Zwischen „Girls support Girls“ und „Nur eine kann Germany’s next Topmodel werden“

Ich bin eine Frau. Fühle mich wie eine Frau. Sehe aus wie eine Frau. Oder zumindest so, wie unsere Gesellschaft das Aussehen einer Frau eben stereotypisiert. Und obwohl doch damit alles geklärt zu sein scheint, frage ich mich immer öfter, was Frausein für mich bedeutet. Und immer öfter bin ich verwirrt, weil mir meine Umwelt so vielfältige und gleichzeitig so limitierte Frauenbilder präsentiert, dass ich mich in diesem ständigen Widerspruch manchmal selbst nicht mehr finde.


Ich bin eine weiße, hetero cis-Frau und lebe in Europa. Ich habe das Privileg, über vieles nicht nachdenken zu müssen. Und ich trage die Bürde, vieles zu zerdenken. Zum Beispiel, was es in unserer Gesellschaft bedeutet, eine Frau zu sein. Ob Frausein ein Gefühl beschreibt oder einfach nur biologische Geschlechtsmerkmale. Ob mir Pionier:innen der westlichen Frauenbewegung wie Simone de Beauvoir oder Judith Butler durch die Trennung von biologischem und sozialem Geschlecht zufriedenstellende Antworten geben können – oder ob mich die wissenschaftliche Abstrahierung eines Diskurses, der für mich viel mehr emotional ist, nicht eigentlich noch mehr verwirrt. Ich glaube, verstanden zu haben, dass Geschlechtsidentität und soziale Geschlechterrolle sozial konstruiert sind und nicht zwangsläufig übereinstimmen müssen – und dass es mir das gesellschaftliche Leben unheimlich vereinfacht, dass es das bei mir doch tut. 

Wenn es um meine Geschlechterrolle geht, bin ich trotzdem immer öfter unsicher, weil ich das Gefühl habe, labeln zu müssen, was für eine Rolle ich einnehme – was für eine Frau ich bin. In einer Gesellschaft, die denkt, verstanden zu haben, dass Frausein so viel bunter, komplexer und vielfältiger ist als uns über Jahrhunderte hinweg weisgemacht wurde. In der ich aber trotzdem immer wieder das Gefühl habe, mich einfügen zu müssen. In Konstrukte, die mir Medien, Umwelt und Gesellschaft vorschreiben – und deren Widersprüchlichkeiten mich oft heillos überfordern.

Getrocknete Wimperntusche und zu viel Make-up

Die Wahrheit ist, dass ich in vielen Situationen im Alltag gar nicht umhin komme, darüber nachzudenken, was Frausein für mich bedeutet – und was für eine Frau ich sein will. Ich fange schon an, wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe. Dann denke ich darüber nach, ob ich mir für die Arbeit die Wimpern mit einer schwarzen Bürste auftoupiere oder doch lieber in dem Look verweile, in dem ich aus dem Bett gestolpert bin und den der liebe Herrgott mir vermacht hat.  Ich denke darüber nach, wie ich aussehen will. Wie ich wirken will. Gepflegt. Schon auch gut. Eben ansprechend für andere Menschen. Wobei doch sowieso jeden was anderes anspricht. Auf keinen Fall aber oberflächlich. Ich will ernstgenommen und auf keinen Fall für dumm gehalten werden.

Aber mal ehrlich, wer sagt, dass geschminkte Frauen nicht auch ernstgenommen werden können? Warum zur Hölle orientiere ich mich eigentlich gerade an uralten, stereotypen Frauenvorstellungen, die ich selbst schon lange als problematisch anerkannt habe? Und überhaupt: Haben wir das als Gesellschaft nicht schon lange überwunden?

Wie soll man solche Vorurteile aus den Köpfen einer ganzen Gesellschaft verbannen, die ihre Werte jahrhundertelang auf stereotypen Geschlechterkonstruktionen gefußt hat? Ich schaffe es ja schließlich nicht mal, sie komplett aus meinem Kopf zu löschen.

