Die unerträgliche Ungleichung eines „Für immer“

Ich denke nur selten über meine Zukunft nach. Ich gehe step by step und das ist gut so. Wenn das dann aber doch mal passiert, drehe ich meistens total durch. Panisch sehe ich dann worst-case-Szenarien meines 40-jährigen Ichs vor Augen: Eine einsame, zutiefst gelangweilte Frau mit einer spießigen Schürze in der spießigen Küche eines spießigen Hauses einer spießigen Neubausiedlung. Und auch wenn ich eigentlich darauf vertraue, dass mich mein Abenteuerdurst davor bewahren wird, jemals ein solches Spießigkeits-Level zu erreichen, bleibt immer die latente Angst davor, eines Morgens aufzuwachen, mich urplötzlich in einem bürgerlichen Leben wiederzufinden und nur noch zu stagnieren. 


Wie unzeitgemäß und hängen geblieben es auch sein mag: In der Ordnung meines Kopfes sind langjährige Beziehungen, Kinder und eigene Wohnungen unter dem Register “Erwachsenen-Dinge” abgeheftet, die ich nur mit Mühe von der Spießigkeits-Vorstellung lösen kann (vor allem dann, wenn sie in dieser Dreierkombination auftauchen). Ich bilde mir nämlich schon mein Leben lang ein, Spießig-Werden ist ein schleichender Prozess, der ganz leise, heimtückisch und unaufhaltbar voranschreitet. 

Mir ist vollkommen bewusst, dass es viele alternative Lebensmodelle, aufregende Beziehungsformen und auch durchaus coole Kinder gibt, aber irgendetwas in mir hält mich davon ab, das wirklich zu glauben. Als wäre das nur eine Falle, eine Art Beruhigungsmittel unserer Generation, das wir uns immer wieder geben, um uns gegenseitig davon zu überzeugen, dass wir ja eigentlich die Jugend sind, die bestehende Tabus aufbrechen und alles anders machen kann. Sobald wir aber aus unserer  letzten Student:innen-Bude ausgezogen sind, beginnt leise und unmerklich schon die innere Spießigkeits-Transformation und ehe wir uns versehen, machen wir doch wieder alles genauso wie die Generationen vor uns. 

Alltagstrott, Monotonie, Erstarrung, sich irgendwann nichts mehr zu sagen haben, Kinderwägen und gemähte Wiesen, Full-time-Job und 28 Urlaubstage … Zukunftsgedanken wie diese lösen Beklemmungen in mir aus … und die leise Vorahnung, dass ich eine dieser verrückten 50-Jährigen werde, die in ihrer Midlife-Crisis alles stehen und liegen lässt und mit ihrem Tauchlehrer in Thailand durchbrennt. 

Können wir uns nicht noch ein zweites Mal kennenlernen?

Die meisten dieser Dinge liegen fern in der Zukunft und wie gesagt: Ich bin verdammt gut darin, sie nicht in meinen Kopf zu lassen. Andere wiederum sind so präsent, dass ich einer Konfrontation nicht mehr aus dem Weg gehen kann. Der Ernsthaftigkeit meiner Beziehung zum Beispiel, die – meiner Meinung nach – nur deshalb so gut funktioniert, weil wir sie seit sieben Jahren nur im Hier und Jetzt führen. Zukunft war nie Thema, ist immer noch kein Thema. Unsere offene Beziehung gibt mir jeden Freiraum, den ich brauche, mein Partner und sein verständnisvolles Wesen unterstützen mich bei jedem noch so verrückten Traum, egal ob er in diesen inkludiert ist oder nicht. 

Ich bin (fast) täglich dankbar für alles, was ich habe, für all die unkonventionellen Regeln, von denen unsere Beziehung lebt, für die Unabhängigkeit und Bestärkung, die wir uns gegenseitig ermöglichen. Trotz allem denke ich manchmal, ich bin zu jung für eine so ernsthafte Partnerschaft. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, wir hätten uns erst später kennengelernt. Oder könnten uns in ein paar Jahren nochmal von vorne kennenlernen. All das Kribbeln, das Aufregende, das Einander-Kennenlernen noch einmal durchleben. Und ich merke immer wieder: Ich bin wie eine Süchtige; das Neue und Unentdeckte zieht mich an wie ein Magnet. 

