Die angenehme Leichtigkeit von Fernfreundschaften

Im Internet finde ich hunderte Ratgeber darüber, wie man die Strapazen einer romantischen Liebe auf Distanz meistern soll. Weniger oft begegnen mir Berichte über die in anderen Städten liegengebliebenen Freundschaften. Dabei kann so eine Freundschaft auf Distanz ebenfalls ziemlich herausfordernd sein. 

Es ist definitiv ein Phänomen unserer Zeit, dass immer mehr Menschen nach dem Abitur ihren Heimatort verlassen, um an irgendeinem anderen Fleck der Erde ihr Glück zu suchen. Oft werden sie gelockt vom Neonlicht der Großstadt, von neuen Menschen an neuen Orten, die ultimativ wegweisend und zukunftsträchtig erscheinen. Wir wollen woanders sein, weil wir uns versprechen, dort irgendwann irgendwas zu werden. 

Natürlich sehen wir dieses Eldorado nicht alle im gleichen Ort. Während die einen in der pulsierenden Hauptstadt ihren persönlichen Erfolg wittern, sehnen sich andere nach der Leichtigkeit der Stadt am Dom. So zumindest erging es mir. Ich wollte unbedingt nach Köln ziehen – hunderte Kilometer von einem Großteil meiner Freund:innen entfernt, die es sich alle irgendwo oben in Deutschland bequem gemacht haben. Und weil der Umzug nach Köln auch nicht mein erster Heimatwechsel war, habe ich damit schon zum zweiten Mal die Zelte abgebrochen – und Freund:innen aus meinem Alltag verabschieden müssen.  

Theatralische Schwüre und ellenlange Sprachnachrichten

Trotz der unzähligen Fingerschwüre, die ich schon theatralisch schluchzend vor voll bepackten Umzugswägen gegeben habe, ist es dann passiert: Freundschaften sind auf der Strecke geblieben. Zuerst war es die Alltäglichkeit, die sich klammheimlich davongeschlichen hat. Man sieht sich nicht mehr regelmäßig und ist oft nicht mehr Teil des Erlebten. In mir hat das das erste Mal blanke Panik ausgelöst und ich habe verzweifelt versucht, das irgendwie aufzufangen – mit ellenlangen Sprachnachrichten oder stundenlangen Telefonaten, die die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen irgendwie rekapitulieren mussten. 

Aber schnell war ich abgelenkt. Von den vielen neuen Eindrücken, der Stadt und den Menschen – die von Fremden zu Vertrauten und von Weggefährten zu Freund:innen wurden. Menschen, mit denen man sich durch den Alltag manövriert. Immer seltener passt dann so ein langes Telefonat oder eine siebenminütige Sprachnachricht in den Alltag – geschweige denn eine fünfstündige Zugfahrt quer durch die Republik. 

Von der Panik zur Resignation

Es ist normal, dass nicht jede Freundschaft ein Leben lang bestehen kann. Menschen, Lebensumstände und Interessen verändern sich nun mal. Und selbst wenn ich jeder/m meiner Freund:innen vom Fenster aus zuwinken kann, ist das natürlich kein Garant für eine lebenslange Verbindung. Dann bin ich froh über diesen kleinen fatalistischen Teil in mir, der davon überzeugt ist, dass es sowieso immer einen Grund dafür gibt, wenn Menschen mein Leben verlassen. 

Und auch wenn ich einige meiner ehemaligen Fernfreundschaften tatsächlich nicht in meinem Leben halten konnte, ist das natürlich nur ein mögliches Ausgangsszenario. Ich finde es unendlich traurig, dass ich viele meiner Freund:innen nicht mehr spontan auf einen Kaffee treffen kann und trotzdem weiß ich, dass ich Teil ihres Lebens bin. Auf die anfängliche Panik, die ich bei jedem potentiellen Verlust meiner Freund:innen verspürt habe, folgte dann schlicht Resignation. Ich habe akzeptiert, dass ich nicht mehr zwanghaft jedes Detail aus dem Leben dieser Freund:innen erfahren kann – und muss. Dass es okay ist, manchmal wochenlang nicht zu schreiben und dass sich eine Freundschaft weder über die Frequenz des Kontakts noch über Alltäglichkeit definieren muss. 

Freundschaften fürs Leben 

Was entsteht, ist eine wunderbar angenehme Leichtigkeit. Die Leichtigkeit, dass eine Sprachmemo auch mal einen Monat liegen bleiben kann, ohne dass ich für die Freundschaft den Notstand ausrufen muss. Die Leichtigkeit, dass einfach alles so ist wie immer, wenn man es dann doch mal schafft, zu telefonieren oder sich nach Monaten dann endlich wiedersieht. Die Leichtigkeit, zu wissen, dass die Person da ist, wenn irgendein Schicksalsschlag das Leben mal wieder auf die Probe stellt. Das macht Fernfreundschaften für mich so unendlich wertvoll. 

Ich hätte wie Chiara trotzdem gerne, dass alle meine Freund:innen mit mir in einer Straße wohnen.


Von Alex (25): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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