Vom Anfang und Ende der Einsamkeit

Lange Zeit war ich überzeugt davon, dass man Freund:innen einfach hat – die werden einem schon im Kindergarten wie Sand an den Strand gespült und bleiben dann auch für immer da liegen. Plot Twist: Weder Strände noch Freundschaften funktionieren so. Und es gibt Phasen im Leben, da ist man plötzlich nicht mehr auf jede Party eingeladen – und deswegen noch lange kein:e sozial inkompetente:r Einzelgänger:in. 


Schon im Kindergarten sind Freundschaften für mich „einfach so“ entstanden. Bester Kumpel war, wer neben mir in der Bauecke sabbernd Bauklötze auf den Boden fallen ließ. Während ich in der Schule dann nicht mehr mit Bauklötzen, dafür aber mit Papierfliegern um mich geworfen habe, waren es immer noch die gemeinsamen Alltagserfahrungen, die Freundschaften wie von Zauberhand besiegelten. Ich war Teil einer Mädchenclique, die den anmutigen Namen „Seehunde“ trug (wir hatten sogar einen aus Draht und Perlen gebastelten Bandenanhänger) und in den Pausen – für Seehunde sehr untypisch – kreischend zusammen über den Schulhof jagte. 

Und auch wenn der Freund:innen-Selektionsprozess über die Jahre immer bewusster vonstatten ging und Aspekte wie gemeinsame Interessen oder Hobbys zunehmend eine Rolle spielten, trugen mich auch im Bachelor vor allem die Menschen durch den Tag, mit denen ich in der Ersti-Woche zur Bier-Olympiade zufällig zusammengewürfelt wurde.  

Sozial inkompetente Einzelgänger:innen

Was für ein Privileg es ist, immer irgendwo reinzupassen und zu jedem Geburtstag eingeladen zu werden, war mir lange nicht klar. Menschen, die in den Schulpausen alleine auf einer Bank saßen und an Muttis sorgsam geschmierten Butterbroten nagten, stempelte ich als „sozial inkompetent“ oder eben einfach einzelgängerisch ab. Denn wer keine Freund:innen hat, der muss das doch so gewollt haben! Das ist in jedem schnulzigen, von Stereotypen nur so triefenden amerikanischen Teenie-Film so. Es gibt die Beliebten, die “Normalos” und die Uncoolen – die “selbsternannten” Einzelgänger:innen. Dass diese meistens gar nicht so gerne alleine waren, wie sie vielleicht zu Anfang des Filmes taten, blendete ich einfach aus. Wie ein Naturgesetz hat sich dieses bescheuerte Cool-Uncool-Schema in meinem Kopf festgesetzt. Und auch wenn ich mit dem Alter glücklicherweise reflektierter wurde, beließ ich es später oft bei Mitgefühl für die Kommiliton:innen, die alleine über den Campus spazierten. 

Gegen Ende meines Bachelors kam ich plötzlich in eine Phase, in der sich Menschen, mit denen ich täglich Zigaretten, Kaffee und Unistress geteilt habe, schon mal progressiv in neue Städte wagten. Und während ich mich noch in einer trügerischen Sicherheit wägte, im nächsten Seminar schon die nächste Bekanntschaft zu schließen, hatte das Universum plötzlich Besseres zu tun, als mir eine Schippe neue Freund:innen vor die Haustür zu werfen. Mein peinliches Naturgesetz geriet ganz schön aus den Angeln, als im 8. Semester meines Studienganges keine:r mehr so wirklich daran interessiert schien, neue Freund:innen zu finden. Nach gemeinsamen Gruppenprojekten wurde nur noch zwecks der Abschlussnote kommuniziert; ein Kaffee-Date danach war nicht mehr drin. Richtig bitter wurde es, als dieses nervtötende Corona mal eben die ganze Erde konterminiert hat – und damit auch die Hoffnung auf potentielle neue Seminar-Buddys.