Die unlösbare Ungleichung

Unentdeckt ist beispielsweise meine Persönlichkeit als Single. Da ich eine Beziehungs-Hopperin bin, seit ich 16 bin, kenne ich eine bedeutende Facette meiner Selbst noch gar nicht: Ich, wie ich bin, wenn ich alleine bin. Ganz ohne Verantwortung, Verpflichtung, Commitment für ein anderes Individuum an meiner Seite. Nur ich und die Welt. Ich will das erleben! Ich will mich nochmal neu kennenlernen!, schreit es in mir. Aber ich bin glücklich und wie dumm wäre es, dieses Glück aufs Spiel zu setzen?, schreit es zur selben Zeit. Es fühlt sich an, als wäre meine Beziehung genau das Richtige, nur irgendwie ist sie einfach zu früh in mein Leben gerast. Und obwohl ich jede Freiheit dieser Welt habe, steigt manchmal Panik in mir hoch, die mich dazu animieren möchte einfach auszubrechen. 

Es ist ne unlösbare Ungleichung, die meine Freund:innen und ich seit Jahren mit akribischer Vehemenz zu erörtern versuchen. Millionen Weinflaschen mussten schon dran glauben, in der stetigen Hoffnung die Erleuchtung zu finden; die magische Formel, die uns erklären wird, wie in aller Welt eigentlich so ein verdammtes „Für immer“ aussehen soll. Bei aller Liebe dieser Welt, aber wie schaffen Menschen das? – 10, 20, 30, 40, 50 Jahre ihre Beziehung zu rocken, ohne spießig zu werden, ohne sich zu langweilen und dabei auch noch glücklich zu sein?

Die Lösungsvorschläge „Gar nicht. Im Alter wird man ja eh ruhiger, da akzeptiert man das dann halt“ oder „Langeweile kann doch auch vOoOlllL sChÖöN sein“ nehme ich nicht an. Ja, Langeweile kann schön sein, aber nicht länger als zwei Wochen. 

Der Hof der Träume

Irgendwie fühlt man sich in diesen Blogtexten immer ein bisschen dazu verpflichtet, nicht nur unendlich viele Fragen aufzuwerfen, sondern auch irgendwelche nervigen, optimistischen Aussichten ans Ende zu setzen – oder noch besser – Lösungsansätze zu liefern. 

Lösungen habe ich nicht, aber tatsächlich Lichtblicke, die meine Angst vor der Spießigkeit ein dickes Stück lindern. Zum Beispiel unser Hof der Träume. Das ist ein rieeeeßengroßer Hof, auf dem meine Freundinnen und ich alle zusammen wohnen, jede mit ihrem eigenen Stockwerk oder ihrer kleinen Wohnung. Es gibt gemeinsame Chillout-Bereiche, Terrassen, Gärten, Yoga-Plätze, Hängematten, Gemüsebeete, Hunde, Katzen und Lagerfeuer-Plätze. Das beste daran: Es ist vollkommen egal, ob wir ganz alleine einziehen oder eine 10-köpfige Familie mitbringen, alleine ist niemand, der*die es nicht will. Unsere potentiellen Kinder haben viele tolle Mütter, die sich gemeinsam kümmern. Jede von uns kann verreisen, ohne sich Gedanken um den Hund zu machen, jede von uns kann ausgehen, ohne sich Sorgen um (eventuelle) Kinder zu machen, jede von uns kann sich jederzeit den Nervenkitzel des Stadtlebens holen, weil wir selbstverständlich auch noch mindestens zwei Stadtwohnungen besitzen. Eh klar. 

Wenn ich also nicht gerade in lebhaften Träumen über den Hof der Träume versinke, vermeide ich es meistens, an die Zukunft zu denken. 

Nur manchmal, manchmal gibt es da noch diese schönen Momente, in denen ich mich komplett fallen lasse und einfach beschließe, meinem älteren Ich zu vertrauen. Dann denke ich daran, dass ich bisher ja auch immer Lösungen gefunden habe, um meinen Bedürfnissen Raum zu geben. Dann frage ich mich, wer denn überhaupt sagt, dass ich nach denselben Regeln spielen muss, wie der Rest der Welt? Wo steht geschrieben, dass ich nicht auch mal eine Zeit lang alleine sein kann, auch wenn ich in einer Beziehung bin? Und wer sagt eigentlich, dass mein Partner mir nicht vielleicht sogar irgendwann mal sein Go gibt, um mit dem thailändischen Tauchlehrer durchzubrennen? 


Von Lilly (26): Lilly ist Fan von arabischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann.

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