Was bleibt, ist die Veränderung

Ich bin vor etwas mehr als einem Jahr nach Köln gezogen, habe ein neues Studium und einen neuen Job angefangen, sehe meine besten Freund:innen aus Berlin viel zu selten, habe einen unfassbar tollen neuen Freundeskreis in Köln gefunden, lebe jetzt in einer WG, in der es auch schon Wechsel gab und nicht mehr mit meinem Freund zusammen, sehe meine Familie viel häufiger als früher,  habe mich nach acht Jahren von meinem Freund getrennt, habe mit fünf unfassbar tollen Frauen einen Blog gestartet und trotzdem: Irgendwie hat sich nichts verändert.


Angst vor Veränderung

Ich würde jetzt mal behaupten, dass ich Veränderungen an sich gar nicht schlimm finde. Sie kommen einfach und dann muss ich damit leben. Und trotzdem: Jedes Mal, wenn sich etwas in meinem Leben wirklich verändern soll, kriege ich Angst. Als ich für mein Erasmus-Semester nach England gegangen bin, hatte ich wahnsinnig Bammel davor, dass ich zurückkomme und sich alles verändert haben würde. Zwei meiner besten Freundinnen aus Berlin sind in der Zeit weg-, dafür eine andere aber wieder hingezogen. Aber als ich zurückkam, war es tatsächlich so, als hätte sich nichts geändert. Es war eh Lockdown und wir hätten uns gar nicht treffen können. Lol. Ich habe meine Bachelorarbeit geschrieben, mich für ein Studium in Köln beworben und schon die nächsten Veränderungen angestrebt, ohne es zu merken oder aktiv zu wollen. 

Der Umzug war wohl eigentlich die größte Veränderung im letzten Jahr. Auch davor hatte ich total Angst. Dass ich keinen Anschluss in Köln finden, ich mich mit meiner WG (nur über Zoom kennengelernt) am Ende doch nicht verstehen, dass ich einfach nur zurückwollen würde. Es hat keine Woche gedauert und ich wusste, es war die richtige Entscheidung. Und einer der Gründe war: Es hat sich so angefühlt, als wäre es schon immer so gewesen. Also eigentlich keine Veränderung…

Es ist wie mit den Türen

Wenn ich mit meinen Freund:innen über Veränderungen spreche, fällt schnell auf, dass wir alle ganz andere Wahrnehmungen bezüglich dieser Lebenseinflüsse haben. Die einen haben wahnsinnige Angst davor und versuchen sie zu verdrängen. Andere freuen sich auf jede noch so kleine Veränderung und machen das Beste draus, egal wie nervig oder anstrengend der Spaß ist.

Wieder andere machen sich keine Gedanken darüber, denken vielleicht, dass es immer so bleiben kann, wie es ist, bzw. dass in der Zeit, in der man weg war o.ä. alles gleich geblieben ist und verfallen in eine (z.B.) Post-Erasmus-Depression.

Oder sind wie ich und merken erst spät, dass sich alles verändert hat. Aber am Ende wissen wir alle: Veränderungen sind wie Türen; da muss man einfach durch.

Kein Unterschied zu sehen

Ob ich in den Spiegel schaue oder ein acht Jahre altes Bild von mir betrachte – ich erkenne keinen Unterschied. Vielleicht hab ich ein bisschen weniger Babyspeck, vielleicht weniger Pickel, vielleicht eine etwas andere Frisur, aber insgesamt: noch exakt dieselbe Person. Aber auch das ist absoluter Blödsinn. Theoretisch weiß ich das auch. Denn neue Menschen, Erfahrungen, Erkenntnisse, Probleme, Einsichten, Bücher, Serien, Filme und Blogbeiträge haben mich geprägt und verändert. 

     

Ein Bild, das Person, Baum, draußen enthält.

Automatisch generierte Beschreibung Ein Bild, das draußen, Boden, Himmel, Person enthält.

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2014 2019 2022

(Offenbar bin ich in 2022 sehr viel „cooler“ geworden, denn es gibt quasi kein vernünftiges Foto von mir ohne Sonnenbrille. Musste extra noch eins machen…)

ALLES BLEIBT (NICHT) WIE ES IST

Am Ende wünscht man sich natürlich, dass alle guten Dinge so bleiben wie sie sind, aber wäre das der Fall, hätte ich nicht so tolle Menschen in Berlin, England, Köln oder sonst wo kennengelernt. Ich würde mich nicht trauen, über meine Gefühle offener zu sprechen, geschweige denn öffentlich darüber zu schreiben. Ich hätte niemals gelernt, wie man Eier pochiert (danke Lockdown Nr. 1) oder wie toll ein WG-Leben sein kann. Ich hätte niemals Köln, Leipzig, Regensburg, Hamburg, Mannheim oder auch Berlin auf diese Weise (neu) kennengelernt. Und das alles in nur einem Jahr. 

So sehr ich fast täglich meine Freund:innen in/aus Berlin, manchmal meinen alten Kiez, manchmal meine alte Beziehung, selten sogar die absolut ekelhafte U8 vermisse, möchte ich keine der Veränderungen aus dem letzten Jahr missen müssen. Ich trinke jetzt außerdem Kaffee. Eine wirkliche Bereicherung.


Von Cilli (25): Cilli gibt gerne Blödsinn von sich. Deshalb sind auch hier die ein oder anderen Texte mit ihrer zynischen Ironie gespickt, die uns alle immer wieder zum Lachen und Nachdenken bringt (“war das jetzt ernst gemeint?”). Sie ist außerdem eine wunderbare Zuhörerin, weshalb sie sich regelmäßig in die Lage anderer hineinversetzt und daraus einfühlsame Porträts zaubert.

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