Mit Namaste die Psyche retten?

Yoga, Meditation, Dankbarkeitstagebuch. Als mich die kalte Klammer der Angst nicht mehr loslassen wollte, habe ich das alles ausprobiert. Wie viel meines Wohlbefindens ich selbst in der Hand habe und warum ich jetzt eine Wellenreiterin bin, davon handelt dieser Text.


Disclaimer: Achtsamkeit ist kein Allheilmittel für psychische Erkrankungen. Sie erfordern – wie jede andere Krankheit auch – professionelle Unterstützung. Ich möchte mit diesem Text deshalb auch kein Achtsamkeitsseminar geben, sondern nur meine individuellen Erfahrungen teilen.

Vor etwas mehr als einem Jahr stand ich plötzlich unter Strom. In meinem Kopf lief ein Film, der alles um mich herum übertönte, worauf mein ganzer Körper mir unmissverständlich zu verstehen gab: Du bist in großer Gefahr! Gänsehaut kroch über meinen Rücken und mein Herz hämmerte mir in den Ohren. Mein Nacken ebenso wie mein Darm krampften sich zusammen und eine unangenehme Hitze eroberte mein Gesicht.

Dieses unangenehme Gefühl, das sich als innere Intuition zu verkleiden versuchte, nennt sich Angst. Und sie war gekommen, um zu bleiben. Sie griff an, was mir am wichtigsten ist. Wo ich am verwundbarsten bin. Umso schwerer war es, sie einfach links liegen zu lassen. 
Nachts kaperte sie meine Träume und tagsüber mein Leben. Jeden Abend hoffte ich, dass sie am nächsten Morgen endlich weitergezogen sein würde. Wie eine Erkältung oder ein Infekt. 

Doch Spoiler: So einfach läuft das nicht.

Kein zurück, wie voran?

Als ich mich nach mehreren Wochen in diesem lähmenden Dauerzustand gefangen, endlich in die Therapie schleppte, wurde mir direkt klar gemacht: Eine “Heilung”, wie ich sie mir erhofft hatte, gibt es nicht. Mein normales Leben würde ich nicht zurückbekommen. Vielmehr müsse ich mich wieder aufrappeln und lernen, mit der Angst zu leben. „Machen Sie etwas, das Ihnen guttut – üben Sie Achtsamkeit!“, riet mir die Therapeutin. 
So hatte ich mir das nicht vorgestellt. 

Denn mit “Achtsamkeit” assoziierte ich erstmal nur zwei Dinge:

  1. Seminare von Yoga-Gurus in rot-ausgeleuchteten Räumen, vollgestopft mit Klangschalen, Räucherstäbchen und Meditationskissen. 
  2. Überteuerte Shit-Produkte wie Tagebücher, Kerzen, Tees, Mandalas, Badekristalle und Traumfänger – erhältlich bei jedem Reformhaus um die Ecke. Und bei Urban Outfitters.

Und das sollte mir jetzt aus meiner Krise helfen?

Das Geheimnis der Achtsamkeit

Durch längere Recherchen in (ernstnehmbaren) Online-Ratgebern und Selbsthilfe-Büchern fand ich heraus, dass hinter Achtsamkeit nicht nur Spiritualität, sondern vor allem viel Praxis steckt. Eine Praxis, die bei Angststörungen tatsächlich als wirksam erachtet wird. Es geht nämlich darum, raus aus dem Kopf und rein in den Körper und damit raus aus dem Film, zurück in das Hier und Jetzt zu kommen. Nicht indem das Denken abgestellt, sondern indem es mit mehr Distanz wahrgenommen wird. 

Anstatt mich also von jedem Gedanken wie von einem 5-Tonner Lkw in voller Fahrt überfahren zu lassen, kann ich mich an den Straßenrand setzen und die Lkws beobachten und vorbeirauschen lassen. Die Abgase, der Lärm und der Fahrtwind wären dann kurzfristig immer noch unangenehm – aber besser, als plattgewalzt zu werden.
Zu diesem Zeitpunkt hingegen fand ich mich mitten auf einer dreispurigen Autobahn wieder und wollte es einfach irgendwie auf den Standstreifen schaffen. 

