Keine Promo für die FOMO – Warum man nicht immer überall dabei sein muss

Die einen haben’s mehr, die anderen weniger: die Angst, Dinge zu verpassen: die „Fear of Missing Out“ (FOMO). Ich hab sie. „Bloß nicht zu Hause bleiben, denn es könnte ja sein, dass meine Freund:innen den besten Abend der Welt erleben – und ich bin nicht dabei. KATASTROPHE“, schreit mich mein Hirn an, sobald ich mich alleine auf die Couch setze. Hirn, lass das mal bitte.

Neulich saß ich abends in der Küche. Nach zwei extrem anstrengenden und vollgepackten Tagen hatte ich endlich einmal Zeit, durchzuschnaufen, einen Stracciatella-Joghurt zu löffeln und eine dicke Mücke beim Breakdancen an der Wand zu beobachten.

Lange war es um mich herum nicht mehr so leise… Das machte mich skeptisch.

Und so wurde das Genießen dieser Stille plötzlich ungenießbar. Mein Hirn meldete sich zu Wort: „Ja moin, warum isset denn hier eigentlich so still? Normalerweise rennt hier doch immer eine:r deiner vier Mitbewohner:innen durch die Gegend. Wo sind die gerade, wat machen die?“ (Mein Hirn spricht übrigens mit Dialekt) „Wat, wenn die genau jetzt in diesem Moment etwas Lustiges oder Spannendes erleben, über das im Anschluss alle reden, und du warst nicht dabei? Wat, wenn genau jetzt ein neuer Running Gag oder Insider entsteht, bei dem du in Zukunft nicht mitreden kannst? Du wirst dich ausgeschlossen fühlen.“

OMG. Joghurtbecher aus der Hand, Handy in die Hand, am liebsten schnell „Was geht bei euch heute?“ in den WG-Gruppenchat tippen, aber dann – doch nicht. Denn an diesem besagten Abend habe ich mich zum ersten Mal seit langem gezwungen, meiner Angst, Dinge zu verpassen, den Kampf anzusagen, indem ich Folgendes tue: nichts.

Insta-Story ohne mich? Diese Bitches

Es ist ein unbehagliches Gefühl, diese Angst, etwas zu verpassen. Meistens sind es soziale Ereignisse. Und Instagram macht das natürlich nicht gerade besser: Ein kleiner Stich im Herzen, wenn ich sehe, wie meine Freundinnen in einer Insta-Story ohne mich zusammen in die Kamera lächeln, weil ich keine Zeit hatte, dabei zu sein. Diese Bitches, wie können die nur.

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Aber warum ist das so? Warum denkt man immer, sobald man einmal nicht dabei ist, passiert irgendetwas Weltbewegendes, das man verpasst? Obwohl man doch genau weiß, dass es noch Tausende solcher Treffen geben wird. Vielleicht liebe ich meine Freund:innen einfach nur so sehr, dass es mich innerlich auffrisst, wenn mir eine Möglichkeit entgeht, mit ihnen Zeit zu verbringen. Vielleicht ist das aber auch nur richtiger Cheesy-Bullshit und ich bin einfach süchtig nach Kontrolle und fürchte mich vor dem Gefühl des Ausgeschlossenwerdens. 

Rational betrachtet, ist das was hier passiert, einfach nur ein Überdramatisieren, also ein klassischer Fall von Overthinking. Man ist Sklav:in des eigenen Gedankenkarussells. Ich habe schon oft gegoogelt, wie man das in den Griff bekommt. Die Psychologin Gwendoline Smith erklärt, dass Overthinking mit einer vorbeugenden Wirkung von Ängsten zu tun hat. Das heißt, wir malen uns unsere Ängste in den ärgsten Dimensionen aus, weil wir glauben, dass wir die befürchteten Ereignisse beherrschen und ihr Eintreffen womöglich abwenden können. Wenn ich mir also die ganze Zeit einrede, dass meine Freundinnen ohne mich bestimmt den besten Abend ihres Lebens haben, zufällig Leonardo Di Caprio vorm Kebabland treffen und danach alle gemeinsam im Lotto gewinnen, ist der Schmerz nicht mehr so groß, wenn sie mir am nächsten Tag erzählen, dass GENAU DAS eingetroffen ist. Denn ich bin es ja im Kopf bereits durchgegangen. Also falle ich nicht mehr so tief.

Gedanken sind keine Fakten

In so einem Fall soll man sich laut Smith klarmachen, dass Gedanken keine Fakten sind. Wie wahrscheinlich ist es, dass bei diesem einen Treffen deiner Freund:innen, bei dieser einen Party, bei diesem einen Filmabend ohne dich etwas derart Krasses passiert, dass du dir nie verzeihen wirst, nicht dabei gewesen zu sein? Sehr unwahrscheinlich. Außerdem siehst du deine Freund:innen eh morgen und dann werden sie dich noch genauso mögen wie gestern. Ihr habt euch nicht entfremdet, nur weil du einmal gefehlt hast. Wenn man sich beim Overthinken von außen betrachtet, kann man die Dinge meist etwas klarer sehen.

Und das habe ich an besagtem Joghurt-Abend versucht. Ich habe tief Luft geholt,  bin in mein Zimmer gegangen, habe mein Handy ausgeschaltet und Brooklyn 99 geguckt. Und tatsächlich hatte ich nach anfänglichen Schwierigkeiten einen richtig entspannten Abend mit Jake Peralta und Captain Holt. Da hätten andere eh nur gestört. Ich habe gemerkt: Wer permanent unter der Angst leidet, etwas zu verpassen, verliert die Fähigkeit, Dinge einfach nur zu genießen. Und ich will in Zukunft mehr genießen und weniger grübeln. Mal sehen, ob es mir gelingt.


Von Fee (28): Während Fee sich früher noch Kurzgeschichten über böse Punker ausgedacht hat, schreibt sie heute als Journalistin lieber Texte über die Gefühle ihrer Generation, über gesellschaftliche Missstände und inspirierende Menschen. Manchmal macht sie auch einen Fernsehbeitrag darüber. Ihr Mitbewohner sagt, sie wäre etwas zu vorwitzig und sollte weniger Fragen stellen, aber sie sieht das anders. Immer am Start: Empathie, der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen und Hündin Martha.

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