunft nach. Ich gehe step by step und das ist gut so. Wenn es dann aber doch mal passiert, drehe ich meistens total durch. Panisch sehe ich dann worst-case-Szenarien meines 40-jährigen Ichs vor Augen: Eine einsame, zutiefst gelangweilte Frau mit einer spießigen Schürze in der spießigen Küche eines spießigen Hauses einer spießigen Neubausiedlung. Und auch wenn ich eigentlich darauf vertraue, dass mich mein Abenteuerdurst davor bewahren wird, jemals ein solches Spießigkeits-Level zu erreichen, bleibt immer die latente Angst davor, eines Morgens aufzuwachen, mich urplötzlich in einem bürgerlichen Leben wiederzufinden und nur noch zu stagnieren.
Das ewige Trauerspiel vom Entscheidungen fällen
Ich bin überdurchschnittlich schlecht darin, Alltags-Entscheidungen zu treffen. Ich komme einfach nicht klar in diesem Meer an Möglichkeiten: Mate oder Cola? Ähmmmm. Pils oder Kölsch? Ist mir egal. Parkbank oder Wiese? Muss ich erst mal abwägen. Sushi, Pizza oder Thai? ICH HAB VERDAMMT NOCHMAL KEINE AHNUNG, WAS ICH MÖCHTE.
An dieser Stelle eine Weisheit aus Alex ’ wertvoller Sprüche-Sammlung: „Alle unwichtigen Entscheidungen im Leben sollten einer Münze überlassen werden!“ Und ich muss sagen, ich lebe tatsächlich nach diesem Motto. Oder: Ich greife im Kiosk einfach zu dem Getränk, das meine Begleitung auch nimmt, im Restaurant frage ich die Bedienung, was sie mir empfehlen kann, in der Eisdiele will ich von meiner Begleitung überrascht werden und in der Netflix-Welt ziehe ich mir einfach so lange imdb-Bewertungen rein, bis ich irgendwann müde den Laptop zuknalle.
Imposter, Komfortzonen & gefüllte Riesentomaten
„Du bist eine HOCHSTAPLERIN“, ruft mir mein innerer Parasit regelmäßig in Erinnerung. „Bald fliegst du auf…bald wissen alle, dass du eigentlich gar nichts weißt“, brüllt er mich an. Parasiten dieser Gattung saugen das Selbstbewusstsein aus dem Körper ihres Wirtes. Das, was sie hinterlassen, nennt man Imposter-Syndrom. Zum Glück habe ich Menschen in meinem Leben, die diesen Parasiten in mir nicht hören können, egal wie laut er schreit. Dank der Hilfe dieser Menschen weiß ich seinen Zorn nämlich mittlerweile zu bändigen.
Eine Ode an die Herzen Palästinas
Es regnet. Ich stehe mit einem menschengroßen Rucksack vor der israelischen Sperranlage, direkt am Checkpoint zwischen Israel und der besetzten palästinensischen Westbank. Mitten auf der Straße, zwischen 10.000 hupenden Autos, LKW’s, Soldaten und Lautsprecherdurchsagen in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Wie ich dort gelandet bin? Das ist eine andere Geschichte. Tatsache ist: Ich habe wirklich nicht den Hauch einer Ahnung wo ich bin, geschweige denn wie ich nach Ramallah komme. Ich bin übermüdet, hungrig, zittrig. Ich bin die zu Leib gewordene Definition von Überforderung.
heut mal wieder Gänsehaut
Ich war schon mit 16 immer die, die allen den Rücken gestreichelt hat, während sie vor dem Club in irgendwelche Büsche gekotzt haben. Die, die mit heulenden Menschen auf irgendwelchen Bürgersteigen saß und sich stundenlang besoffene Lebensdramen angehört hat. Die, die im Raucherbereich notwendige Kuschelorgien veranlasst hat, bis alle wieder klarkamen.