Boys do*nt* Cry

Stärke. Stärke. Stärke. Stärke. Stärke. Stärke. Testo. Toxisch. Toxisch. Bier. Bart. Bart. Toxische Männlichkeit. Überbewertet. Falsche Vorbilder. Falscher Stolz. Adaptivität. Stereotypen. Dominanz. Ego. Körperliche Stärke. Arnold Schwarzenegger. Mut. Stolz. Stärke. Verantwortung.


Es sind 43 Stunden und 19 Minuten vergangen, seitdem ich das letzte Mal geweint habe. Es sind vielleicht 71 Stunden 9 Minuten und 123 Stunden 11 Minuten vergangen, seitdem ich die beiden Male zuvor geweint habe. 

Ich weine, wenn ich die Tagesthemen gucke, ich weine, wenn ich mich in Nostalgie tränke, ich weine, wenn ich eine süße Nachricht bekomme, ich weine, wenn ich vermisse oder wenn ich einen Opa alleine in der Mensa essen sehe. 

Es sind 46.240 Stunden vergangen, seitdem mein Freund zuletzt geweint hat. Das war wegen eines familiären Schicksals. 

Es sind 52.560 Stunden vergangen, seitdem mein bester Freund das letzte Mal geweint hat. Er weiß nicht mehr genau, warum. 

Es ist Stunden und Minuten her, die es nicht einmal wert sind, gezählt zu werden, weil es keine Erinnerung daran gibt, wann mein Onkel zuletzt geweint hat. 

But Boys don’t Cry, das wussten auch schon The Cure.

What about Leon?

Weiße heterosexuelle Cis-Männer können nicht diskriminiert werden. Das habe ich vor ein paar Wochen in einem Diversity Workshop gelernt. Es gibt keinen Sexismus gegen Männer. Und es gibt auch sonst keinen -ismus gegen weiße hetero Cis-Männer. Das gilt zumindest dann, wenn Diskriminierung als eine strukturelle Benachteiligung definiert wird. 

Ich muss an Leon denken. Leon ist ein Phantasie-Name für einen Menschen, den es wirklich gibt. Leon ist hetero. Cis. Weiß. Leon trägt seitdem ich denken kann weißen Nagellack. Er begeisterte sich schon immer für Alicia Keys. Ach und was ich fast vergessen hätte – Leon sieht aus wie ein „Lauch“ und verhält sich oft wie ein „Lappen“ vermutlich weil er immer mit so vielen Frauen gechillt hat. Das haben wir von den anderen Männern in der Schule gelernt. Irgendwann später war da ein Mädchen, mit dem Leon geschlafen hat. Nach ein paar Tagen machte das Gerücht die Runde, Leons Penis sei klein. Das Mobbing, das folgte, ging jedoch nicht von Frauen aus, sondern von Männern – toxischen Männern, die sich erfreuten, dass nicht sie in ihren Unsicherheiten entlarvt wurden, sondern Leon. Ich weiß, dass er viel geweint hat. Aber natürlich nicht in der Öffentlichkeit.

Ich muss also an Leon denken, wenn ich mich in eben diesem Workshop melde:

-Was ist, wenn da ein weißer hetero Cis-Mann ist, der nicht in die klassischen Rollenzuschreibungen eines Mannes passt oder passen will, und deswegen dann benachteiligt oder ausgegrenzt wird?

Mmhhhmm ja. Die Frau dreht sich von der Flipchart zu mir, guckt mich an, dann sofort zurück auf das weiße Papier, auf dem eh noch nichts steht. Ja hmm, also das ist auf jeden Fall kein Sexismus

-Warum nicht? Will ich wissen 

Na Ja, man spricht da nicht von Sexismus oder von Diskriminierung. Das wäre dann vielleicht Mobbing aufgrund von Vorurteilen. 

Warum keine Diskriminierung?

Mittlerweile hab ichs verstanden. Die Theorie zumindest. Diskriminierung ist an Macht-Strukturen gebunden. Es gibt keinen Sexismus gegen Männer, so wie es keinen Rassismus gegen Weiße gibt. Natürlich gibt es Stereotype über Deutsche. Aber das ist kein Rassismus. Warum? Weil Rassismus ein weißes Herrschaftskonzept gegenüber marginalisierten Gruppen ist. Weil Sexismus und Rassismus immer von den Privilegiertesten ausgehen und sich gegen die weniger Privilegierten richten. Absolute Kurzfassung – aber ich für meinen Teil hatte es verstanden. 