Instagram als El Dorado der Diversität

Wenn ich auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn sitze und durch die pastellfarbene Instagram-Welt scrolle, denke ich, den Beweis dafür gefunden zu haben, wie fortschrittlich wir als Gesellschaft doch geworden sind. Instagram ist dann ein paradiesischer Ort, an dem weibliche Rollenbilder aufgebrochen werden: Hier tummeln sie sich doch, die starken Frauen. Wie Shirin David, die stereotype Weiblichkeitsvorstellungen umdreht und die männlich konnotierte Gangster-Macho-Attitüde für sich in Anspruch nimmt. Konstatierend, einfach zu tun und zu lassen, was sie will. Shirin ist knallharte Geschäftsfrau. Vorbild und Sprachrohr für 6 Millionen Anhänger:innen. Die meisten von ihnen Frauen. Shirin ist eine von ihnen. Eine von uns. Zumindest behauptet sie das. 

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich zu wissen, was Frausein für mich bedeutet. Was für eine Frau ich sein will. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Bilder von Frauen sehe, die mit dem Hashtag #bodypositivity versehen sind. Oder #imperfections. Bilder von Frauen mit Makeln. Frauen mit Dellen in den Beinen. Frauen mit Falten um die Augen. Frauen aus dem Leben, die ihren Job lieben, ihr Mutterdasein, ihr Frausein. Studentinnen, Polizistinnen, Journalistinnen oder Umweltaktivistinnen. So will ich sein. Tun, was ich liebe. Egal, ob ich in einem viel zu üppig gepolsterten Designer-Chefsessel lande oder Klopapier über die Ladenkasse katapultiere. Egal, ob und welche Geschlechterrolle ich dabei bediene oder wie ich dabei aussehe. Einfach machen, aussehen, sein, wonach ich mich fühle. Einfach Frau sein – ohne Gefahr zu laufen, in irgendein idealtypisches Rollenbild zu fallen. Ich kann Mutter sein, ohne das Stereotyp der Hausfrau zu bedienen. Ich kann keine Mutter sein, ohne mich einem gesellschaftlichen Rollenideal zu widersetzen. Ich kann mich schminken, ohne oberflächlich zu wirken. Ich kann ungeschminkt sein, ohne weniger weiblich zu wirken.

Das leicht überkreuzte Bein

Dass Grenzenlosigkeit doch nur eine Illusion ist, die in meiner kleinen privilegierten Bubble stattfindet, macht mir dann ausgerechnet das Medium deutlich, in dem ich doch die Fortschrittlichkeit der Welt gefunden zu haben scheine. Dann wird mir klar, dass das Umfeld, in dem ich mich bewege, genauso von einem Algorithmus dominiert wird wie die Bilder, die mir auf meinem Instagram-Feed angezeigt werden. 

Weil ich das nur schwer ertragen kann, schreibe ich meine Bachelorarbeit über Weiblichkeitskonstruktionen auf Instagram. Ich will herausfinden, inwiefern die Plattform von traditionellen Rollenbildern dominiert wird – oder ob die Diversität, die Grenzenlosigkeit, die Fortschrittlichkeit vielleicht doch so allgegenwärtig ist, wie ich es mir wünsche. 

Ich bin frustriert. Alles, was ich in meiner Bachelorarbeit tue, ist bestätigen, was eine umfangreiche Studie der MaLisa-Stiftung 2019 schon herausgefunden hat: Diejenigen Frauen mit der größten Reichweite, den meisten Follower:innen, entsprechen fast alle den stereotypen Weiblichkeitsidealen. Dabei bedienen sie sich tradierten Posen, die schon die Menschen in den 50ern auf sexualisierten Werbeplakaten begaffen durften. Brust raus. Hintern seitlich zur Kamera. Das Bein leicht überkreuzt. Den Mund ein bisschen geöffnet und der Blick: verführerisch. Klar.  Die Frau als Objekt der Begierde. Pamela Reif, Bibis Beauty Palace, Caro Daur. Sie alle beherrschen die Rolle perfekt. 

Girls support Girls im Kampf gegen das Patriarchat 

Zu finden sind diese Posen auch auf dem Profil von Shirin David. Ziemlich oft. Ganz nebenbei hat sie auch noch 75.000 Euro in Schönheitsoperationen investiert. Das erzählt sie beinahe stolz in einem YouTube-Video, welches sie mittlerweile von ihrem Kanal genommen hat. 

