Anders als viele meiner Freund:innen fahre ich an Wochenenden, Weihnachten, Ostern, Geburtstagen oder zu sonstigen ähnlichen Anlässen nicht in die “Heimat”. Als Person, die schon fünfmal im Leben umgezogen ist – und davon dreimal in komplett unterschiedliche Städte – gibt es diesen einen Ort namens Heimat nicht. Ich fahre nicht nach Hause, wo meine Eltern, Geschwister und Schulfreund:innen darauf „warten“, mich endlich mal wiederzusehen. Mein Zuhause ist da, wo ich gerade lebe – das führt hin und wieder zu Verwirrung.
Wenn ich “nach Hause” fahre, fahre ich zu mir in die WG. Sollte man meinen. Vor Kurzem habe ich eine Woche in der Wohnung meines Bruders gewohnt (Post, Müll, Katze-Streicheln erledigt sich nicht von allein), war einen Vormittag im Büro und habe dann meinem Freund geschrieben, ich würde gleich nach Hause fahren. Später hat er mich gefragt, wie es mit meiner WG war. Ich habe die Frage nicht verstanden. OFFENSICHTLICH war ich doch den Rest des Tages in der Küche meines Bruders und habe Zimtschnecken gebacken. Denn schließlich habe ich zu dem Zeitpunkt dort gelebt. Da habe ich mal darüber nachgedacht: Was ist denn nun eigentlich mein Zuhause? Ist mein Zuhause also dort, wo ich Zimtschnecken backe?
Elterliches Zuhause
Neulich bin ich zu meinen Eltern gefahren, um sie mal wieder zu besuchen. Ich fahre ca. eine Stunde mit den Öffentlichen – also nicht mal weit. Meine Mitbewohnerin hat mich gefragt, wann ich „nach Hause“ fahre. Ich war kurz verwirrt und meinte, ich wisse noch nicht, wann ich wieder zurück in die WG käme. Daraufhin war sie verwirrt und die Verwirrung war sowieso verwirrt. Für sie ist „nach Hause“ das Haus ihrer Eltern. Dort ist sie aufgewachsen, dort hat sie noch viele Freund:innen. Und so geht es vielen in meinem Umkreis. Besonders zu Weihnachten freuen sich viele wieder, „nach Hause“ oder „in die Heimat“ zu fahren, weil es am 23. Dezember bei vielen eine Art Homecoming gibt. Man trifft sich mit den Leuten von früher. Viele hat man das letzte Mal ein Jahr zuvor gesehen. Das hab ich nicht – fehlt mir aber auch nicht.
Nachdem ich bei meinen Eltern in Berlin aus- und nur einen Stadtteil weitergezogen bin, war mein Zuhause einfach da, wo ich gewohnt habe. Gewohnt und Zimtschnecken gebacken – eben gelebt habe. Bin ich in die Wohnung gefahren, wo ich meine ganze Jugend verbracht, Partys gefeiert, zig Weihnachten, Geburtstage, Pfingsten, Halloweens und sonstige Feiertage zelebriert habe, bin ich immer „zu meinen Eltern“ gefahren. Unabhängig davon, ob sie da waren oder nicht – ich hatte ja immer einen Schlüssel.
Mittlerweile wohnen meine Eltern aber auch nicht mehr in Berlin. Wenn ich sie heute besuche, fühle ich mich immer pudelwohl, aber das Haus, in dem sie jetzt wohnen, ist nicht mein Zuhause. Ich liebe es zwar dort, aber ich habe quasi keine Verbindung dazu (außer die Grillpartys in den letzten beiden Sommern…). Ich habe auch nie in dieser Stadt gelebt, in der sie jetzt wohnen und werde es mit größerer Wahrscheinlichkeit auch nie tun. Aber auch das ist völlig in Ordnung. Ich kann da trotzdem Zimtschnecken backen, auf dem Sofa liegen, meiner Familie bei Gesprächen zuhören und ganz wie zu Hause die Augen verdrehen.
