Für wen fühlst du noch? – Offene Beziehung Part 1

Letzten Sommer lernte ich diesen Menschen kennen, der seine Ansichten über die Liebe mit mir teilte. Liebe ist es für ihn erst dann, wenn der Wunsch, das Gegenüber glücklich zu machen, größer ist als das Bedürfnis nach eigener Anerkennung. Das heißt aber auch: Wenn sich dein:e Partner:in in der eigenen sexuellen Entfaltung eingeschränkt fühlt, solltest du versuchen, ihm/ihr mehr Freiheiten zu geben. Dieser uneingeschränkt-romantische Glaube an das Funktionieren nicht-monogamer Liebe und diese Selbstverständlichkeit dahinter – das fand ich irgendwie schön. Und es änderte meine Perspektive. 

Sollen wir oder sollen wir nicht?

Versteht mich nicht falsch. Ich gebe jedem Zweifel, der an dem Konzept offene Beziehung geäußert wird, Raum. Jedem „Oh Gott, das wäre ja gar nichts für mich“ begegne ich mit Verständnis. Natürlich tue ich das! Denn wenn ich nach einem Jahr offener Beziehung eines sagen kann, dann, dass es kein einfacher Weg ist. Was ich jedoch wirklich nicht mehr hören kann, ist die absurde, fast schon anmaßende Behauptung, eine offene Beziehung sei „falsch“, „kaputt“ oder „weniger wert“ als eine monogame Partnerschaft. Ein Ausdruck von Schwäche – oder noch besser – mangelnder Selbstbeherrschung, weil wir uns nicht treu bleiben können? Ein Zeichen von Feigheit, weil wir einfach keinen Schlussstrich ziehen können?

Zumindest in meinem grenzenlos romantischen Horizont beweisen zwei Menschen unglaublich viel Willenskraft, wenn sie sich für den waghalsigen Versuch einer offenen Beziehung entscheiden. Dass sich nach einer gewissen Beziehungsdauer sexuelle Bedürfnisse nach Anderen einschleichen, ist wohl so menschlich wie Atmen. Sei es nach 2 Jahren, nach 5 Jahren oder meinetwegen auch erst nach 10. Wie tragisch das für manche auch sein mag – ich glaube, wir Menschen müssen das einfach akzeptieren. Die Frage war für mich also nicht, OB das passiert, sondern viel eher: Wie jetzt damit umgehen?

Nach langem Hin und her, Kopfzermartern und stundenlangen Gesprächen ergaben sich in meinem Register offizieller Lösungsvorschläge vier Möglichkeiten:

Option A: Das Gefühl übernimmt nie bis selten Oberhand. Optimal! 

Das Problem war nur: Es übernahm Oberhand. 

Option B: Ich hoffe, dass es besser wird und verharre so lange in meiner Situation, bis ich es nicht mehr aushalte. Eher suboptimal. 

Option C: Ich beende meine Beziehung. Ebenfalls suboptimal.

Option D: Ich versuche, mit meinem Partner über diese Gefühle zu reden und das Problem gemeinsam anzugehen. 

Option A ist für viele Paare eine gute Fahrweise. In unserem Fall gewann Option D und was dabei herauskam, war unsere offene Beziehung.

How to openrelationship? 

In einer offenen Beziehung gibt es nur wenige Regeln, die sich verallgemeinern lassen. Eine davon ist, dass Regeln in der Tat ziemlich sinnvoll, im Vorhinein aber schwer festzulegen sind. Als mein Freund und ich noch ganz am Anfang dieses Experiments standen, wollten wir bestimmte Dinge festlegen. Was will ich wissen und wo sind meine Grenzen? Nur einmalige Treffen oder sind Affären auch erlaubt? Was, wenn sich einer von uns beiden nicht mehr wohl fühlt? Da wir nicht nur eine offene, sondern auch eine Fernbeziehung führen, kam umso mehr auch die Frage auf: Was und vor allem wann wird kommuniziert? Und wie seltsam das auch klingen mag, aber: Lügen wir uns an, wenn es darum geht, wo wir letzte Nacht waren? 

Relativ schnell wurde klar, dass es nahezu unmöglich ist, all diese Dinge schon im Vorhinein festzulegen. Wie auch? Woher sollten wir auch wissen, wie wir in einer x-beliebigen Situation reagieren würden? All diese Fragen konnten wir erst im Laufe der Zeit beantworten und teilweise verändern sich unsere Bedürfnisse immer noch. Rückblickend haben wir eigentlich alles noch einmal auf den Kopf gestellt: Aus „nur Sex“ wurde „Naja, Kino ist schon auch Mal erlaubt“. Aus „kein Tinder“ wurde „Tinder ist ok, wenn im Profil klar wird, dass wir nicht single sind“. Aus „ich will alles wissen“ wurde bei meinem Freund „mir geht es besser, wenn ich kaum noch nachfrage.“ Ich wiederum löchere ihn jedes Mal mit Fragen, wenn wir uns wiedersehen.

