Wenn der Weltschmerzvulkan ausbricht

Die Welt befindet sich in einem unsicheren, ungeordneten, undurchschaubaren Dauerzustand. Das ist für unsere Generation nichts Neues. Wie sehr einzelne Ereignisse diesen Zustand trotzdem verschlimmern können, ist mir durch Putins Angriff auf die Ukraine wieder schmerzhaft klar geworden.


Während ich das hier schreibe, läuft in einem anderen Fenster auf meinem Laptop ein ZDF-Livestream. Ich höre nahezu die gleichen Nachrichten wie seit fast zwei Wochen. Nachrichten von Zerstörung, Angst, Verzweiflung. Von unvorstellbarem Mut und Zusammenhalt. Aber vor allem von viel zu viel Leid und Schmerz.

Mir fällt es unglaublich schwer, diesen Text zu schreiben. Seit Putins Angriff auf die Ukraine drehen sich meine Gedanken, wie die Eilmeldungen auf meinem Smartphone, kaum noch um ein anderes Thema. Man kann dem Thema nicht entgehen und ich will ihm nicht entgehen. Ich will mich informieren – wenn ich schon kaum etwas anderes tun kann, dann zumindest das.

Gleichzeitig sind es Informationen, die mir nicht guttun. Natürlich nicht. Sie lassen mich nachts teilweise nicht schlafen und bescheren mir, wenn ich dann doch einschlafe, Alpträume. Dann wache ich auf und in der Nacht sind mehrere Atombomben gefallen – zum Glück nur in meinem Kopf. Oder ich muss mir erst mal klar machen, dass ich nicht wirklich vor Putin stehe und ihn davon überzeugen muss, diesen schrecklichen Krieg zu beenden.

Ich beschwere mich über schlaflose und alptraum-geplagte Nächte, während ich im sicheren Deutschland in meinem warmen Bett sein darf. Mit einer Wärmflasche, Kuschelkissen und der Gewissheit, dass die Menschen, die mir wichtig sind, um mich herum und in Sicherheit sind. Ich will nicht jammern und mich aus meinem geschützten WG-Zimmer heraus wirklich nicht beklagen. Aber ich will benennen, was ich fühle, wenn ich die schrecklichen Nachrichten lese:

Weltschmerz. Ein so schönes Wort, verbunden mit einem so herzzerreißenden Gefühl.

Innere Vulkanausbrüche

Ein Gefühl, das unsere Generation ständig mit sich herumträgt. Denn für uns fühlt sich die Welterfahrung an wie ein großer wütender Vulkan. Wir kennen all die großen Probleme, die unsere Welt bestimmen und die immer da sind. 

Sexismus – immer da.
Erderwärmung – immer da.
Soziale Ungleichheit – immer da.
Struktureller Rassismus – immer da.
Populist:innen und Extremist:innen im Bundestag – immer da.
Kriege auf der ganzen Welt – immer da. 

Sobald ich mich mit diesen Ungerechtigkeiten beschäftige, bildet sich mehr Lava im Weltzustandsvulkan, die blubbert und schäumt und zischt. Dieser Weltschmerz – er ist einfach immer da. Wir können die einzelnen Aspekte thematisieren, wieder und wieder, uns informieren, weiterbilden, gegen Ungerechtigkeiten auf die Straße gehen, uns engagieren. Aber wirklich verschwinden lassen kann den Weltschmerz, diese unterirdisch andauernd brodelnde Lava, niemand von uns.

Hin und wieder – sogar ziemlich häufig – spritzt auch ein bisschen Lava über den Rand des Vulkans. Wenn mal wieder veröffentlicht wird, wie viele Femizide es im vergangenen Jahr gab, wie schlecht es um die weltweite Pressefreiheit steht oder wie viele Menschen auf der Welt unter Hunger leiden, fliehen müssen, ermordet werden. Das ist für unsere Generation nichts Neues – nahezu schon ein Dauerzustand. 

Und dann gibt es die Vulkanausbrüche – Weltschmerzausbrüche. Der Terrorakt in Hanau war für mich ein solcher Ausbruch. Trumps Wahl zum Präsidenten. Der Sturm auf das US-Kapitol. Die Ermordung von George Floyd. Der Mord an Walter Lübcke. Die Überschwemmungen vergangenes Jahr im Ahrtal. Ihr wisst selbst, wie endlos lange diese Liste fortgeführt werden kann. 

Und nun auch der Krieg in der Ukraine. Ein unvorstellbar riesiger Vulkanausbruch und ich weiß bis heute – eineinhalb Wochen nach dem Ausbruch – noch nicht, wie ich damit umgehen soll.

Erste Hilfe bei Weltschmerz

Ich gebe mein Bestes, um den Schaden, den der Vulkanausbruch in mir angerichtet hat, möglichst klein zu halten – auf verschiedene Arten. Ich informiere mich, gehe auf Friedensdemos, spende auch etwas an Hilfsorganisationen. Damit kann ich kurzfristig etwas von dem dichten Rauch lichten, der durch den Weltschmerzausbruch entstanden ist. Gleichzeitig fühlt es sich irgendwie an, als würde ich den Vulkan in mir nur noch weiter befeuern, je mehr ich mich mit dem neuesten Ausbruch beschäftige. Und so tritt mehr und mehr Lava aus und bringt mehr und mehr Zerstörung mit sich. 

Dann versuche ich es eben anders. Lege mein Handy zur Seite, lese ein paar Seiten, schließe den Livestream und gucke eine Folge Friends, treffe mich mit Freund:innen, setze mich mit einem Chai Latte in ein Café oder mit einem Glas Wein in eine Bar. Und kann den Weltschmerz für jeweils ein paar Stunden ignorieren. Aber die Folgen eines Vulkanausbruchs werden nicht weniger schlimm, wenn man einfach die Augen vor ihnen verschließt. Und sobald ich wieder alleine und ohne Ablenkung zu Hause sitze, sehe ich die Verwüstung umso deutlicher. Und dazu kommt noch das schlechte Gewissen, weil ich alles für ein paar Stunden ignorieren konnte und es eigentlich viel zu schlimm ist, um noch ignoriert werden zu dürfen.

Das Einzige, das die Rauchwolke nach so einem Vulkanausbruch für mich zumindest etwas nachhaltiger lichten kann, ist all das genauso zu bezeichnen, wie es sich für mich anfühlt. Ich kann die Überforderung, das Durcheinander, den Weltschmerz benennen und akzeptieren, dass diese Gefühle nun mal da sind. Und das nicht nur in mir. In den vergangenen Tagen habe ich kaum Gespräche geführt, bei denen ich nicht auch etwas von dem Weltschmerz heraushören konnte. Einen Schritt zurückzutreten und zu wissen, dass diese schmerzhaften Gefühle zwar vorhanden und valide, aber trotzdem nur Gefühle sind. Und dass ich sie mit so vielen anderen Menschen teile – das hilft mir, mein Weltschmerzlevel zumindest etwas abzusenken und die Wunden des letzten Ausbruchs heilen zu lassen. 


Von Lena (23): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.

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