Let’s talk about (…) baby

Mein Herz schlägt senkrecht, seit dem Moment, in dem ich begonnen habe, diese Zeilen zu schreiben. Riesengroße Angst davor etwas Falsches zu sagen, jemandem auf die Füße zu treten, in Unwissenheit zu schwimmen. Männlichkeit – ein Thema, dem sich eine Frau annehmen sollte? Ich weiß nicht recht und hab es trotzdem getan. Das Wörtchen „Mut“ steckt immerhin nicht umsonst in unserem Namen. Und ich denke, glaube, hoffe, ich bin bereit für jeden Gedanken, Zweifel, Kritik.


Gläser klirren, Dicke Zehen schielen über Brüstungsstäbe. Es ist an einem verrauschten Samstagmorgen auf einem überhitzten Balkon, als ein guter Freund sich wiederfindet, inmitten von vier Frauen, die sich gegenseitig ihre Gefühlswelt einverleiben. Während wir vier uns um Kopf und Kragen reden, ist er die meiste Zeit stiller Zuhörer. Nicht unangenehm berührt still – still vor allem deshalb, weil er überwältigt ist, wie viel und detailliert wir reden. Ich weiß, dieser Freund ist ein Mensch, mit dem man ellenlange, lebendige Gespräche führen kann. Umso überraschter bin ich, als er erzählt, dass er nur sehr selten auf seine Freunde zugeht und die Dinge rauslässt, die ihn belasten oder berühren – beim letzten Mal hatte ich das Gefühl, ich kille den Vibe und keiner der anderen wusste so richtig, wie er jetzt reagieren soll.

Wie wir Menschen es viel öfter mal tun sollten, habe ich mich in die Perspektive einer Person hineinversetzt, für die es alles andere als normal ist, täglich mit Freund*innen über Ängste, Freude, wirre Gedanken, Sex, Beziehungen und Unsicherheiten zu reden. In eine Person, für die das keinerlei Priorität hat. In eine Person, für die es aber eine umso größere Überwindung ist, die eigene Gefühlslage mit anderen zu teilen, falls dann doch mal Notwendigkeit besteht. In eine Person, die dann aber Enttäuschung erfährt, weil das Gegenüber nicht angemessen reagiert, weil auch dieses Gegenüber wiederum nicht geübt ist, in solchen Situationen. Am Ende gehen alle mit einer relativ prägenden Negativerfahrung aus der Situation heraus und die Hürde, es wieder zu tun, ist plötzlich doppelt so groß. Ich kann mich noch gut erinnern – mein berauschtes Inneres dachte in diesem Moment, die Erleuchtung aller Erleuchtungen empfangen zu haben: Den Ursprung aller Probleme gefunden zu haben. Die Kluft zwischen Mann und Frau verstanden zu haben. Wieder nüchtern fühlte ich mich nicht mehr erleuchtet, aber das Thema wurde mir zu einer Herzensangelegenheit.

Sozialisation ist real

Wenn mich jemand fragen würde, wie wir am leichtesten den Weltfrieden erreichen können, dann würde ich sagen: Reden. Ich bin eine Verfechterin des Redens. Beim Zuhören nehmen wir meistens die Sichtweise des Gegenübers ein und sobald Perspektiven gewechselt werden, ist Verständnis nur noch Automatismus.

Es wäre ziemlich unsinnig, zu behaupten, dass nur Männer Probleme mit ihrer Kommunikation haben. Wir alle haben das. Denn wir alle leben in einer Welt voll von veralteten Normen, Tabus und glorifizierten „Normalitäten“. Was ich mich aber dennoch frage: Ob dieses Phänomen, bei den „mutigen Beschützern, die nie weinen dürfen“, bei den „Indianern[1], die keinen Schmerz kennen“ zwangsläufig noch ein wenig ausgeprägter aufritt? Sozialisation ist real. Und zumindest meine Generation ist mit genau diesen Glaubenssätzen groß geworden. Ganz nach der Devise: Wenn Männer über Gefühle reden, „verweichlichen“ sie. Und weich sein ist selbstverständlich etwas Schlechtes.

Aber ich bin kein Mann. Aus diesem Grund habe ich mit Männern geredet, ich habe Beobachtungen und Erfahrungen gesammelt, sortiert und irgendwann ineinandergefügt. Außerdem eine Umfrage mit 141 männlichen Teilnehmern geführt. Wichtig: Nicht alle Befragten haben alle Fragen beantwortet.

