Eine Pechsträhne in vier Akten


Alles begann an einem grauen Freitagnachmittag in einem grauen Betonklotz namens Bibliothek. Da saß ich also rum und träumte zum Fenster hinaus, als ich beschloss, mich auf die Suche nach Tickets für ein längst ausverkauftes Konzert zu machen. Ich kämpfte mich mühsam durch ein Meer an Scams, bis ich ihn schließlich fand: Max! Der Heilbringer, der seine Tickets loswerden wollte. Und obendrauf noch der glaubwürdigste Instagram-User aller Zeiten: witzig, lieb und gechillt. Ganz normale Bilder. Ganz normale Follower. Sogar geflirtet haben wir. 

Ob ich ihm blind vertraut und, ohne mit der Wimper zu zucken, mein Geld überwiesen habe? 

Vielleicht. 

Ob ich innerlich dachte „Geil! Konzertkarten, und obendrauf noch ein Date klargemacht.“? 

Vielleicht. 

Ob ich am Ende weder mit Tickets, noch mit Geld oder Date aus dem Tag gegangen bin?

Vielleicht.

Hier noch ein kleiner Einblick, damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt:

Ein Erfolgserlebnis jagt das nächste

Ich erholte mich recht schnell von meinen Verlusten und mein Ehrgeiz wuchs bis ins Unermessliche. Ich wollte diese Tickets nun umso mehr!! Die Suche ging also weiter und nach kurzer Zeit lernte ich Finley kennen. Mit sehr viel weniger Charme als Max, entpuppte sich Finley zwar nicht als Betrüger, dafür aber als waschechter Geschäftsmann. Denn für ihn war glasklar: Tickets verkauft man für ihren dreifachen Wert und außerdem hat „menschlich und lieb sein“ nichts in einer „Verhandlung“ zu suchen. Ich muss wohl völlig irre gewesen sein, zu denken, Menschen könnten freiwillig einen Schritt aufeinander zugehen, wenn es um Geld geht. Immerhin gibt es ja Angebot und Nachfrage!!!!!!!!!!!!!

Frustriert und die Menschheit hinterfragend, fuhr ich nach drei erfolglosen Stunden nach Hause und ließ mich vom weinenden Himmel beschütten. Nass, hungrig und zuhause angekommen, konnte ich schon einen neuen Erfolg auf meinem Tageskonto verbuchen: Mein Geldbeutel war verschwunden! Das war der Moment, in dem ich mich dazu gezwungen sah, mein Selbstmitleid in Humor umzuwandeln. Eh schon alles egal. Wir kommen nun endlich zum großen Finale dieses dramatischen Aktes: Eine Stunde später stehe ich bei Rewe an der Kasse. Mit den geliehenen 20 Euro meiner Mitbewohnerin will ich den Sekt für den Abend bezahlen. Panisch taste ich meine Hosentaschen ab. Da ist nichts. Jackentasche? Auch nicht. Im Geldbeutel? Ah ne, besitze ich ja nicht mehr. Verzweifelt stelle ich fest, dass sich die 20 Euro wohl genauso in Luft aufgelöst haben wie der Geldbeutel und meine Selbstachtung. 

Ohne Ausbeute verlasse ich den Laden. Ohne die 20 Euro, ohne Sekt, Geldbeutel, Konzerttickets oder Date kapituliere ich schließlich und übergebe meinen handlungsunfähigen Körper in die warmen, geldbesitzenden Hände meiner Freund*innen. 

Das haut schon irgendwie hin

Eigentlich habe ich selten Pech. Ich gehöre zu der Sorte Menschen, die daran glauben, dass gute Gedanken gute Dinge anziehen. Daran glaube ich deshalb, weil ich eine Handvoll negativ denkender Menschen kenne. Menschen, die einfach immer skeptisch sind, misstrauisch, extrem kritisch, erst mal vom Schlechtesten ausgehen. Und ich schwöre: Diesen Personen passiert auch wirklich immer total viel Scheiße. Versteht mich nicht falsch – ich jammere auch viel, weine, schreie und finde oft alles scheiße. Aber am Ende des Tages glaube ich trotzdem an das Gute in Menschen und Situationen. 

Ich lasse ständig meine Sachen überall liegen und werde nicht beklaut, ich fahre wie eine Irre Fahrrad und lebe immer noch, ich verliere regelmäßig meine Schlüssel und finde sie wieder, ich fahre zuhause in Bayern seit Jahrzehnten schwarz und werde nicht kontrolliert, ich gebe mein Herz in die Hände von Fremden und vertraue darauf, dass sie es nicht missbrauchen. Ich denke selbst in den utopischsten Szenarien noch „Safe klappt das“, und wenn mein obdachloser Nachbar mir sagt, er bringt mein Fahrrad morgen zurück, dann glaube ich ihm. 

