Hier, du kriegst mein letztes Hemd

Wart ihr nach einem Regentag schon mal total durchnässt, weil ihr unterwegs euren Regenschirm an jemand anderen verschenkt habt? Oder habt ihr euch vielleicht sogar schon mal fast für jemanden aufgegeben, um ihn oder sie zu retten – und dabei euch selbst vergessen? „Selbstlos sein“ – wenn man das zweimal liest, klingt das irgendwie ungesund. Und ja, die eigenen Ressourcen für das Wohl anderer zu verbrauchen, ist eigentlich nicht gerade ritterlich.


Letzte Woche, Rewe, vorm Weinregal. Ich hab Kopfhörer drin, während ich mich der altbekannten Möglichst-billig/Möglichst-hübsches-Etikett-Herausforderung stelle. Und obwohl ich währenddessen gleichzeitig noch aufmerksam Jan Böhmermann und Olli Schulz zuhöre, unterbricht das laute Klirrgeräusch hinter mir schlagartig meinen Entscheidungsprozess. Ich drehe mich um und sehe einen gestressten Typen, der bis zum Kinn mit mindestens elf Gegenständen gleichzeitig vollbepackt ist, weil er anscheinend keinen Bock auf einen Einkaufskorb hatte. Deswegen war ihm gerade eine volle Rotweinflasche runtergefallen und in 316 Teile zersplittert. Der Arme. Ich folge direkt meinem ersten Impuls: Hinrennen und voll in die Scherben packen, um beim Aufheben zu helfen und um ihm das Gefühl zu geben, dass das doch jedem mal passieren kann. Ich habe heute noch einen Splitter im Finger.

16. Juni 2013, tiefstes Saarland, spät abends nach einem Dorffest. Wir sind eine Person zu viel fürs Großraumtaxi. Ich steige wieder aus und überlasse einer Bekannten den Vortritt, mit den Worten „Drinnen ist bestimmt noch jemand, der mich nach Hause fährt, fahrt ruhig ohne mich“. Da drinnen gab es niemanden, der mich nach Hause fährt, und das wusste ich. Aber ich würde schon irgendwie heimkommen. Bin ich dann auch, aber erst um 7 Uhr morgens und recht unterkühlt.

Eine angespannte Situation entspannen

Das sind nur zwei Beispiele von Hunderten, die ich jetzt auflisten könnte. In solchen Lebensmomenten ist mein Bedürfnis, durch ein Hilfsangebot so schnell wie möglich die Situation zu entspannen, meistens deutlich stärker als Selbstfürsorge und Vernunft. Möglicherweise habe ich auch ein Faible für Märchen und will unbedingt eine Ritterin auf dem Pferd sein. Was feststeht: Ich wünsche mir, dass es allen gut geht und vergesse dabei so manches Mal mich selbst. Was Hoffnung macht: Es ist schon viel besser geworden.

Wenn ich mir anschaue, welche hirnrissigen Helfer-Entscheidungen ich teilweise mit 20 getroffen habe, kann ich nur noch den Kopf schütteln. Damals hätte es mich nicht gewundert, wenn eines Tages Dipl.-Ing. Daniel Düsentrieb wegen Ideendiebstahls gerichtlich gegen mich vorgegangen wäre, weil er als Erster ein Patent auf das Helferlein beantragt hat. Aber auch heute stecken diese Tendenzen immer noch in mir – genau wie der Glassplitter in meinem Finger (der übrigens mit jedem getippten Buchstaben piekst).

Menschen mit Puderzucker drauf

Ich finde, Hilfsbereitschaft und generell Aufmerksamsein sind schöne Eigenschaften, die ich auch an anderen sehr schätze. Ich backe gerne für meine Mitbewohner:innen drei Stunden lang grundlos Kuchen und ich bin lieber einmal zu oft laut als wegzuschauen, wenn ich irgendwo jemanden sehe, der oder die Hilfe braucht. Ich mag das an mir und finde diese Eigenschaft auch an anderen sympathisch. Hilfsbereite Menschen sind für mich wie normale Menschen, aber mit Puderzucker drauf. 

Was ich allerdings nicht an mir mag, ist, wenn ich trotz Termindrucks meine Bahn verpasse, weil ich die Seniorin, die mir am Gleis von ihrem Zimtschneckenrezept erzählt, nicht in ihrem Redefluss unterbrechen will und ihr weiter zuhöre, während die 13 ohne mich losfährt.

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Und noch weniger mag ich es, wenn es mir richtig schlecht geht, weil ich mich von anderen Menschen so ausgesaugt fühle, dass ich denke, mein Akku wird nie wieder voll sein.

Fast stubenrein – wir arbeiten dran

Ich werde jetzt nicht küchenpsychologisch versuchen zu erörtern, woher so ein Helferkomplex rühren kann. Fakt ist, er gehört zu mir und ich versuche noch, ihn zu erziehen. Inzwischen ist er wenigstens schon mal fast stubenrein, manchmal pisst er mir noch in die Ecke und ich muss die Sauerei dann aufwischen, aber wir arbeiten dran.

Den Mittelweg zu finden zwischen Altruismus und Egoismus, das ist nicht leicht, wenn man „von Natur aus“ immer wieder in die Helferrolle rutscht. Aber wer das schon durch hat, der weiß: Man sollte sich niemals selbst in Brand setzen, nur um andere zu wärmen, denn die ganze Energie verpufft einfach und niemand hat am Ende etwas gewonnen. Wenn du Glück hast, hast du Freund:innen, die dich richtig gut kennen und es dir gesünder vorleben. Lektion 1: Rücksicht sollte man nicht nur auf andere nehmen, sondern auch auf sich selbst. Lektion 2: Man kann hilfsbereit sein, ohne die eigenen Bedürfnisse unter den Teppich zu kehren. 


Von Fee (28): Während Fee sich früher noch Kurzgeschichten über böse Punker ausgedacht hat, schreibt sie heute als Journalistin lieber Texte über die Gefühle ihrer Generation, über gesellschaftliche Missstände und inspirierende Menschen. Manchmal macht sie auch einen Fernsehbeitrag darüber. Ihr Mitbewohner sagt, sie wäre etwas zu vorwitzig und sollte weniger Fragen stellen, aber sie sieht das anders. Immer am Start: Empathie, der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen und Hündin Martha.

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