Menschen sind verschieden. So auch Bedürfnisse und Grenzen. Eine offene Beziehung ist ein flexibler Regelapparat, ein Fluss an Entwicklungen und sich verändernden Gefühlen, an die man sich stets neu anpassen muss. Alles daran ist ein Geben und Nehmen, ein Herumbalancieren mit Gefühlen, Gedanken und Gesprächen. Ständig werde ich gefordert, all meine Register an Taktgefühl und Empathie für Situationen und menschliche Eigenarten zu ziehen. In manchen Situationen gibt es keine festgeschriebene Regel und dann müssen ich und meine Intuition ganz alleine klarkommen. 

Das verzwickte Problem mit den unkontrollierbaren Gefühlen

In unserer Definition war eine offene Beziehung immer darauf ausgelegt, sexuelle und zwischenmenschliche Erfahrungen mit einem anderen Menschen erleben zu können, gleichzeitig aber keine tieferen Gefühle zu entwickeln. Das hinterfragte ich auch erst einmal nicht weiter. Bis zu dem Tag, als mich einmal ein sehr liebenswürdiger Mensch fragte, ob ich denn eigentlich nur mit seinen Gefühlen spiele. Unweigerlich fragte ich mich, was es eigentlich heißt, Gefühle für jemanden zu empfinden, geschweige denn mit diesen zu spielen. „Nein“ war meine Antwort. „Auf keinen Fall.“ Denn für mich war relativ schnell klar: Nur weil ich nicht über beide Ohren verliebt bin, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht trotzdem Gefühle von Zuneigung, Intimität und wachsendem Vertrauen für diesen Menschen haben kann.

Ich glaube, in einem Herz – einem bunten Patchwork-Herz, zusammengestickt aus verschiedensten zwischenmenschlichen Erfahrungen, Zärtlichkeiten und Emotionen – ist sehr, sehr viel Platz. Keine Frage – mein Freund und meine Gefühlswelt für ihn sitzen in den beiden Hauptkammern. Und trotzdem denke ich, es ist vollkommen okay, irgendwo zwischen Herzklappe und rechtem Vorhof auch ein bisschen Raum für andere Personen frei zu schaufeln. Macht uns nicht gerade das zu Menschen? 

Ich weiß – die Theorie klingt schlüssig, die Realität ist aber oft ganz anders. Und ich weiß auch, dass ich gerne klug daherrede und zwei Stunden später findet man mich: am Durchdrehen, im auf und ab Laufen, im Denken, Überdenken, Zerdenken. Dann zermartere ich mir das Hirn über all das und frage mich, ob ich mir etwas vorspiele. Ich habe im letzten Jahr Menschen kennengelernt, die mir Bauchkribbeln bereitet haben, die mich überrascht, inspiriert und berührt haben. Und natürlich fragst du dich dann, ob diese neu gefühlten Gefühle doch irgendwie die für den/die Partner:in beeinflussen könnten. Und dann wird es noch schlimmer, weil dir dann irgendwann bewusst wird, dass dein:e Partner:in ja vermutlich die selben Gedanken hat. Aber wisst ihr was? Das ist nie passiert. Mir nicht. Und ihm nicht. Trotz intensiver neuer Begegnungen. Und ich würde sagen, das heißt doch schon mal was. 

Fassen wir also zusammen: Gefühle sind eigensinnig, sprunghaft und häufig konfus. Manchmal überrollen sie mich und das macht mir Angst. Aber, wenn ich eins über sie gelernt habe, dann: Gefühle sind nicht wie Bettlaken oder Unterhosen. Wir tauschen sie nicht so einfach mit dem nächsten Stück Stoff aus. Sie können parallel zueinander existieren. In verschiedensten Ausprägungen und Intensitäten, ohne sich gegenseitig aufzuheben oder abzuschwächen. Und wenn mir dann mal wieder alle Sicherungen durchbrennen, dann versuch ich mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wie ein Mantra: Gefühle sind polyvalent!

Da ich mich einfach nie kurz halten kann, gibt’s im nächsten Beitrag mehr dazu. Dann können wir richtig schön abtauchen in das Thema Eifersucht. Jippieeeh 


Von Lilly (25): Lilly ist Fan von jordanischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. 

1 Kommentar

  1. Hallo Lilly
    Ich finde es wahnsinnig mutig eine offene Beziehung zu führen. Zum einen, weil man seinem Partner somit auch mitteilt, dass das was man zusammen hat, nicht ausreichend ist um glücklich zu sein. Zum anderen, weil es sein kann, dass man sich verliebt oder der Partner verliebt. Wobei zweites immer eintreffen kann. Ich bin gespannt auf weiteres 😊

    Wünsche dir ein schönen Sonntag!

    Liebst Linni
    http://www.linnisleben.de

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