Wenn ich einmal groß bin… (Teil 2)

„Kinder oder Karriere“ sollten eigentlich längst keine unvereinbaren Gegensätze mehr in den Köpfen junger Frauen darstellen. Trotzdem begegnete mir das Dilemma schon zu Schulzeiten und prägt seither meinen weiteren Lebensweg und meine Zukunftspläne.


Neunte Klasse, Sozialkundeunterricht bei Herrn Späth. Dienstagnachmittag, es ist viel zu warm in dem stickigen Klassenzimmer und meine Klassenkamerad:innen hängen müde auf ihren Tischen. Aber ich habe gerade eine lebensverändernde Erkenntnis.

Herr Späth hat ein Tafelbild aufgemalt: „Teufelskreis der Frau“ nennt er es. Es geht um den Gender Pay Gap und darum, dass Frauen – unter anderem dadurch, dass sie typischerweise weniger verdienen als Männer – häufiger zu Hause bleiben, wenn es an die Familienplanung geht. Steigen sie später wieder in das Berufsleben ein, tun sie das oft nur in einem Teilzeitjob, sodass sie weiterhin weniger als ihre Männer verdienen und logischerweise auch beim nächsten Kind wieder zu Hause bleiben. Aufstiegschancen verbunden mit Gehaltserhöhungen sind dann auch kaum mehr in Sicht. Ein Teufelskreis. So ungefähr erklärte uns das mein Lieblingssozilehrer damals.

Heute weiß ich, dass Herr Späth uns damit etwas ganz anderes klarmachen wollte als das, was bei mir angekommen ist. Mein Neuntklässlerinnen-Gehirn konnte nicht darauf schließen, wie wichtig es ist, Familien und insbesondere Frauen zu unterstützen; und zwar nicht (nur) mit Geld, sondern beispielsweise durch passende Betreuungsangebote. Was sich damals aber in meinem Kopf festgesetzt hat: „Du bist eine Frau. Du musst dich entscheiden: Kinder oder Karriere. JETZT!“

Sozistunden und ihre Folgen

Heute ist mir bewusst, dass es nicht nur diese zwei Optionen gibt und sich keine Frau so radikal entscheiden müssen sollte. Aber die 14-jährige Lena hat das so verstanden. So ganz Unrecht hatte sie mit ihrer Einschätzung damals schließlich auch nicht. Laut dem Mikrozensus 2012 lag die Erwerbstätigenquote von Männern, deren jüngstes Kind zwischen drei und fünf Jahre alt war, bei 85,1 Prozent. Bei Müttern mit Kindern im gleichen Alter waren nur 61,8 Prozent erwerbstätig. Seitdem haben sich die Zahlen übrigens ein bisschen verändert. 2018 waren rund 93 Prozent der Männer mit jungen Kindern erwerbstätig – und rund 73 Prozent der Frauen. Insgesamt also höhere Prozentzahlen, trotzdem immer noch eine Differenz von 20 Prozent.

Aber zurück in die Sozialkundestunde: Nach den Ausführungen von Herrn Späth legte sich ein Schalter in meinem Kopf um und der Plan war von da an, den Karriereweg einzuschlagen. Ich glaube, davor habe ich mir nie wirklich ernsthafte Gedanken darüber gemacht, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Grundsätzlich waren da aber sicher auch mal Pläne, Mutter zu werden, eine eigene Familie zu haben, ein eigenes Haus vielleicht sogar in meinem Heimatdorf – wie es mir eben in meiner Familie und in meinem damaligen Umfeld vorgelebt wurde. Und wer weiß, ich will nicht ausschließen, dass das in meiner Zukunft noch passieren wird. Aber diesen tiefen Wunsch nach einem solchen Leben habe ich spätestens seit der geschichtsträchtigen Sozistunde nicht mehr verspürt. Vielleicht auch nur verdrängt, weil ich dachte, ihn verdrängen zu müssen.

Mathematische Lebensentwürfe

Nun bin ich erst 23 Jahre alt. Wenige Personen in meinem Alter wünschen sich gerade schon Kinder. Vor allem nicht, wenn sie wie ich single und noch mitten im Studium sind. Trotzdem gibt es auch in meinem Umfeld diejenigen, die in ihrer Zukunft auf jeden Fall Familie, Kinder und ein eigenes Haus sehen. Und vor allem Frauen, die mit Mitte 20 schon genau ausgerechnet haben, wie sie diese Zukunftsvision zur Realität machen können.