Nevertheless: Die Frage hat mich nicht losgelassen. Zu viele weiße hetero Cis-Männer in meinem Umfeld, die unter den Rollenzuschreibungen der Gesellschaft leiden. Und genau dieses Problem ist ein riesiger Bestandteil ihrer alltäglichen Lebensrealitäten. Und ein genauso unterschwelliges wie verdrängtes Problem dieser Gesellschaft. Das ständige Sich Behaupten Müssen als Mann, als Starker, als Großer, Breiter und Bärtiger, als GroßPenisiger, als Mutiger und Beschützer – befeuert das eigentliche Problem: Toxische Männlichkeit. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt geht es auch mich etwas an. Ich als Frau muss diese Scheiße ja dann ertragen. All das ist also sehr wohl meine Angelegenheit. Es ist die Angelegenheit aller nicht-männlichen Menschen, die darunter leiden. 

Aber: Davon soll dieser Text nicht handeln. Sondern von Leon. Und von allen Männern dieser Welt, die selbst an den unangenehmen Auswucherungen dieses Phänomens leiden. Und vielleicht noch nicht einmal wissen, dass sie es tun.  

Stark, mutig und stolz

Wenn also sowohl die Menschen, die mit ihr in Berührung kommen, als auch viele Männer selbst, unter ihr leiden, bleibt für mich die Frage: Wie können wir toxische Männlichkeit bekämpfen? Als Begriff ist sie in aller Munde. Wir reden ständig von Männlichkeit in jeder nur erdenklich negativen Art und Weise. Das da ganz oben – die ersten Zeilen dieses Textes – das sind die ersten Dinge, die den Teilnehmern einer von mir geführten Umfrage einfallen, wenn sie an „Männlichkeit“ denken. 

„Überbewertet. Falsche Vorbilder. Falscher Stolz. Toxisch. Dominanz. Ego.“ Der Fokus ist klar: Männlichkeit impliziert oftmals negative Eigenschaften. Die, die nicht sein dürfen, falsch sind, die andere verletzen. Das Negative zu benennen ist wichtig. Keine Frage. Aber was passiert danach? Sackgasse? Was mich dabei einfach nicht loslässt, ist die Frage, ob uns dieser Fokus auf das Negative dabei hilft, das Toxische aus der Männlichkeit zu verbannen. Das sollte immerhin das eigentliche Ziel sein, oder? Und genau das kann, meiner Meinung nach, mit Heilung funktionieren, nicht nur mit Anklage.

Wieder andere Begriffe sind per se überhaupt nicht schlecht, aber dennoch negativ konnotiert (zumindest in der Bubble, in der ich schwimme).  „Stärke. Mut. Stolz. Verantwortung“ – Wenn ich an eine Frau mit diesen Attributen denke, sehe ich Aktivismus, Zusammenhalt, Hilfe, Intelligenz, Empowerment, gute Entscheidungen. Denke ich dabei an einen Mann, tauchen da plötzlich ganz andere Assoziationen auf: Unterdrückung, Überheblichkeit, Ungerechtigkeit, Gewalt. Oder Gedanken daran, dass „Stärke“ nicht bedeuten muss, Bäume auszureißen, sondern, dass es auch stark sein kann, zu weinen. Dass „Stolz“ nicht bedeuten muss, in jeder noch so unnötigen Situation rumzumansplainen, sondern, dass man vielleicht noch stolzer darauf sein kann, den eigenen Stolz herunterzuschlucken – und selbst Hilfe anzunehmen. Dass „Mut“ nicht bedeuten muss, keine Angst zu haben, sondern Angst zuzugeben. Wie also kriegen wir es hin, dass auch Männer stark, mutig und stolz sein können, ohne dabei ein toxisches Arschloch zu sein?

Ich glaube wir brauchen ein neues Konzept von Männlichkeit. Eine Freundin hat mich mal gefragt: Was ist eigentlich positive Männlichkeit? Männliche Eigenschaften, die in dieser Gesellschaft als richtig gut angesehen werden – gibt es das überhaupt?

Let’s talk about: Positive Männlichkeit?!

Holy Shit. Ich hab mir fast den Kopf daran gebrochen und trotzdem bin ich nicht schlauer als zuvor. Also ja ich denke wir alle wir Alle müssen endlich darüber reden, was positive Männlichkeit eigentlich ist!!