Drei tägliche Achtsamkeitsübungen sollten mir ab jetzt dazu verhelfen: Yoga, Meditieren und ein Dankbarkeitstagebuch. Ich erstellte mir Erinnerungen auf meinem Smartphone, sodass ich die täglichen Rituale bloß nicht vergessen würde, schaffte mir ein Notizbuch an, legte mir eine Meditations-App (und ja, auch ein Meditationskissen) zu und begann eine 30-Tage-Yoga-Challenge auf YouTube.

Yoga, Meditation & Dankbarkeit: die Lösungen für meine Probleme?

Letzteres wurde direkt zur größten Bereicherung meines Alltags. Mein Körper hatte sich also scheinbar sehr nach Bewegung gesehnt. Und auch für die ganze Energie, die die Angst täglich in mir aufgestaut hatte, gab es endlich ein Ventil – zwar ein kleines, aber immerhin. Immer öfter schaffte ich es, mich wieder mehr auf meinen Körper und meinen Atem zu konzentrieren und so aus meinen inneren Wirbelstürmen auszubrechen.

Auch die morgendliche Meditation war dabei hilfreich: Zwar habe ich schnell gemerkt, wie fucking unachtsam ich eigentlich den ganzen Tag über bin (anfangs konnte ich nicht einmal bei zehn aufeinanderfolgenden Atemzügen aufmerksam bleiben), aber nach und nach bin ich besser in meinen Tag gestartet. Vor allem anfangs als ich noch von Panikgefühlen geweckt wurde, schaffte ich es durch diese zehn Minuten still sitzen (oder liegen) und auf meinen Atem achten, mich wieder zu entspannen. Und das sogar abends – denn meine immer schon da gewesenen Einschlafprobleme hatten sich plötzlich wie von selbst gelöst. Allein für dieses Upgrade hat es sich schon gelohnt.

Anders war das mit dem Dankbarkeitstagebuch. Bestimmt sechs Monate führte ich akribisch Buch und suchte verkrampft nach Dingen, die dankenswert erschienen. Wenn ich aber einfach einen schlechten Tag hatte oder mir nichts besonderes einfallen wollte, wuchsen mein Frust und dadurch meine Ängste wieder an. Hier habe ich also vielmehr gelernt, dass es auch achtsam sein kann, manches nicht zu tun. Vor mir selber für mich selbst einzustehen, hat mich befreit und Raum geschaffen, wirklich Schönes im Hier und Jetzt zu erleben. 

Mit den Wellen surfen, statt unterzugehen

Doch in gewisser Weise ist dieser Text ein kleiner Dankbarkeits-Eintrag. Denn mittlerweile weiß ich: Nicht die Angst sitzt am Steuer. Ich selbst bin es, die den Rückwärtsgang einlegen und mich aus der dunklen Gasse herausmanövrieren kann. Auch wenn es viel Zeit und Ausdauer erfordert. 

Nach mehreren Wochen bis Monaten täglichem Yoga und Meditieren wurde es immer leichter, mit meinen unangenehmen Gefühlen und Gedanken umzugehen. Und nach etwas mehr als einem Jahr kann ich sagen: Die Intensität meiner Angst ist ganz langsam von der Größe eines Tsunamis auf die einer normalen Welle geschrumpft.
Wellen deshalb, weil sie nicht immer da sind, aber doch immer wieder kommen.
Mal kleiner, mal größer.

Und das ist gerade auch ganz ok. Denn ich lerne jetzt auf ihnen zu surfen.


Von Chiara (24): Chiara mag stilles Wasser, aber still ist sie selbst nicht gerade – ganz im Gegenteil. Sie tanzt durch’s Leben und spricht und schreibt über Feminismus, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Sie ist Kopf- und Herzmensch zugleich, Ungerechtigkeit macht sie wütend und sie hat eine Schwäche für die Kardashians, gutes Essen und die Menschen, die sie liebt.

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