C wie Chamäleon. Schon so oft habe ich den Anfangsbuchstaben meines Namens mit diesem Tier verbunden. Dass ich aber mal einen ganzen Text darüber schreiben werde, dass ich auch in meinem Wesen irgendwie wie ein Chamäleon bin, mich nämlich je nach Kontext und Umgebung anpasse, das hätte ich nicht gedacht.
Erst vor kurzem hat Lilly darüber geschrieben, dass sie manchmal Identitätskrisen erlebt, wenn sie das Gefühl hat, ihrer ‚Quintessenz‘ nicht gerecht zu werden:
„Werde ich meinem Wesen noch gerecht, wenn ich mal nicht der offenherzige “Sonnenschein” bin? Was will man schon mit einer Weintraube ohne Glitsch? Mit einer Peperoni ohne Schärfe?“
Lilly: Die Sache mit der Selbstliebe
Und dass sie dann manchmal an ihrer Selbstliebe zweifelt.
Auch ich habe mir in letzter Zeit viele Gedanken über Selbstliebe und Selbstbewusstsein gemacht. Aber mir geht es etwas anders als Lilly. Wo sie eigentlich ziemlich genau weiß, was sie für sich als ihren Wesenskern definiert, frage ich mich immer öfter: Wer bin ich eigentlich?
Passenderweise hat eine meiner Kolleg:innen letzte Woche beim Mittagessen eine Frage in die Runde geworfen: „Was an euch ist merkwürdig oder komisch?“. Ein Kollege antwortet, dass er, wenn er neue Menschen kennenlernt, zu offen sein kann und damit die anderen Menschen teilweise mit sich und seiner Art überfordern kann. Das hat etwas bei mir ausgelöst – allerdings nicht, weil ich mich darin wiedergefunden habe. Wenn ich neue Menschen kennenlerne, bin ich meistens extrem zurückhaltend, was mich selbst und meine ‚Art‘ angeht. Vielmehr versuche ich einzuschätzen, wie die andere Person drauf ist. Wie sie redet, ob sie sich bedacht artikuliert oder eher Jugendsprache verwendet. Ob sie sehr politisch korrekt ist oder nicht. Ob sie laut ist oder eher leise, ob sie direkt sehr private Dinge erzählt oder eher oberflächlich über das Wetter reden möchte.
Egal wie diese Person oder das Umfeld ist – ich passe mich an und mache mit.
Genau das erzähle ich auch beim Mittagessen. Eine Kollegin sagt sofort: „Aha, du bist also ein Chamäleon!“ und eine andere Kollegin meint: „Aber in gewisser Weise macht man das ja immer, oder?“
Das Problem mit dem Authentisch-Sein
Wahrscheinlich machen das wirklich viele Menschen und ich bin damit keine Special-Snowflake. Ich würde aber wiederum von Vielen behaupten, sie wären einfach immer wie sie sind und würden einfach in jeder Situation ihre ‚Art‘ durchscheinen lassen. Lilly ist für mich das perfekte Beispiel: Als wir uns kennengelernt haben, hatten wir beide kurzzeitig unseren Studienplatz verloren – und trotzdem kam auch in dieser nervenaufreibenden Situation (in der wir alle eigentlich nur geheult haben) ihre herzliche Sonnenschein-Art zum Vorschein. Sie war einfach sie selbst, authentisch, echt. Wenn jemand so ist, beeindruckt mich das extrem.
Und gleichzeitig wirft es bei mir Fragen auf: Bin ich mit meinem Chamäleon-Verhalten nicht eigentlich eher das Gegenteil von dem, was ich eigentlich bewundernswert finde? Das Gegenteil von ‚authentisch‘ und echt? Schließlich gleiche ich mich oft einfach an, spiegle mein Gegenüber und verstecke hinter dem Spiegel dann doch meine Art. Mein Ich. Meinen Wesenskern.
Ganz so schwarz-weiß ist es sicherlich nicht. Wenn ich Menschen gut kenne und mich sehr wohl fühle, dann bin ich wahrscheinlich auch ‚ich selbst‘. Dann bin ich authentisch. Mit meiner Familie ganz klar. Auch mit meinem Freund oder meinen Freund:innen von der Schulzeit. Die kennen mich alle schon so lange – die wissen, wie ich bin. Und es gibt dann immer wieder Momente mit Menschen, die ich noch nicht so lange kenne, mit denen ich das auch in Nuancen schon spüre.
Dann gibt es aber auch immer wieder Situationen, in denen Menschen von mir überrascht sind. Wenn ich zum Beispiel betrunken bin und irgendwelche Scheiße baue. Oder wenn ich davon erzähle, wie impulsiv ich sein kann. Oder dass ich früher geraucht habe und keine Lust auf ein Auslandssemester habe.
Sie hätten mich nicht so eingeschätzt, höre ich oft.
Ich frage mich dann schon, wie gut diese Menschen mich eigentlich kennen können. Gerade weil ich mich ja nur so selten wirklich offenbare. Und weil ich mich oft wie ein Chamäleon verhalte, das sich je nach Kontext – je nach Hintergrund – farblich anpasst. Und die daraus resultierende Frage ist dann oft: Wofür mögen mich die Menschen eigentlich, wenn ich mich immer verhalte wie ein Chamäleon? Vielleicht gerade, weil ich mich anpasse, weil ich sie spiegle? Weil deshalb alle denken, ich wäre ihnen so ähnlich?
