Verloren in der Findungsphase

Als Kind war ich überzeugt davon, sowas wie einen “Traumberuf” zu haben. Heute bin ich unschlüssiger denn je. Während ich das bis vor Kurzem noch schulterzuckend als Findungsphase abtun konnte, liegt mir dieser Zustand jetzt wie ein Stein im Magen. Denn alles schreit: Mit Mitte 20 hat man wirklich zu wissen, was man will. 

Wenn ich als Kind in die mit Pferden- oder Blümchenstickern verzierten Poesiealben meiner Freunde geschrieben habe, musste ich vielleicht kurz darüber nachdenken, ob ich die No Angels oder Monrose lieber mochte – garantiert aber nicht darüber, was ich später mal werden will. Während ich in der Grundschule noch felsenfest davon überzeugt war, dass Lehrerin mein absoluter Traumjob sei, sagte ich mir nur wenige Jahre später eine Karriere als preisgekrönte Autorin voraus. Zu dieser Zeit fing ich an, reihenweise Kurzgeschichten zu verfassen, von denen ein seltsam anmutendes Gossip Girl-Revival nur der Auftakt einer Reihe fragwürdiger literarischer Werke bildete. Auch wenn sich mein Traumberuf hin und wieder änderte, spürte ich bei jeder dieser Liebäugeleien stets eine seltsame, kindliche Zuversicht, genau dafür berufen zu sein. 

Je älter ich wurde, desto seltener dachte ich über meine Zukunft nach. Ich entwickelte plötzlich sowas wie ein Privatleben und Schule wurde zu einer oft lästigen Pflichtveranstaltung. Und sowieso hing ich lieber mit Freunden im Freibad rum, verlor mich in abenteuerlichen Romanzen oder debattierte mit meinen Eltern über Ausgehzeiten. Ich lebte oft so sehr im Hier und Jetzt, dass mein Horizont nur bis zum nächsten Morgen reichte. Hätte mir zu diesem Zeitpunkt noch jemand ein Freundebuch vor die Nase gehalten, hätte ich das Berufswunschfeld wahrscheinlich einfach ausgelassen. 

Irgendwie mit Scheuklappen fieberte ich stumpf auf das Abitur zu, um das Kapitel Schule abschließen zu können. Dank der stählernen Nerven meines Mathenachhilfelehrers hielt ich dann stolz mein Zeugnis in den Händen – und hatte absolut keinen Plan, wohin mit mir.

„Wohin mich das führt? Keine Ahnung.“

Mit dem Glauben, dass es eine Auslandserfahrung schon richten wird, stieg ich hoffnungsvoll in das Flugzeug nach Kapstadt. Mal abgesehen davon, dass mir diese Zeit eine Menge Sonnenbrände, unvergessliche Erfahrungen und eine dicke Portion Selbstständigkeit beschert hatte, führte sie nicht zur erhofften Erleuchtung. Also beschloss ich, bei meiner Suche auf praktische Erfahrung zu setzen und landete für ein Praktikum beim Radio – was mir klarmachte, dass Schreiben irgendwie noch Thema ist und dass gut gelaunte Moderator:innen von Morning-Shows absolute Schauspieler:innen sind. 

Ich wollte schreiben. Aber was, wo und wie? Meine unpräzise Wischiwaschi-Vorstellung trieb mich in das ebenso unpräzise definierte Studium der Kulturwissenschaften. Ich lernte zu reflektieren, zu analysieren und so gut wie alles zu hinterfragen – was mich zeitweise noch weiter von einem konkreten Berufswunsch entfernte. Also absolvierte ich weitere Praktika. Jede Menge, oft unbezahlte Vollzeitjobs, was mich schließlich an das Berufsfeld des Journalismus heranführte. Ich fand Gefallen daran, war aber auch oft enttäuscht. Viele Dinge gefielen mir nicht. Ich fand mich nicht in dieser Haifischbecken-Mentalität wieder und konnte deswegen oft nicht das nötige Feuer in mir entfachen. Ich brauchte mehr Zeit. Nach dem Bachelor der Master. Jetzt studiere ich Schreiben, was sonst. Wohin mich das führt? Keine Ahnung.

Die böse Stimme im Nacken

Immer öfter kann ich nachts nicht schlafen, weil sich neben all dem Urvertrauen, das ich in mir trage und das mir die meiste Zeit einfühlsam zuflüstert, dass ich meinen Weg schon irgendwie finden werde, eine böse Stimme eingeschlichen hat. Ich müsse doch langsam wirklich mal wissen, was ich werden will, weil es für das Erreichen großer Träume und Karrieren wirklich bald zu spät sei. Und tatsächlich, egal, wohin ich schaue, begegnen mir 20-jährige CEOs, Selfmade-Millionär:innen, Instagram-Models oder Profi-Journalist:innen. Und auch der Finanzierungsdruck sitzt mir langsam im Nacken. BAFöG läuft bald aus, meinen Krankenkassenbeitrag muss ich jetzt selbst zahlen und meine Eltern können mich auch nicht ewig unterstützen. Von allen Seiten schreit es: Die Findungsphase ist vorbei. 

Oft trage ich dann eine Traurigkeit in mir. Und auch ein bisschen Wut. Woher soll ich denn wissen, als was ich später mal arbeiten will, wenn ich doch gar nicht alles gesehen und ausprobiert habe. Warum fällt es anderen so leicht, sich für einen Beruf zu entscheiden und mir nicht? Muss ich meine Ansprüche zurückschrauben? Mein Ideal von dem perfekten Job aufgeben? 

Und überhaupt, ist es denn wirklich so schlimm, mit Mitte 20 noch nicht zu wissen, was man werden will?


Von Alex (25): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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