Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, begann ich eine Notiz in meinem Handy zu führen, in der ich alle Jungs auflistete, die ich bis dato geküsst hatte. Wirklich viele kamen da nicht zusammen, aber irgendwie schien es mir wichtig, die paar, die es bereits gab, schwarz auf weiß festzuhalten. Man könnte das nun auf meine nostalgische Ader schieben und darauf, dass ich mich einfach an die Momente erinnern wollte, die mit diesen Küssen zusammenhingen. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dahinter verbarg sich noch etwas anderes. Ich glaube, die Liste ist einer der eindeutigsten Ausdrücke meiner Suche nach männlicher Bestätigung.
Grundsätzlich ergibt es Sinn, in dieser bis heute zum Großteil von Männern bestimmten Gesellschaft nach der Bestätigung von Männern zu suchen. Als Frauen werden wir geradezu darauf trainiert, Dinge zu tun und zu sagen, die Männern gefallen. Und solche zu verschweigen, die ihnen missfallen, die sie nicht cool, sinnvoll oder zumindest respektabel finden. Letzten Endes entscheiden schließlich häufig Männer darüber, ob wir den Job, die Beförderung, die Wohnung oder die bessere Note bekommen.
Tischtennis mit Taylor Swift
Als ich elf Jahre alt war, beendete ich meine Tischtennis“karriere“ und fing an, Fußball zu spielen. Ich hatte Spaß daran, sicher – aber es war schon auch (vor allem in den Augen der gleichaltrigen Jungs) der eindeutig „coolere“ Sport. Und sogar heute freue ich mich manchmal noch, dass ich in Gesprächen über Sport mit irgendwelchen Männern sagen kann, dass ich sieben Jahre lang Fußball gespielt habe. Ich war nie gut im Fußball und bin mir sicher, dass ich im Tischtennistraining mehr Skills und vielleicht auch mehr Spaß gehabt hätte – aber „cool“ hätte mich mein männliches Umfeld vielleicht weniger gefunden.
Mit vierzehn teilte ich meine Liebe zu Taylor Swift ausschließlich mit meiner Familie (und auch das eher unfreiwillig – die Armen mussten sich einfach meine schiefen Gitarren-Cover ihrer Songs anhören, wenn sie an meinem Zimmer vorbeigekommen sind). Stattdessen begann ich Songs von K.I.Z zu hören. Ich verstand damals nur Bruchteile der Texte wirklich und teilweise machten sie mir sogar Angst. Aber das hörten nun mal die Jungs, mit denen wir damals auf irgendwelchen Dorfspielplätzen und in Partygaragen abhingen und je länger der Abschnitt war, den ich mitrapen konnte, desto „cooler“ fanden sie mich.
Irgendwann gab es einen Switch und ich habe nicht mehr nur danach geächzt vom anderen Geschlecht „cool“ gefunden zu werden, sondern es ging darum, „begehrenswert“ zu sein, attraktiv, meinetwegen auch sexy oder hot. Oder auch nur ansehnlich genug, um nach ein paar V+ Berry in der legendären Partygarage geküsst zu werden – zu der Zeit kam auch die erwähnte Liste zustande. Sie war sozusagen ein Zeugnis der Bestätigung, die ich mir aus dieser männlichen Aufmerksamkeit ziehen konnte. Das sind nur ein paar Beispiele dafür, wie lange und wie stark ich mein Leben nach männlicher Aufmerksamkeit und Bestätigung ausgerichtet habe.
Die Welt im male gaze
Heute kann ich das besser einordnen und weiß, dass ich nicht die einzige Frau bin, der es so ging oder immer noch geht: Egal, ob wir Ballerinas und Uggs aus unseren Schränken verbannt, unsere Haare lang getragen, die Beine aber dafür rasiert, uns auf eine bestimmte Art geschminkt oder uns in wichtigen Diskussionen zurückgehalten haben, um nicht „zickig“ oder „hysterisch“ zu wirken – so viele Entscheidungen, die bei vielen Frauen darauf zurückzuführen sind, dass sie dem „male gaze“ entsprechen wollen.
Teilweise ist dieser „male gaze“ aber auch gar nicht so „male“. Auch wir Frauen haben ihn internalisiert und übernommen, weil er uns von der patriarchalen Gesellschaft und von ihren Werbereklamen und Instagramvorschlägen immer wieder aufgetischt wird.
„Wie würdest du dich entscheiden, wenn die ganze Welt nur voller Frauen wäre (oder es zumindest keine cis hetero Männer gäbe)?“, ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, seitdem ich mir mehr Gedanken über mein Verhältnis zur männlichen Bestätigung mache. Und ja, manche meiner Entscheidungen fallen nach dieser Frage anders aus.
Eine kleine Confession zum Schluss: Die eingangs erwähnte Liste existiert auch heute noch, mittlerweile mit ein paar mehr Zeilen als vor zehn Jahren. Heute führe ich sie aber nicht mehr, um mir oder anderen irgendetwas zu beweisen. Denn meistens glaube ich mittlerweile: Ich bin cool und begehrenswert. Jedenfalls in meinen Augen – und das sollte ja reichen. Ich sehe die Liste heute einfach als sehr unterhaltsames Archiv über meine kleinen und größeren Eskapaden. Empowerment kann eben auch bedeuten, Dinge nicht mehr so ernst zu nehmen.

Von Lena (26): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind, als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.