An wen denkst du noch? – Offene Beziehung Part 2

Wir sind jung, freiheitsliebend, unabhängig. Wir wollen lieben und uns verwirklichen. Nur lässt sich in einer Beziehung nicht immer beides vereinen. Wenn dieses „sich verwirklichen“ in unterschiedlichen Städten passiert – dumm gelaufen. So jedenfalls ist meine Fernbeziehung entstanden. Wir waren glücklich zusammen, aber nicht immer glücklich allein. Und wenn man glücklich ist, sich gegenseitig aber noch glücklicher machen will, dann kommt man manchmal auf verrückte Ideen: wie zum Beispiel eine offene Fernbeziehung.

„Uns gegenseitig glücklicher machen“ – das war also das Ziel, das mein Freund und ich im Sinn hatten, als wir unsere Beziehung öffneten. Das klappt auch oft ganz gut. Aber leider gibt es dann auch diese Momente – da sitze ich abends da, frage mich, wo sich mein Freund gerade rumtreibt und warum ich heute keine „Gute Nacht“- Nachricht bekomme. Dann verfluche ich mein Handy, während ich darüber spekuliere, wer hier denn jetzt bitteschön „glücklicher“ ist als zuvor. Er vermutlich gerade. ABER ICH NICHT!!!!!!!! – schreit mein Kopf.

Diese Sache mit der Eifersucht

Diese Momente sind aber selten unvorhersehbar. Wer hätte es ahnen können, aber Eifersucht holt mich vor allem dann ein, wenn ich mit mir und meinem Leben unzufrieden bin. Gestresst, gelangweilt, Weltschmerz, Winterspeck oder eines der anderen 5 Millionen Probleme, die die Welt gerade im Angebot hat. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich mir deshalb vorgenommen, besser auf mich aufzupassen. Das mag plakativ klingen, aber man kann’s eben nicht oft genug wiederholen: Geh raus, geh tanzen, mach Sport, knall dir ne Flasche Wein rein, topf deine Pflanzen um oder putz die Wohnung. Und was auch dazu gehört: Reden!!! Mit dir selbst. Und mit anderen. Über Minderwertigkeits-Gefühle, peinliche Ängste und schöne Momente.

Wo wir schon beim Thema Kommunikation sind, können wir das an dieser Stelle gleich noch zehn Mal unterstreichen und in Schriftgröße 72 setzen. Jede Angst ist nur noch halb so schlimm, wenn sie einmal ausgesprochen ist. Früher bin ich wie eine Verrückte durch die Wohnung gelaufen, war passiv aggressiv und hab meine Freunde vollgetextet, wenn ich eifersüchtig war. Er wiederum hat sein Handy in den Schrank gesperrt und krampfhaft versucht sich abzulenken. Mit genug Distanz muss ich über beides gerade ziemlich lachen. Wie auch immer. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass wir gar nicht mehr auf diese Methoden zurückgreifen. Aber: Jetzt, ein Jahr später, rufe ich an oder schreibe einfach nur „Hey, irgendwie bin ich grad eifersüchtig“. Schon alleine das auszusprechen, hilft.

Und das führt mich auch schon zu dem zweitwichtigsten Stichwort: Empathie. Mein Freund und ich, wir haben so viel geredet, dass es nahezu unmöglich ist, uns nicht gegenseitig nachzuempfinden, zu verstehen, zu fühlen. Ein liebevoller Umgang, gegenseitiges Bestärken, warme Worte, Zuhören, Verständnis füreinander, all das ist für mich das A und O. Die absolute Grundlage unserer funktionierenden offenen Fernbeziehung. Auch wenn das banal klingt, aber meistens geht es mir nach einem einfachen „Gibt keinen Grund dazu. Ich denk an dich“ schon um Welten besser. Und wenn die Antwort mal ein bisschen dauert, weil er beschäftigt ist. Tja. Das tut manchmal weh. Das kann man nicht beschönigen.

Aber wenigstens bekomme ich danach eine richtig süße Nachricht.