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit einer Freundin getroffen, die ich zuvor lange nicht gesehen habe. Sie hat gerade eine Trennung von ihrem Freund hinter sich. Die beiden waren nur ein paar Monate, vielleicht ein knappes Jahr zusammen gewesen, aber dass nun Schluss war, nimmt sie trotzdem mit. Dann gibt es also ein paar Gläser Weißwein auf ihrer Terrasse und ich versuche, ihr zu erklären, wie schön auch ein Single-Leben sein kann. Aber irgendwie kommt das nicht so bei ihr an. „Du wirst jetzt lachen, Leni, aber ich hab mir das schon alles so vorgestellt mit ihm. Und jetzt hab ich ja nicht nur ihn verloren, sondern diese ganze Zukunftsvorstellung.“ Ich lache nicht. Aber verstehe noch viel weniger. Dann fängt sie also an, mir zu erklären: Sie ist jetzt 23, bald 24 Jahre alt. Sie möchte unbedingt Mutter werden und das auch möglichst jung und bestenfalls nicht nur einmal. Gehen wir also davon aus, dass sie mit 27 ihr erstes Kind bekommen will. Davor möchte sie aber schon verheiratet sein. Wenn möglich mindestens ein Jahr, damit sie auch noch genug Zeit hat, die Zweisamkeit mit ihrem Mann zu genießen, vielleicht zu reisen und sich um eine schöne Wohnung oder – noch besser – ein eigenes Haus zu kümmern. Mit 26 will sie diesem Plan nach also heiraten.  Heiraten will sie aber auch nicht so leichtfertig und einfach irgendwen. Nein, auf keinen Fall, das muss schon wirklich passen – auch auf lange Sicht. „Und deshalb will ich ja auch noch ein paar Jahre vor der Hochzeit mit ihm zusammen sein. Wenn das so klappen soll, hätte ich ihn ja schon vorgestern kennenlernen müssen.“

To plan or not to plan

Es wird noch ein langer Abend mit einigen Gläsern Wein. Auf dem Weg nach Hause lasse ich mir diese mathematische Lebensplanung meiner Freundin nochmal durch den Kopf gehen. Ganz falsch hat sie mich nicht eingeschätzt. Auf eine gewisse Art fand ich es lächerlich, das so durchplanen zu wollen. Ob sie in den nächsten Monaten jemanden kennenlernen wird, der wirklich so gut zu ihr passt, dass sie diese Vision mit ihm zur Realität machen will, kann ihr schließlich niemand garantieren. Und selbst wenn es so wäre, ist es noch keinesfalls sicher, dass sie auch zur „richtigen“ Zeit heiraten und ein Kind bekommen kann. So etwas passiert einfach – oder eben erstmal nicht. Aber es tatsächlich so planen zu wollen, kam mir komisch vor.

Gleichzeitig geht es mir ähnlich – auf eine ganz andere Art. Wie oft ich schon versucht habe, mein zukünftiges berufliches Leben durchzuplanen. Wie häufig ich gegoogelt habe, in welchem Alter welche Journalist:innen bei welchen Medien in welcher Position gelandet sind. Wann welche Autor:innen ihre ersten Bücher veröffentlicht haben, was sie davor gemacht haben, wie sie an den Punkt gelangt sind, an dem sie jetzt sind. Um mir dann auszurechnen, wieviel Zeit mir noch bleibt, um auch auf diesen Weg zu kommen. Vielleicht ist die berufliche Seite der Zukunftsplanung auch etwas mehr manageable als die private, familiäre Seite. Oder um es anders auszudrücken: Auf meine Bewerbungen habe ich mehr Einfluss als auf meine Fruchtbarkeit. Aber trotzdem bezweifle ich auch bei beruflichen Wünschen, dass es wirklich sinnvoll ist, sich so in einen Plan hineinzusteigern. Irgendwo muss das Leben ja auch noch passieren dürfen.

Manchmal glaube ich das wirklich: Dass mein Leben einfach passieren wird. Es ist dann nahezu egal, welche Entscheidungen ich treffe, wann ich welche Schritte gehe und was ich damit erreiche. Weil alles einfach so passieren muss, wie es das eben tut. Und weil letzten Endes dann auch alles genauso richtig ist, wie es ist. Schicksal wahrscheinlich. Und dann stehe ich da – verängstigt von der Vorstellung, dass Pläne sinnlos sein könnten und gleichzeitig beruhigt von der Gewissheit, dass bis hierher auch alles gut gegangen ist.


Von Lena (23): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.

2 Kommentare

  1. Abgedroschen, aber wahr: Leben ist das, was dir passiert, während du andere Pläne schmiedest. Oder so ähnlich. Mathematik ist eine faszinierende Wissenschaft, aber deshalb das eigene Leben in eine Excel-Tabelle zu pressen, links das Alter, rechts der zu erreichende, vermeintlich attraktive Meilenstein? Lieber nicht. Es überrascht mich, dass junge Leute so zielgerichtet planen, statt zu leben. Du siehst das richtig!

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  2. Es passiert so viel! Und man macht sich so viele Gedanken. Auf jeden Fall ist es nach meinen Erfahrungen hilfreich, das, was jetzt gerade da ist (oder geschieht/passiert)als Handlungsgrundlage zu akzeptieren. Es erspart viele überflüssige Gedanken/Sorgen eventuell möglicher Folgen sprich Grübeln. Als Fernziel darf man auch Träume haben. Finde ich. Und mittelfristig komme ich gut klar mit Plan A, B und manchmal C. In jedem Fall gilt: die Erde dreht sich weiter, life goes on, ganz gleich wie ich mich entscheiden mag. Also: nur (Über)Mut! Weiter so! Sehr interessanter Blog!

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