Alles Auslegungssache

Als ich damals alle meine Sachen aus Berlin geholt hatte, um mein Leben komplett nach Köln zu verlagern, hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch. Ich habe mit einer Freundin telefoniert und habe gesagt, dass ich jetzt kein Zuhause mehr in Berlin hätte. Daraufhin meinte sie: „Cilli, du hast hier immer ein Zuhause. Mindestens eins.“ – Und irgendwie ist es auch genau so. Natürlich wohne ich nicht mehr dort. Natürlich spielt sich der Großteil meines Lebens nicht mehr dort, sondern hier in Köln ab. Aber immer, wenn ich dort bin, durch die Straßen laufe und meine alten Kieze durchstreife, fühle ich mich zu Hause. Zuhause ist also Auslegungssache.
Während meines Auslandssemesters, habe ich drei Monate in einem maroden Haus mit vielen anderen tollen Menschen gelebt. Das war wegen besagter Menschen für diese Zeit mein Zuhause – wir haben SO oft Zimtschnecken gebacken…
Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mehr als ein Zuhause habe und dass das eigene Zuhause viel mehr mit den Menschen zu tun hat als mit dem Ort an sich. Oder…?
Sleepover? Nein danke.
Jetzt legt dieser Text natürlich nah, dass ich wahnsinnig in mir selbst gesettled wäre und diesen Ort Zuhause gar nicht bräuchte. Aber ehrlich gesagt: Pustekuchen. Wenn mich Leute fragen, ob ich einfach bei ihnen übernachten will, damit ich nicht noch 1,5 Stunden nach Hause düsen muss, lehne ich in 98 % der Fälle ab. Am Ende möchte ich dann doch in mein Bett, in mein Zimmer, in mein Zuhause.
Auch nach zwei Wochen Urlaub, in dem ich mich super wohl gefühlt habe, freue ich mich dann doch wieder auf Zuhause. Auf meine WG, mein Bett, meine Küche, meine Freund:innen um mich rum, meine Eltern, meine Geschwister. Oder zumindest die Gewissheit, ich kann alle in maximal sechs Stunden (wenn die Bahnen denn fahren 👀) sehen.
Fazit und Ausblick
Ganz nach wissenschaftlicher Manier halten wir also fest: Ich habe nicht DIE EINE Heimat, wo alle Schulfreund:innen an Weihnachten nach Hause kommen und wir uns treffen. Ich kann mich irgendwie überall heimisch und auch wie zu Hause fühlen, wo Menschen sind, die mir das Gefühl geben, ich sei willkommen. Und überall dort, wo ich (Zimtschnecken) backen kann. Trotzdem brauche ich irgendwann auch meine eigenen vier Wände, um mich dauerhaft zuhause zu fühlen. Mir fällt gerade mal so auf: In meiner jetzigen WG habe ich noch nie Zimtschnecken gebacken. Das sollte ich wirklich mal ändern!
An dieser Stelle möchte ich noch kurz erwähnen, dass mir – besonders in Zeiten von Flucht und Krieg – durchaus bewusst ist, was für ein Privileg es ist, dass ich immer irgendwo nach Hause kommen kann und dass ich immer von allen aufgenommen werde (danke!!). Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich mein Zuhause nie aus Zwang verlassen musste und ich mir selbst aussuchen kann, wo ich mein neues Zuhause finde.

Von Cilli (26): Cilli gibt gerne Blödsinn von sich. Deshalb sind auch hier die ein oder anderen Texte mit ihrer zynischen Ironie gespickt, die uns alle immer wieder zum Lachen und Nachdenken bringt (“war das jetzt ernst gemeint?”). Sie ist außerdem eine wunderbare Zuhörerin, weshalb sie sich regelmäßig in die Lage anderer hineinversetzt und daraus einfühlsame Porträts zaubert.
Auch hier in Italien fragen mich immer alle, ob ich zu Weihnachten nach Hause fahre. Dann sage ich, ich fahre zu meiner Mutter, oder eine meiner Schwestern besuchen. Keiner wohnt mehr dort, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das ist für Italiener ein schwer zu verdauender Brocken. Ich sollte ihnen mal eine Zimtschnecke anbieten. 😉
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Fühl ich ❤️
Und Zimtschnecken sind eine Sau gute Idee!
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