To fight or not to fight – das ist hier die Frage


Ich bin ein absolut konfliktscheuer Mensch. Betrachtet man meine Familienkonstellation, sollte man das gar nicht unbedingt annehmen: Ich bin mit vier älteren Geschwistern aufgewachsen und wir waren sicher nicht immer einer Meinung. Der einzige wirkliche Geschwisterstreit, an den ich mich gerade aber erinnern kann, ist einer, der zwischen einer meiner Schwestern und meinem Bruder entstanden ist, als wir gerade zu dritt Ratatouille geschaut haben.

Ich war damals vielleicht so fünf, sechs Jahre alt und habe heute keine Ahnung mehr, worum genau es eigentlich ging (weder im Film noch im Streit). Ich weiß nur noch, dass die beiden sich wirklich gefetzt haben und dass ich daraufhin ganz schnell, mit ganz schwerem Herzen und ein paar Tränchen in den Augen aus dem Raum gelaufen bin. Selbst wenn sie mich nicht mal direkt betreffen – Konflikten gehe ich schon immer gerne aus dem Weg. Am liebsten renne ich geradezu vor ihnen davon und suche mir ein möglichst sicheres Versteck, an dem sie mich nicht einholen können.

Flight und freeze – nur bitte nicht fight!

Nachdem ich mittlerweile seit mehr als zweieinhalb Jahren mit meinem Mitbewohner zusammen wohne, ist ihm diese Seite an mir natürlich auch schon aufgefallen. Ihn hat bei unserem Küchenstreit letzten Endes die Tatsache, dass ich das Thema nicht ausdiskutieren wollte, mehr gestört als die Meinungsverschiedenheit an sich. „Hä du musst doch jetzt nicht einfach sagen, dass es okay für dich ist und abhauen, nur weil du nicht weiter diskutieren willst?“. Ups, ich stand tatsächlich schon wieder im Flur und hatte den Raum mit einem (schon noch ein bisschen genervten) „Mir ist es egal, wir machen es auf deine Art“ verlassen. Mal wieder ganz schnell die Flucht vor dem Konflikt ergriffen. Aber es war mir auch wirklich egal. Oder zumindest war es mir wichtiger, nicht weiter zu streiten, als meine Meinung durchzusetzen.

Macht euch bereit für ein bisschen ungesichertes Halbwissen über Konfliktvermeidung, das ich mir im Nachgang zu diesem Streit mit Podcasts und Online-Artikeln angeeignet habe: Grundsätzlich reagieren wir mit einer von drei verschiedenen Reaktionen auf Stresssituationen (zu denen Streits für mich auf jeden Fall gehören): Fight, flight oder freeze. „Flight“, also der Situation möglichst schnell entfliehen, ist offensichtlich meine Lieblingsreaktion. Auch die dritte Reaktion – „freeze“, das Erstarren – kommt mir sehr bekannt vor, vor allem in Situationen, aus denen ich nicht so einfach fliehen kann. „Fight“, das Zurückkämpfen und wirklich für mich selbst, meine Meinungen und Bedürfnisse einstehen, ist mir dagegen ziemlich fremd.

Was war noch mal Wut?

Die Scheu vor Konflikten wird häufig als negative Angewohnheit betrachtet, weil sie dazu führen kann, dass Wut und Ärger angestaut und so immer schlimmer werden. Wenn all das Angestaute dann doch irgendwann raus muss, weil es anders gar nicht mehr geht, passiert das oft in einer destruktiven und verletzenden Form – und das ist natürlich nicht gerade wünschenswert. Probleme, die aus Angst vor Konflikten und Streitigkeiten nicht angesprochen werden, können auch kaum gelöst werden und verschlimmern sich so mehr und mehr. So weit, so klar.

Irgendwie habe ich aber nicht das Gefühl, dass das so ganz auf mich zutrifft. Mir fällt kaum eine Situation in meinem Leben ein, in der mir wirklich mal „der Kragen geplatzt“ wäre. Wut ist für mich ein ziemlich unbekanntes Gefühl. Selbst wenn ich mal etwas in der Art fühlen sollte, schlägt das bei mir ganz schnell in Richtung Trauer um. Und das auch fast nur, wenn ich wütend auf mich selbst bin. Natürlich ist Wut keine unabdingbare Voraussetzung für das Entstehen von Streitereien. Aber zumindest für so richtig heftige Auseinandersetzungen würde ich sie schon als Katalysatoren bezeichnen – ein Katalysator, der mir dann wohl häufig fehlt.

Üben, üben, üben

Vielleicht wäre es aber gar nicht so schlecht, wenn ich auch mal etwas Wut, etwas mehr Diskussionen, Streitigkeiten und Konflikte in meinem Leben zulassen würde. Oft läuft nämlich auch bei mir nicht alles super (surprise, surprise!) und eigentlich stelle ich es mir schon befreiend vor, den Frust dann auch mal rauszulassen, statt ihn wegzulächeln, vor ihm davonzulaufen oder ihn im Stillen zu betrauern. Und natürlich fühlt es sich auch toll an, für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse einzustehen – auch (oder gerade) im Konflikt mit anderen Menschen. Streiten muss ja auch nicht gleich heißen, dass man sich anschreit und Gläser durch die Luft fliegen. Aber einfach mal Dinge anzusprechen, die mich stören, statt mich nur mit mir selbst oder mit meinen engsten Freund:innen darüber aufzuregen, hört sich gar nicht so schwachsinnig an. 

Das heißt für mich dann also „einfach” endlich mal das Streiten zu lernen. Am besten soll das, btw. wie bei so vielen neuen Skills, durch Üben und Ausprobieren klappen. Zum Beispiel kann man mit einer vertrauten Person eine Konfliktsituation nachspielen und sich aktiv dazu zwingen, nicht zu flighten oder freezen, sondern in diesem nachgestellten Szenario wirklich mal zu fighten. Vielleicht muss eine:r meiner Freund:innen bald für so ein Rollenspiel herhalten.

Ob das klappt: I keep you posted.


Von Lena (25): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.

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