Es gab sogar schon mal den Fall, dass ich eine sehr enge Freundschaft deshalb irgendwann nicht mehr ertragen habe. Weil ich das Gefühl hatte, wir gleichen uns zu sehr aneinander an. Was eigentlich im ersten Moment schön war – aber eben auch sehr schnell sehr begrenzend wurde. Denn viele meiner Wesenszüge, die dann nicht in diese Gleichheit hineingepasst haben, sind dann einfach unter den Tisch gefallen. Nur damit sie irgendwann wieder hervorgekramt wurden und das ganze Konzept der Freundschaft in Frage gestellt haben.
Wer bin ich eigentlich?

Ich habe mir in letzter Zeit oft vorgenommen, nicht mehr in diese Chamäleon-Manier zu verfallen. Einfach ich selbst zu sein. Mir ein Beispiel an den Menschen zu nehmen, die das wie selbstverständlich so machen. Doch dann stoße ich immer wieder auf dieselben Hindernisse: Wie bin ich denn eigentlich? Was macht mich aus? Was ist mein, wie Lilly sagt, „Kern, der unantastbar ist“?
Ganz schön große Fragen, wofür ich einfach keine wirkliche Antwort finden kann.
Natürlich habe auch ich einen Wesenskern – den hat ja jeder, nur fällt es mir echt schwer, den auszumachen. Zu definieren. Und vielleicht meint die ein oder der andere jetzt, dass es ja auch egal ist. Dass ich den ja nicht kennen muss. Aber irgendwie habe ich das Bedürfnis, ihn zu kennen. Weil ich auch glaube, dass man nur dann wirklich selbstbewusst sein kann, nur dann wirklich Selbstliebe aufbringen kann, wenn man weiß, was einen ausmacht. Und sich dafür dann schätzen lernen kann.
Ich will damit nicht sagen, dass ich mich nicht mag. Aber ich weiß eben auch nicht, wofür genau ich mich mögen soll. Und daraus resultiert ja dann auch das Problem, dass ich nicht weiß, wofür mich andere mögen sollen. Dass ich meinen Selbstwert vielleicht nicht gut genug kenne und dann nicht einschätzen kann, was ich in zwischenmenschlichen Beziehungen brauche und was nicht.
Zu wenig Selbstfindung?
Vielleicht kenne ich meinen Wesenskern auch nicht, weil ich diese berühmte „Selbstfindungsreise“ nie gemacht habe. Gleichzeitig frage ich mich auch, wie viel Selbstfindung wirklich auf solchen Reisen passieren kann, wenn man nicht im eigenen Umfeld ist, das einen ja auch ausmacht, prägt und in meinem Fall färbt. Ob ich dann nicht vielleicht nur eine Seite an mir entdecke – zum Beispiel die Abenteuer-Maus – die aber eigentlich nur einen mini-kleinen Teil meines Wesens ausmacht.
Aber vielleicht ist es auch genau umgekehrt und gerade dieser Szenenwechsel würde mir erst zeigen, was mich ausmacht – ohne all die Menschen um mich herum, die ständig etwas auf mich projizieren und auf mich abfärben.
Vielleicht sind es die Facetten und Farben
Ob ich diese sagenumwobene Selbstfindungsreise wirklich antrete, weiß ich nicht. Bis dahin muss ich mich ja aber auch mit irgendetwas zufriedengeben. Letztens habe ich mit meinem Partner darüber gesprochen, was er denkt, was mich eigentlich ausmacht. Und vielleicht ist das auch eine Möglichkeit: Einfach mal die Menschen um mich herum fragen, was sie denn an mir schätzen.
Beim Schreiben dieses Textes ist mir aber auch etwas anderes aufgefallen: Vielleicht sollte ich mein Chamäleon-Verhalten nicht nur als etwas Negatives ansehen. Denn vielleicht ist es einfach nicht DER EINE WESENSKERN, der mich ausmacht. Sondern die vielen einzelnen Facetten und Farben, die ich habe. Facetten, die ich in bestimmten Personen wiederfinde und wodurch ich sie zum Vorschein kommen lasse. Bei einer nachdenklichen Person zeige ich dann die philosophische Seite an mir, wenn eine Person besonders albern ist, kommt das bei mir zum Vorschein. Es sind also je nach Kontext die verschiedenen Facetten an mir, die mal mehr oder weniger aus dem Schatten hervortreten und strahlen. Und vielleicht muss ich mir dann auch einfach keinen Druck mehr machen, jedes Mal direkt all meine Wesenszüge zu zeigen. Vielleicht benötigt es für mich einfach mehr Zeit zum Kennenlernen, um mehr Facetten von mir ans Licht zu bringen.
Und je nach Person, je mehr es matcht, aber auch je mehr Vertrauen ich habe, desto mehr kann ich in allen Farben strahlen, die ich als Chamäleon zu bieten habe.

Von Chiara (26): Chiara mag stilles Wasser, aber still ist sie selbst nicht gerade – ganz im Gegenteil. Sie tanzt durch’s Leben und spricht und schreibt über Feminismus, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Sie ist Kopf- und Herzmensch zugleich, Ungerechtigkeit macht sie wütend und sie hat eine Schwäche für die Kardashians, gutes Essen und die Menschen, die sie liebt.
Mit dieser Thematik beschäftige ich mich auch viel. Begonnen habe ich damit über Dating etc zu schreiben – nach Jahren habe ich gemerkt, dass die Quintessenz der Suche aber in mir liegt und nicht (nur) in irgendwelchen Männern. Alles Liebe! 🙂
https://wordpress.com/home/therewillbenomiracles.wordpress.com
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