Wenn ich sie dabei beobachte, wie sie in einem 10.000 Euro teuren Gucci-Mantel aus einem Luxushotel in Dubai in die Kamera spricht, muss ich schmunzeln. Sie erzählt von ihrem Nummer-eins-Album. Und dass sie es an die Spitze geschafft hat, ohne andere Frauen ausstechen zu müssen. Girls support Girls. Sie suggeriert: Wir Frauen müssen zusammenhalten. Uns gegen das Patriarchat auflehnen, das wir trotz der vielen gesellschaftlichen Fortschritte immer noch nicht überwunden haben. Frauen-Empowerment. Egal, wie wir aussehen, was wir machen, woher wir kommen. Frausein ist jetzt ein Kampfbegriff. Sich als Frau identifizieren wichtig. Dabei wie das menschgewordene Stereotyp der sexy Frau auszusehen, ist jetzt keine Anpassung mehr an Ideale, sondern bloß ein heroischer Akt feministischer Selbstermächtigung. 

Mit ein paar Millionen auf dem Konto scheint der Widerspruch leichter zu ertragen.  

Rasier’ dir bitte trotzdem die Beine

Ich komme weniger gut darauf klar. Egal, wie fortschrittlich, feministisch oder selbstermächtig manche Frauen auf Instagram sich präsentieren. Egal, wie viel Diversität, Gender Fluiditität und Body Positivity auf Instagram herrschen. Idealistische Frauenrollen sind eben oft lauter. Sei stark wie Shirin. Und sieh dabei bitte sexy aus. Sei feministisch wie Diana zur Löwen, aber rasier‘ dir bitte trotzdem die Beine. Sei alleinerziehende Mutter wie Anne Wünsche, aber verdien bitte trotzdem genug Geld, um dir ein Ferienhaus auf Malle zu kaufen. Jetzt ist Instagram nur ein Sammelsurium an potentiellen Frauenrollen, von denen sich die idealisierten doch immer durchsetzen. 

Und egal, wie sehr wir Girls uns auch supporten, es kann doch nur eine Germanys next Topmodel werden. Und egal, wie vermeintlich divers Heidi Klum ihren Määädchen-Kader auch aufstellen mag, auf dem Siegesträppchen steht, wer über zwei Monate Sendezeit tapfer die ihr von der Produktion auferlegte Frauenrolle verkörpert. Die Zicke. Die Schüchterne. Die Süße. Die Mutter. Die Diverse. Die Schöne. 

Noch dramatischer sieht es übrigens bei YouTube aus. Da reden Frauen nämlich zum Großteil immer noch über Schminke, Nähen und Familie. In Musikvideos halten sie vornehmlich ihren Po in die Kamera – das haben ebenfalls Studien der MaLisa-Stiftung herausgefunden. 

Wer sich einfügt, hat es also leichter in den Medien. Vielleicht mehr Erfolg. Vielleicht auch im Leben?

Jeder Gedanke verschwendet

Wenn mir an der Arbeit für einen öffentlich-rechtlichen Sender einen Beitrag über „hässliche Männer, die mit schönen Frauen zusammen sind“ für ein Nachmittagsmagazin über den Weg läuft, packt mich die Resignation. Dann denke ich, dass diese Welt doch sowieso so tief durchtränkt ist von idealtypischen, tradierten Frauenrollen. Dass jeder Versuch, sich diesen langfristig zu widersetzen, doch sowieso aussichtslos sein muss. Weniger nachdenken, mehr im Gender-Strom schwimmen.

Immer noch am Schwimmen

Tief in mir ist da trotzdem etwas entfacht. Ich habe schließlich nicht umsonst hunderte von Stunden in meinem akademisierten Elfenbeinturm verbracht, mich Semester für Semester durch Gender Studies, Systemtheorien und soziale Lerntheorien gequält, nur um am Ende seufzend die Bücher zuzuklappen und zu resümieren, dass die Welt leider unveränderbar scheiße ist und Frauen endlich mal darauf klarkommen sollen, Frauen zu sein. 

Und auch wenn ich manchmal glaube, in den ganzen aktuell herrschenden widersprüchlichen Rollenbildern zu ertrinken, weiß ich, wie wichtig dieser innere Diskurs für mich ist. Dass ich in einer Gesellschaft lebe, die sich unglaublich abhängig von den Normen, Werten und Auffassungen ihrer Vergangenheit gemacht hat – in der aber auch so viel Bereitschaft und Potential für Veränderung steckt, dass wir uns als Menschen erstmal finden müssen. Vor allem aber, dass wir anfangen müssen, darüber zu reden. Damit wir vielleicht irgendwann einen Weg aus diesem Rollen-Labyrinth finden. 


Von Alex (25): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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