Aber actually: Bei 69 Teilnehmern reden 55,1 % „nicht so oft“ über negative Gefühle wie Angst oder Unsicherheit. Bei 78 Teilnehmern reden 51,3% „nicht so oft“ über Themen wie Sexualität, Körper und Lust. Bei 75 Teilnehmern reden 42,7 % „nicht so oft“ über persönliche Dinge wie Familie oder Liebe. In allen drei Kategorien schwimmen die restlichen Prozentsätze größtenteils irgendwo zwischen „ab und zu“, „immer mal wieder zwischendurch“ und „sobald mich etwas beschäftigt“ herum. Ein Anteil von 1 bis 14,8 % reden regelmäßig über Gefühle wie diese.

How to do Emotions?

Ziemlich lange Zeit war ich confused as fuck von der Unfähigkeit meines Freundes, Stimmung in Worte zu fassen. So oft schon hatte ich das Bedürfnis ihm einfach die Zunge aus dem Rachen zu ziehen und die Worte, die er nicht hatte, abzukratzen. Donnerstagnachmittag. Er ist bedrückt. Oder grumpy. Oder vielleicht auch nur ein bisschen melancholisch. Ich merke es. Will wissen was los ist. Nichts. Sagt er. Nichts? Frage ich. Keine Ahnung. Sagt er. Ich zähle Dinge auf. Dinge, an denen es liegen könnte. Ja das könnte sein. Sagt er. Aber nicht sicher.

Da erst wurde mir bewusst, dass er nicht nur Probleme damit hat, seine Emotionen in Worte zu fassen, sondern, dass es schon daran scheitert, überhaupt zu erkennen, was der Ursprung seines moods ist. Ungefähr ¼ Leben hat er nicht mal kapiert, dass er echt nicht gut über Gefühle reden kann, geschweige denn gemerkt, dass ihn genau das auch belastet. Holy Shit, dachte ich. Dieses ständige Teilen von Gedanken – teilweise zwischen Tür und Angel – das ist die Tür zu meinen Gefühlen! Ich will damit nicht sagen, dass alle Menschen ständig so viel labern müssen wie meine Freundinnen und ich. Jeder Gedanke, jede Erfahrung ist eine eigene Einleitung + Hauptteil + gemeinsame Analyse + anschließendes Fazit wert. Und das ist auch irgendwie schräg. Und mit Sicherheit auch nicht immer gesund. Aber Tatsache ist: Ich kann meine Gefühle greifen, ich kann sie anderen erklären und ich lerne täglich mehr mit ihnen umzugehen. Meistens zumindest.

„nicht so oft“/ „ab und zu“/ „immer mal wieder zwischendurch“ – ich kann nicht anders, als mich zu fragen: Haben Männer tendenziell einen schlechteren Zugang zu ihren Emotionen?

Ich weiß, diese Behauptung ist grob verallgemeinert. Ich weiß, 69 bis 75 Menschen sind nicht repräsentativ für eine Gesellschaft. Ich weiß, es gibt auch Frauen, die wenig reden. Ich weiß, es gibt auch Männer, die sehr viel reden. Ich weiß, es gibt Menschen, die ganz alleine mit ihren Gefühlen klarkommen, für die Reden nicht die Lösung ist.  Ich weiß, es gibt viele Ausnahmen – aber die bestätigen am Ende dann doch irgendwie die Regel.

Und genauso oft wie ich schon davor war, diese Zeilen allesamt wieder zu löschen, genauso häufig werde ich wieder daran erinnert, dass das Thema Relevanz hat. Vor genau 43 Stunden erst, stand ich neben einem Kumpel in der Bahn. Die Sekt-Mate wanderte zwischen uns beiden hin und her, als er mich mit irgendetwas zutextete, das ich leider vergessen habe. Was ich aber ganz und gar nicht vergessen habe, ist der Moment, in dem er seinen Mitbewohner anguckte, dann seine Lippen in die Richtung meiner Ohren navigierte und lallte: Weißt du? Wir schauen uns so oft gegenseitig in die Augen und wissen ganz genau wie‘s dem anderen geht. Aber einfach niemand sagt etwas.

Schamgefühl, diese kleine Bitch

Nicht eine einzige Person der 141 Teilnehmer konnte mir eine öffentliche Person, Youtuber:in, Influencer:in oder ganz allgemein – einfach nur einen Kanal – nennen, auf dem ehrlich über Männlichkeit, Körperlichkeit, Sexualität und die damit verbundenen Gefühle gesprochen wird.