Ich mache diese Dinge nicht, weil ich das Schicksal unbedingt herausfordern will, sondern einfach, weil mein Kopf so programmiert ist: Das haut schon irgendwie hin. Meist denke ich nicht einmal darüber nach. Nur ab und an kommt das vor, da wird dieser Akt der Naivität zu einer ganz bewussten Entscheidung. Das mag dann vielleicht ein bisschen unnötig sein, aber genau das ist meine Art, mich immer wieder aufs Neue von dieser Lebensphilosophie zu überzeugen, mir selbst zu beweisen, dass diese Welt im Grunde gut ist. 

Meiner Philosophie folgend, muss ich mich nun im Umkehrschluss natürlich fragen, warum ich dann ausgerechnet jetzt so übermäßig viel „Pech“ habe. 

Unkontrollierbarer Gegenwind 

Meine Oma würde jetzt sagen „Ja Lilly ist doch klar, die Planeten sind doch gerade alle rückläufig.“ Das würde vielleicht erklären, warum aktuell auch in meinem Umfeld ganz wilde Dinge passieren: sterbende Laptops, explodierende Glühbirnen und gecancelte Flüge. Oder Alex: Sie musste letzte Woche mit einer steckengebliebenen Rundbürste im Haar durch ganz Köln laufen und sich das Ding von ihrem Friseur entfernen lassen. 

Ich wiederum habe es geschafft, in ein und derselben Woche eine Magenschleimhautentzündung, eine Grippe und einen Harnröhreninfekt gleichzeitig anzuschleppen. In derselben Woche wurde meine Lieblingsjacke im Club geklaut. Am ersten Tag, an dem ich mich voll auf Ibus wieder in die Arbeit schleppte, wurde ich auf dem Rückweg in der Bahn noch angekotzt. Ein paar Tage später wollte ich Pfandflaschen zu Rewe bringen. Auf dem Weg nach unten rissen zwei meiner vier Taschen voller Glasflaschen und verteilten sich im gesamten Treppenhaus. Nachdem ich mindestens eine Stunde damit verbracht hatte, die drei Stockwerke zu kehren und die Scherben in einem (wie ich dachte „robusten“) Müllsack zu entsorgen, wurde ich bereits vom nächsten Übel verfolgt: Etwa 2 Meter vor Erreichen der Mülltonnen riss der doch nicht so robuste Müllsack und das Klirren von Glas auf Teer verriet mir, dass es schon wieder passiert war. Eine weitere Kehraktion und ca. 30 Minuten später endete das Trauerspiel schließlich bei Rewe: Ich erkannte ein fettes rotes X auf dem Leergut-Automaten. „Is grad voll, dauert nur 5 Minuten“, sagte mir der Rewe-Typ. Ich beugte mich meinem Schicksal und versuchte nicht zu heulen. 45 Minuten lang sah ich mich dazu gezwungen, das gesamte Ladensortiment einzustudieren, bis ich endlich meine wohlverdienten 8,66 Euro erhielt. 

Auch wenn ich nicht an rückläufige Planeten glaube, und ehrlich gesagt nicht einmal genau verstehe, was das überhaupt bedeuten soll, bin ich der Überzeugung, dass in den letzten Wochen etwas Komisches in der Luft lag. Die meisten Menschen, die ich kenne, inklusive mir selbst, haben gerade echt eine scheiß Zeit durchgemacht. Männerkater (nein, nicht wenn Männer Kater haben, sondern wenn man Kater von Männern hat), schmerzende Herzen, Trennungen, Familiendramen und Krankheiten, wo ich nur hinsehen konnte. Auch mein Jahr war scheiße ohne Ende, und so wundert es mich nicht, dass mein bedingungsloses Vertrauen in die Welt und damit auch mein positives Gedankengut ins Wanken geraten ist. Meine These wäre somit bestätigt: Negative Gedanken ziehen Negatives an. Was ich damit jetzt anfangen soll, weiß ich nicht. Ich wünsche mir einfach, dass ich bald mal wieder Rücken- statt Gegenwind zu spüren bekomme, und ich verspreche hoch und heilig, dann beginne ich auch wieder damit, mein naives kleines Herz für die Schönheit des Lebens zu öffnen. 


Von Lilly (26): Lilly ist Fan von arabischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. 

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