Was ich dabei nicht sagen will: Dass wir die Gefahren, die toxische Männlichkeit mit sich bringt, überschweigen, geschweige denn unterschätzen dürfen. Leon soll nicht für #NotAllMen stehen.

Was ich aber sagen will: Dass wir über ein Konzept nachdenken müssen, das Leon und alle anderen Männer, die nicht in heteronormative Strukturen gepresst werden möchten, miteinschließt. Wir als Gesellschaft sollten anerkennen, dass Leons Unsicherheiten und Ängste zu einer Lösung beitragen können. Und dafür muss ein Raum geschaffen werden, in dem er über genau diese sprechen kann. 

Wir müssen weiterhin aufschreien gegen Ungerechtigkeiten. So laut wir können, immer und immer wieder. Aber nicht nur. Gleichzeitig müssen wir Gegenvorschläge, neue Ideen und positive Vorstellungen sichtbar machen. Ich möchte einen Diskurs, einen gesamtgesellschaftlichen Austausch, der Männern einen Tunnel durch diese verdammte Sackgasse baut: „Hier kannst du langgehen, du musst nicht stehenbleiben.“ Das heißt aber auch, dass wir weißen hetero Cis-Männern eine Möglichkeit geben, aus der Rolle des Feindes herauszukommen. Ally werden? Hetero Cis-Mann bleiben zu können. Aber eben nicht mehr toxisch. Verdammt nochmal weinen zu dürfen, Angst zu verbalisieren, Erektions-Probleme zu haben, androgyn zu sein, sensibel zu sein. Und trotzdem männlich sein zu können. Oder was heißt trotzdem? Vielleicht lieber: Gerade deswegen männlich zu sein.  

Wie?

Nachdem ich weder Billie Eilish noch Olaf Scholz bin, wird es wohl alles andere als leicht, einen Diskurs anzustoßen, der sich meiner Meinung nach, einmal vom untersten bayrischen Kaff über die saarländische Einöde bis in die großen Städte und nicht-gentrifizierten Randbezirke ziehen sollte.

In diskriminierungssensiblen Workshops wird oft jede Person im Raum dazu angehalten, sich eine eigene Erfahrung präsent zu machen, in der sie Ausgrenzung erlebt hat. Nicht jede Person kann einen -ismus verstehen, aber jede*r kann zu dem Gefühl relaten, ausgeschlossen zu sein. Sich nicht zugehörig zu fühlen. Scham zu verspüren. & mit dieser Basis macht man weiter. Es ist der Versuch Menschen auf eine Empathie-Ebene zu bringen. Denn sobald eine Person in ihren eigenen Gefühlen ernst genommen wird, öffnet sie sich auf einer viel ehrlicheren Basis auch den Problemen anderer.

Ich für meinen Teil habe mich dazu entschlossen genau diesen Weg zu gehen. Ich möchte versuchen auch männliche Perspektiven zu sehen, versuchen zu verstehen, dass toxische Männlichkeit oft in Rollenzuschreibungen keimt und durch Unsicherheiten heranwächst. Dass Männlichkeit nicht per se „böse“ ist. Ich möchte anerkennen, dass es eben auch wehtun kann, in männliche heteronormative Strukturen gepresst zu werden. Ich möchte mir Gedanken darüber machen, wo der Tunnel endet und wie dieser Ort der positiven Männlichkeit wohl aussieht. Ich möchte andere dazu anregen, das selbe zu tun. Und auch wenn es nicht meine Aufgabe ist, sehe ich mich trotzdem in der Rolle, den Männern, die ich liebe, zu erklären, wie die Welt aus meinen Augen aussieht. Wie sich Sexismus anfühlt. Warum Feminismus wichtig ist. Und was dabei herauskommt ist wunderschön: ein lebendiger Gesprächshaufen aus neuen Zugängen, Sichtweisen und Verständnis-Ebenen.

Unter keinen Umständen möchte ich damit alle Frauen in die Verantwortung ziehen diese Aufklärungsarbeit zu leisten, diese nervenzerrenden Diskussionen zu führen, dieses Verständnis für toxische Männlichkeit aufzubringen. Es ist nicht unsere Aufgabe die Gesellschaft von Toxik zu heilen. Aber für mich ist der Versuch, der sich gerade am aller sinnvollsten anfühlt.

© Titelbild made by Marcos Guinoza. Instagram: marcosguinoza


Von Lilly (25): Lilly ist Fan von jordanischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. Lilly ist eine weiße hetero Cis-Frau.

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