Eiszeit auf der Couch

Auf einmal wurde meine Gefühlswelt um eine Empfindung erweitert, die ich vorher nur Polarforscher:innen inmitten des unendlichen Eises attestiert hatte: Einsamkeit. Gepaart mit einer ekelhaften Angst, bald Teil einer Gruppe zu sein, die ich vorher immer mit Argwohn stigmatisiert hatte: den Freundeslosen. Auch wenn ich eigentlich das krasse Glück habe, unglaublich tolle Kindheitsfreund:innen in der Heimat oder anderen Städten zu wissen, übertrieb mein Gehirn  an einsamen Abenden auf der Couch maßlos und ich sah mich schon wie Harry Potter alleine in der Besenkammer meine Geburtstagskerzen auspusten. Hätte Hagrid an der Tür geklopft und mich gefragt, ob ich gerade alleine meinen Geburtstag feiere, hätte ich aus lauter Stolz wahrscheinlich behauptet, dass sich meine 200 Gäste bloß verspäten. Ich keinen Anschluss finden? Neeeee. Aber für Hogwarts würde ich die Party sonst natürlich auch absagen!

Ich glaube, dass ein großer Teil meiner Scham, meine temporäre Einsamkeit zu kommunizieren, daraus resultierte, dass ich von meinem Umfeld die Signale empfing, die ich wahrscheinlich selbst jahrelang ausgesendet habe: Wer keine Freund:innen hat, ist ein:e Versager:in. Wenn Mitbewohner:innen oder Bekannte theatralisch lamentierten, dass es super schwer sei, sich bei der Wochenend-Planung für ein Treffen mit nur einem Haushalt zu entscheiden, nickte ich meistens nur vor mich hin; wohlwissend, dass ich mir diese Frage gar nicht zu stellen brauchte. Wenn Freund:innen aus anderen Städten mir für den geplanten Zoom-Call samstagabends absagten, weil sie mit einem oder einer neuen Bekannten unterwegs waren, fühlte ich mich wie der einsamste Mensch auf der Welt. Und zeitweise fing ich wirklich an, mich zu fragen, was denn mit mir nicht stimme – und warum ich plötzlich scheinbar nicht mehr fähig war, Freund:innen zu finden. 

Jammernd aus der Comfort-Zone

Es hat ein halbes Jahr, einen Umzug und einen Masterstudiengang gebraucht, bis ich aus diesem fatalistischen Gefühl Motivation schöpfen konnte und mir endlich eingestand, dass ich neue Kontakte brauchte – und einsam auf der Couch rumzuliegen, garantiert keine Lösung mehr war. Ich habe mir Bumble Friends runtergeladen, aktiv Kommiliton:innen bei Zoom angeschrieben und kaum eine Gelegenheit ausgelassen, Menschen nach Kaffeedates zu fragen. Zugegeben, ständig sozial aktiv zu sein, kann auf Dauer ziemlich anstrengend sein, hat mir aber die besten Freund:innen auf Erden beschert. Und mich eine ganze Ecke umsichtiger gemacht. Durch die vielen Gespräche in meinem neuen Umfeld habe ich erfahren, wie viele Menschen sich – insbesondere während Corona – einsam fühlen oder gefühlt haben. Und dass man es vielen von ihnen – wie mir – wahrscheinlich nicht angemerkt hat. 

Ich habe gecheckt, dass es garantiert nicht immer die freie Entscheidung ist, wie viele Freund:innen man gerade um sich hat – und dass es so unendlich viele Faktoren gibt, die das beeinflussen. Vielleicht sind es wie bei mir die Lebensumstände und dieser komische Hochmut, vielleicht ist es auch die eigene introvertierte Persönlichkeit oder das blöde Gefühl, anderen Menschen nicht gerecht zu werden. 

We’re still all in this together

In allen Fällen aber ist es absolut okay, sich einsam zu fühlen. Es ist absolut okay und wichtig, das nach außen zu kommunizieren. Man ist kein Opfer, weil man temporär oder vielleicht auch schon länger nicht so viele Freund:innen hat. Freund:innen suchen ist mutig und macht niemanden zu einem uncooleren Menschen. Und ich hoffe wirklich, dass die Kinder heute auf den Pausenhöfen dieser Welt reflektierter und weitsichtiger sind, als ich es damals war – und dem einsamen Dude oder der Dudette auf der Bank zumindest das Gefühl gönnen, kein kompletter Weirdo zu sein: und erst recht kein:e sozial inkompetente:r Einzelgänger:in. 


Von Alex (25): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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