Ein Gefühl von Zuhause

Meine Generation – frei wie Vögel, immer auf der Suche nach neuen Nestern. Selten bleiben wir an einem Ort länger als ein paar Jahre. Spätestens zum Studium sind wir ausgezogen und immer wieder umgezogen. Dabei nehmen wir neue und alte Freundschaften, Liebesbeziehungen und Familie immer irgendwie in unseren Herzen mit. Weil Zuhause für uns nicht nur ein Ort ist.


Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich am liebsten sagen: „Ich packe meine Koffer und nehme alle meine Freund:innen, meine Familie und meine Verwandten mit.“ Denn: Wie cool wäre es bitte, wenn alle, die mir wichtig sind in meiner Stadt leben würden? Diesen Wunsch verspüre ich aktuell mehr denn je.

Zuhause hat viele Bedeutungen

Ja, ich habe mir das fast 400 Kilometer entfernte Köln als neues Zuhause selbst ausgesucht. Aber was mir ich mir nicht unbedingt ausgesucht habe: Dass ich für meine SeLbStVeRwiRkliChuNg die Nähe zu vielen Menschen, die ich liebe, aufgeben musste. 

Natürlich hat mich niemand dazu gezwungen und es hätte mit Sicherheit auch Möglichkeiten gegeben, meinen “Träumen” in meinem Kindheits-Zuhause nachzugehen. Aber dort wollte ich (aus verschiedensten Gründen) nun mal auch nicht bleiben. Und damit bin ich ja auch nicht die Einzige.

Viele meiner Freund:innen und auch meine Geschwister wollten zum Studium und für berufliche Erfahrungen in andere Städte und ja sogar Länder ziehen. Und natürlich können wir uns alle krass glücklich schätzen, dass wir solche Möglichkeiten haben: WG-Zimmer zu mieten, die knapp 400 Euro für 15 Quadratmeter kosten, in allen möglichen Städten zuhause sein zu können, schnell neue Freundschaften zu finden, sich wohlfühlen und auskennen. Berlin, Hamburg, Köln, München, Wien, Leipzig, Münster, Marburg, Lüneburg, Konstanz… – überall kenne ich Menschen, die dort leben und bei denen ich auf der Couch schlafen könnte.

Und auf der anderen Seite fahre ich einmal im Monat mit dem ICE oder Fernbus in die Heimat, um dort mit offenen Armen willkommen geheißen zu werden. Ein wohliges Wochenende im Elternhaus verbringen, mich dort wieder ein bisschen wie ein Kind fühlen, bestenfalls gibt es meine Lieblingsgerichte.

Das ist schon was Besonderes.
(Und deshalb mein Text auch Meckern auf hohem Niveau.)

Zerreißproben

Aber es macht mein Herz auch schwerer. Denn: Ich fühle mich, als hätte ich mehrere Leben – mehrere Zuhause – zwischen denen ich mich permanent entscheiden muss. Wenn ich zum Beispiel Silvester in der Heimat feiere, kann ich es nicht mit meinen Freund:innen in Köln feiern und umgekehrt. Ich muss immer wieder abwägen, was mir wichtiger ist. Und dabei ist mir ja beides genau gleich wichtig.

Manche kenne ich erst ein Jahr, sehe sie fast jeden zweiten Tag und bin dabei sie immer besser kennenzulernen. Andere sind schon 15 Jahre oder länger Teil meines Lebens und wenn wir uns sehen, scheint keine Zeit vergangen zu sein. Aber viele von ihnen sehe ich mittlerweile weniger als fünf Mal im Jahr. Vor allem seit Corona. Gerade um die Weihnachtszeit, wenn eigentlich alle mal wieder im Kindheits-Zuhause wären, haben es die Zahlen jetzt leider schon zum zweiten Mal nicht zugelassen, dass man sich volltrunken in den alten Kaschemmen der Heimatstadt in den Armen liegen kann. 

Auch Familientreffen sind seit der Pandemie schwerer, das muss ich, glaube ich, niemandem erklären. Ein positiver Test hier, ein Gefahren-Kontakt da. Dabei wäre es bei mir aktuell noch einfach die Familie zusammenzubringen, bin ich noch die einzige, die wirklich weit weg wohnt. Doch wenn ich jetzt höre, dass meine Schwester nach Hamburg und mein Bruder nach Wien ziehen möchte dann AAAAAH zieht sich alles noch mehr auseinander und in mir zusammen. 

Was wäre wenn…

In meinem Kopf romantisiere ich also die Vorstellung vom Koffer-packen. Jetzt zum Beispiel würden alle mit mir zusammen in Köln leben. Ich könnte meine Geschwister, meine Eltern, meine Verwandten regelmäßig sehen und müsste nicht immer die aufwändige (und teure) Heimreise dafür antreten. 

Meine Freund:innen aus der Schul- und Bachelor-Zeit würden, gemeinsam mit meinen Freund:innen aus Köln, die WGs der Stadt behausen. Die Wochentage könnte ich dann mit all meinen Lieblingsmenschen verbringen: Kaffee-Dates, Kochabende, Quality-time mit meinem Freund, WG-Partys (“darf ich ein paar Leute mitbringen?”) und Familiengeburtstage. 

Zwischendurch müsst ich zwar irgendwann noch arbeiten, Haushalt erledigen und mein Studium beenden – nicht zu vergessen meine wichtige Me-Time-Routinen und meine Hobbies… es wäre also auch ein Balanceakt, der nicht immer einfach wäre.

Doch: Wenn ich einen Wunsch frei hätte würde ich immer meinen Koffer herausholen. Denn Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe, schenkt mir unfassbar viel Energie und Kraft. Sie sind alle Teil meiner Selfcare und machen „Zuhause“ nicht zu einem Ort, sondern zu einem unersetzbar wunderbaren Gefühl. Und dafür bin ich unfassbar dankbar.


Von Chiara (24): Chiara mag stilles Wasser, aber still ist sie selbst nicht gerade – ganz im Gegenteil. Sie tanzt durch’s Leben und spricht und schreibt über Feminismus, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Sie ist Kopf- und Herzmensch zugleich, Ungerechtigkeit macht sie wütend und sie hat eine Schwäche für die Kardashians, gutes Essen und die Menschen, die sie liebt.

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