What.

The.

Fuck.

Ich weiß nicht, ob ich etwas verpasst hab, aber ich dachte eigentlich, wir sind mittendrin im Zeitalter der digitalen Vergemeinschaftung und angepassten Algorithmen. Wie bitteschön kann es Online nur so wimmeln von weiblichen Body Positivity-Influencer:innen und Aufklärungs-Kanälen, während 141 Männern nicht einmal eine einzige Person einfällt, die öffentlich sagt:

JA! ICH HABE MANCHMAL EREKTIONSPROBLEME! WHO CARES?

Wo in aller Welt sind die Penis-Influencer:innen, die mit allen teilen, dass auch sie Komplexe haben? Dass man Sexualpartner:innen auch mit „kleinem“ Penis zum Orgasmus bringen kann? Wo sind die Memes über tighte, unbequeme Boxer-Shorts und den ewigen Struggle zwischen „Ich hätte ja schon gerne Mal einen Prostata-Orgasmus, aber komm mir ja nicht in die Nähe meines Arschs“? Und wo zum Teufel sind die Social Media-Ratgeber, die Frauen erklären, wie sie mit all diesen Dingen umgehen können?

Hat unsere Generation nicht eigentlich längst verstanden – sich nackt machen schafft Identifikation, Ehrlichkeit, vergemeinschaftet? Du bist nicht der einzige Mensch, der Versagensängste hat, der sich einsam fühlt, dessen Ego verletzt ist, wenn er geghostet wird, der sich trotz glücklicher Beziehung nach anderen sehnt, der sich schämt, weil er Füße geil findet, der sich zu dick fühlt oder zu dünn oder zu „unmännlich.“ Wir Frauen kennen diese Art der Vergemeinschaftung. Hätten wir uns nicht vergemeinschaftet, dürften wir vermutlich immer noch nicht wählen. Sie empowert uns. So sehr, dass mir fast die Tränen kommen.

Mag sein, dass Reden nicht jedermanns Lösung ist, aber zumindest Ich glaube fest daran: eine Öffnung dieses Diskurses, eine Normalisierung gefühlvoller, ehrlicher und mutiger Unterhaltungen zwischen Männern, eine Vergemeinschaftung dieser Art, könnte Berge versetzen. Ich denke, genau diese Art der Kommunikation könnte Unsicherheiten heilen, Gefühle befeuern und ans Licht kommen lassen. Ich glaube, sie kann dazu beitragen, toxische Männlichkeit langsam aber sicher im Keim zu ersticken.

Nach all den Gesprächen und Gedanken frage ich mich: Verspüren Männer eine ganz andere, eine völlig unterschätzte Form von Scham über ihren Körper, ihre Sexualität und ihre eigenen Gefühle? Eine Scham, die von einem völlig totgeschwiegenen Diskurs rührt. Eine Scham, die da ist, weil niemand den Mund aufmacht und ausspricht: Ich und mein Körper – wir sind nicht perfekt. Ich und mein Körper – wir sind nicht durch und durch „männlich“. Ich und mein Körper – wir können nicht jede Frau im Stehen vögeln. Ich und mein Körper – wir können diese Gedanken nicht einmal richtig zulassen. Weinen können wir erst recht nicht deswegen. Und was mein Körper und ich am aller wenigsten können – ist über all das reden. 


[1] Der Begriff „Indianer“ ist eine Fremdbezeichnung von weißen Kolonialist*innen. Er steht somit auch für die versuchte Ausrottung indigener Bevölkerungsgruppen. Der Begriff ist zudem nicht differenziert. Ich habe ihn im Kontext des deutschen Sprichwortes „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ gesetzt, um darauf aufmerksam zu machen, unter welch problematischen Glaubenssätzen meine Generation groß geworden ist. Der Begriff „Indigene“ ist als übergeordnete Selbstbezeichnung akzeptiert. Ebenso können die einzelnen Gruppen differenziert benannt werden.



Die anonyme Umfrage wurde mit dem Tool Survio geführt. Die Teilnehmenden sind Männer aus meinem Umfeld, zwischen 18 und 35 Jahren. Da die Umfrage anonym ist, konnte ich die Vorgaben (Geschlecht und Alter) im Nachheinein nicht prüfen.


© Titelbild made by Marcos Guinoza. Instagram: marcosguinoza


Von Lilly (25): Lilly ist Fan von jordanischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. Lilly ist eine weiße hetero Cis-Frau.

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