Vom pathologischen Vertagen

“Ist ja noch Zeit”, denkt man sich oft und schiebt und schiebt und schiebt vor sich her. Lernen, Pfand wegbringen, endlich mal auf diese längst nach unten gerutschte WhatsApp-Nachricht antworten. Hundertmal dran gedacht, aber nix gemacht. Andere Dinge waren immer spannender. Und dann kommt irgendwann der Zugzwang.

Wie konnte das passieren? Eben hatte ich noch StepStone und Ingrid ähh Indeed offen, weil ich mich eigentlich um meine Zukunft kümmern wollte, und jetzt ziert meinen Bildschirm plötzlich ein Video mit dem Titel Animals so funny that you can die of laughter. Auf dem Thumbnail: Stinktier mit Fahrradhelm. Sieht vielversprechend aus. Daneben die Top 50 Most Viewed CRINGE Videos of 2018.

„Wie bin ich da jetzt nochmal hingekommen?“, lautet die klassische Filmrissfrage, die ich mir an diesem Punkt oft stelle. Witzige Tiere haben eigentlich nicht ganz so viel mit meiner Jobsuche zu tun. Genauso wenig wie meine Einkaufsliste für Rossmann, die aber trotzdem unbedingt genau jetzt in die Notizen-App getippt werden muss. Sonst vergesse ich womöglich nachher noch, dass ich Wattepads brauche und das will wirklich niemand. Wikipedia definiert Watte übrigens als loses Gefüge aus Fasern. So fühle ich mich auch manchmal.

Um meine Zukunft kümmere ich mich morgen

Zurück an den Schreibtisch. Schnell noch Cat memes that cured my anxiety and depression ballern. Der Algorithmus weiß einfach, was ich brauche. Dabei bin ich auf den eigentlich nicht mal angewiesen, denn mein Kopf macht das mit den automatischen Vorschlägen auch ganz gut von allein. Keine Ahnung, wann in meinem Gehirn das letzte Mal nur ein einziger Tab geöffnet war, denn ich liebe Dinge, die mich vom Eigentlichen ablenken. Wenn sie anklopfen, biete ich ihnen ein Kölsch an und sage „Hereinspaziert, wir haben jetzt Spaß.“ Um meine Zukunft kümmere ich mich morgen. 

Aber meistens ist es das Lernen. Wie viele Nächte habe ich mir schon todmüde mit zerknickten Karteikarten in den eingeschlafenen Händen um die müden Ohren geschlagen, weil am nächsten Tag eine Prüfung anstand und ich erst 24 Stunden vorher angefangen habe, etwas dafür zu tun. Diese 24 Stunden fühlen sich an wie Watte: alles dumpf, Zeitgefühl weg, Flugmodus an, meine Freund:innen hören und sehen nichts mehr von mir. Bis ich danach – in der Regel relativ zerstört – mein Ziel erreicht habe und so tue als wäre nie etwas gewesen. 🙂

Klausuren, Abi, Führerschein, es zieht sich durch mein ganzes Leben. Frühzeitig anfangen? Bin ich nicht der Typ für. Aber kann ich mich auf diesem billigen Argument ausruhen? Schließlich lasse ich mich immer wieder selbst ins Messer laufen, indem ich mich aktiv chronischem Stress aussetze, der vermeidbar wäre.

Jedes Mal ein kleines Mini-High

Irgendein “Arzt” sagt bei gutefrage.net, dass Menschen, die zu Perfektionismus neigen, sich schneller in unwichtigen Details verlieren. Auf einer anderen Website steht, es gibt verschiedene Aufschiebe-Typen. Erregungsaufschieber:innen zum Beispiel, die von sich behaupten, erst im letzten Moment kreativ sein zu können. 

Ich glaube, mir persönlich gibt das Erfolgreich-Aufgeschoben-Haben jedes Mal ein kleines Mini-High. Denn für mich ist die Deadline ein Flieger Richtung Erfolg, der auch ohne mich abhebt, wenn ich zu spät am Gate bin. Juckt den nicht, ob ich mitfliege. Und genau das macht den Reiz aus: Bisher habe ich ihn immer gerade noch erwischt.

Zuckernaive Zuversicht

Aber bevor es zum Flughafen geht, gibt’s erst noch einen unangenehmen Zwischenstopp auf dem Gipfel des Letzten Drückers (bekannter Berg). Da bringt mich die warmweiche und zuckernaive Zuversicht „Beim letzten Mal hat’s ja auch geklappt“ mit der Seilbahn hin. Der Waggon hängt an meinen Nerven aus Stahl und immer wieder bin ich aufs Neue wütend auf mich, wenn ich dann wieder mal dort oben stehe, auf diesem Kack-Gipfel, mich dafür verachtend, im Vorhinein zu krass mit dem blinden Vertrauen in mein Spontan-Abliefern-Können geflext zu haben. Dann blicke ich in mein Verderben hinab, die halbleere, halbwarme Kaffeetasse neben mir und die Nachtschicht vor mir.

Und trotzdem: Sobald es mal wieder ernst wird, entscheide ich mich dann doch jedes Mal wieder für YouTube-Videos über ungewöhnliche Tierfreundschaften oder anrüchige Fanfiction über Helene Fischer und Zac Efron. 

Aber natürlich weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die dieses Problem hat. Ein paar Drückeberger:innen kenn‘ ich auch. Mich mit denen zu unterhalten, hilft mir ein bisschen. Weil Wattepads, also diese losen Gefüge aus Fasern, die ergeben nur auf Grund der Haftung untereinander ein gemeinsames Volumengefüge. Und daraus zieht der pathetische Teil von mir eine übertrieben kitschige Moral, mit der ich mir das alles schönrede: Wir Aufschiebenden liegen alle im selben Rossmann-Regal, als lose Fasern, die einander durch ihre geballte Inkompetenz in puncto Zeitmanagement Halt geben. 🤝


Von Fee (28): Während Fee sich früher noch Kurzgeschichten über böse Punker ausgedacht hat, schreibt sie heute als Journalistin lieber Texte über die Gefühle ihrer Generation, über gesellschaftliche Missstände und inspirierende Menschen. Manchmal macht sie auch einen Fernsehbeitrag darüber. Ihr Mitbewohner sagt, sie wäre etwas zu vorwitzig und sollte weniger Fragen stellen, aber sie sieht das anders. Immer am Start: Empathie, der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen und Hündin Martha.

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