Der Spiegel

Was man echt schnell vergisst: Das was er macht, mache auch ich. Das was mich eifersüchtig macht, macht auch ihn eifersüchtig. Ich hab das Gefühl, in einer offenen Beziehung neigt man sehr seehr seeehr schnell dazu, mit zweierlei Maß zu messen. Ich: gehe mit einem tollen Mann Wein trinken und fühle mich ganz beflügelt am nächsten Tag: „Klar ist das in Ordnung. Ich hab das mal wieder gebraucht.“ Er: geht mit einer (vermutlich genauso tollen) Frau ins Kino (Anmerkung: Ich wollte diesen Film auch sehen!!): „Mein Freund ist so ein Arschloch!“ Ich: bin den ganzen Tag unterwegs, verschwende keinen Gedanken daran, meinem Freund zu schreiben und verstehe dann nicht, warum er sich denn jetzt „so unnötig“ Gedanken gemacht hat: „Ich hatte eben keine Zeit!“ Er: reagiert mal nicht auf meine wirren Gedankenströme um 02.37 Uhr: „Der ist bestimmt schon wieder mit dieser Frau zusammen. Morgen erst mal ein bisschen pissig sein.“ Oh Gott haha, wenn man das so aufschreibt, klingt das irgendwie kränker, als es sich in diesen Momenten anfühlt. Aber gut. Tatsache ist: Menschen sind ich-bezogen und oft ungerecht. Vor allem, wenn sie gekränkt sind. Und es tut verdammt gut, ab und zu mal den Spiegel vorgehalten zu bekommen, um zu kapieren: Was du machst, mache ich ja auch. Und immer öfter merke ich, wie ich dieses egozentrische Verhalten step by step ablege. Immer mehr denke ich daran, wie er sich mit einer Situation fühlt. Und bevor ich ihn anbitche, denke ich: „Stopp mal, du machst genau dasselbe!“

Was heißt das jetzt konkret?

Ich will ehrlich sein: Herzen können gebrochen werden. Gefühle können einen übermannen und sich in einem riesigen Chaos verheddern. Manche Geschichten enden unschön und ja: Vielleicht denkt mein Partner auch mal an eine andere, wenn er neben mir liegt. Aber ist das davor noch nie passiert? Und Ja, vielleicht bin ich auch mal ein paar Tage Schock-verknallt in einen anderen. Aber da ich nicht in einem Bollywood-Traum lebe, geht das Leben danach weiter. Und an den Gefühlen für meinen Freund ändert sich dabei rein gar nichts. Natürlich können fremde Menschen, die in unser gemachtes Beziehungsnest eindringen, alles auf den Kopf stellen. Aber wie wir alle wissen, kann das immer passieren. Bei Aldi an der Kasse oder im Club auf der Raucherterrasse. Ich frage mich viel eher, ob neuer Input von außen nicht auch unserer Beziehung guttut?

Ich merke, wie stark das Band zwischen uns ist und wie es immer noch wächst. Und ich merke gleichzeitig, wie sehr mir die Freiheit, andere Menschen zu treffen, gefehlt hat. Wie schön es ist, mal wieder nervös zu sein. Wie schön es ist, sich stundenlang Gedanken um das perfekte Date-Outfit zu machen. Wie schön es ist, so viel zu fühlen. Enttäuscht ebenso wie berührt zu werden. Überrascht zu werden, von Menschen, Geschichten, Berührungen, Denkweisen und den eigenen Gefühlen. Und in den meisten Momenten bin ich so weit, dass ich das auch meinem Freund gönne, ja sogar wünsche. Nicht immer. Aber oft. Im Großen und Ganzen fühle ich mich mal scheiße, mal völlig beflügelt. In beiden Lebenslagen aber lebendiger. Selbst Eifersucht kann schön sein. In beide Richtungen. Es ist schön sich zu vermissen, wertzuschätzen und ganz neu zu begehren. Manchmal fühlt sich mein Partner an wie ein neuer Mensch, wenn wir miteinander schlafen. Neu aber trotzdem vertraut. Mit der Zeit habe ich vieles an ihm erst wieder wahrgenommen und neu lieben gelernt, was ich jahrelang als selbstverständlich angesehen habe. Keine Frage, eine offene Beziehung macht nicht alles leichter – im Gegenteil – wenn man es richtig anstellt, ist es fast schon wie eine Art Paartherapie: kontinuierliche Arbeit an sich selbst und mit dem anderen zusammen. Und das kann wirklich mehr als wunderschön sein.


Von Lilly (25): Lilly ist Fan von jordanischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s