Ich werde in ein paar Monaten 30. Das fühlt sich weniger dramatisch und weniger besonders an, als ich es mir vor ein paar Jahren noch ausgemalt habe. Trotzdem markiert dieser Dekadenwechsel für mich eine seltsame, unsichtbare Linie, mit der ich auf völlig neue Anforderungen und den unausgesprochenen Druck zusteuere, endlich im Leben anzukommen. Denn spätestens mit 30 hat man doch wirklich zu wissen, was man will.
Das schönste Alter
Die 30er gelten als die Rushhour des Lebens: Karriere, Kinderplanung, Hausbau. Oder doch der komplette Neustart. Weil das gewachsene Vertrauen in das eigene Bauchgefühl uns rechtzeitig zur richtigen Abzweigung führt. Filme wie „30 über Nacht“ oder „Der Teufel trägt Prada“ zeichnen das Bild einer Art fehlerfreien Hochleistungsphase. Gleichzeitig schießt die Wirtschaft quer und überrollt uns mit Werbung für Altersvorsorge, Immobilienkredite, Familienautos und Anti-Aging-Produkte. Ein absurder Spagat aus materiellem Überkonsum und dem gleichzeitigen Diktat, dabei gefälligst tiefste Zufriedenheit auszustrahlen. Denn diverse Studien wollen belegen: In ihren 30ern sind die Menschen in Deutschland am glücklichsten.
Auch meine Mama schwärmt in höchsten Tönen von dieser Dekade: „Das schönste Alter“, nennt sie das und spricht von mehr Leichtigkeit, mehr Selbstbewusstsein und davon, dem eigenen Gefühl besser trauen zu können.
Und während ich also zielsicher in diese prophezeite Leichtigkeit schlittere, fühle ich neben ein bisschen Vorfreude vor allem eins: ganz viel Druck. Denn im Gegensatz zu den ersten Fältchen um meine Augen will sich eine klare Lebenslinie noch nicht so recht abzeichnen.
RIP 20s
Wenn ich auf Instagram Videos davon sehe, wie die 20er wie ein alter Freund auf einer Beerdigung verabschiedet werden, frage ich mich manchmal, was da eigentlich zu Grabe getragen wird. Das chaotische Herumirren in dieser formativen Zeitspanne – oder jener unbändige Optimismus, der mit jeder neu gewonnenen Verpflichtung des Erwachsenenlebens zu schrumpfen scheint?
Ich wiege Clubbesuche jetzt schon penibel ab und analysiere die Kosten-Nutzen-Rechnung akribisch. Einen Kater muss man sich schließlich leisten können. Elotrans wirkt auch nicht mehr wie früher und mich beschleicht zunehmend das Gefühl, dass die kleinen Beutel mit Traubenzucker und Salz doch nur ein Marketing-Trick sind, auf den ich einfach gerne hereinfallen wollte. Konsequenzen gewinnen für mich immer mehr an Bedeutung und ich stehe jetzt kniezitternd im Freibad auf dem 10‑Meter-Brett, weil auch etwas vom Mut mir in den letzten Jahren flöten gegangen ist.
Gleichzeitig sehne ich mich immer öfter nach Spontanität und diesem unendlichen jugendlichen Leichtsinn. Etwas machen, das verrückter ist, als mittags um 12 mit meinen Freundinnen in der Regio eine Flasche Erdbeersekt zu trinken. Vielleicht noch mal ins Ausland. Backpacking in Asien, um „mich selbst noch mal zu finden“. Oder ich gehe zwei Tage ins Berghain, um zu schauen, ob ich mich noch mal aus dem Konzept tanzen kann.
Zwei Seelen, ein Leben
Dann merke ich, dass Faust in mir reinkarniert ist und zwei Seelen in meiner Brust wohnen. Ich ernähre mich gesund, achte auf sowas wie eine ausreichende Proteinzufuhr und zwinge mich bei Wind und Wetter durch den Wald zu galoppieren. Immer wieder liebäugele ich mit dem Stadtrand oder sogar dem Dorfleben, weil ich mir einbilde, den Feinstaub der Großstadt auf der Zunge zu schmecken. Außerdem ist man dann näher an den Großeltern, die irgendwann mal auf ihre Enkel aufpassen könnten. Oder vor denen man sich rechtfertigen müsste, warum man keine Kinder will.
Dabei fühl’ ich mich selbst oft kaum älter als 12. Ich höre immer noch Bibi Blocksberg zum Einschlafen und steuere in jedem Park zuerst die Schaukel an. Wenn es mir nicht gut geht, rufe ich Mama an und wenn ich einen Vertrag abschließen muss, fühle ich mich manchmal so klein und unbeholfen, als hätte ich immer noch keine Ahnung, wie das Leben eigentlich funktioniert.
Immer öfter wird es mir auch zu ernst. In mir drin und da draußen. In einer Welt, in der Kriegsbilder und AfD-Wahlerfolge die Tagesschau dominieren. Auch in meiner eigenen kleinen Welt hält die Dunkelheit immer öfter Einzug. Monate der Arbeitslosigkeit und ein verlorener Bruder machen den Schmerz der Welt unverschämt aufdringlich. In mir wächst das Bewusstsein, wie fragil das Leben, Freundschaften und Gewissheiten sind.
Gleichzeitig finde ich immer öfter eine Stärke darin, dass ich in all dem trotzdem – oder gerade deswegen – auch einen Wert erkenne. Dass ich mich selbst durch dieses Schwarz bugsieren kann, weil ich mir jetzt zuhöre. Immer seltener geht es mir darum, mich zu optimieren. Viel mehr bin ich gut zu mir, weil ich mich gern habe. Ob mit oder ohne Job. Ob mit oder ohne Haus. Ob ich weiß, was ich will oder nicht.
Gleichzeitig
So viele Kontraste. So viel Hätte, Könnte, Würde. Und so wenig 30 über Nacht. Mich beschleicht das Gefühl, dass meine 30er nicht weniger chaotisch oder so viel gradliniger werden als die 20er. Und noch weniger habe ich das Gefühl, dass sie dem entsprechen, was Medien und Gesellschaft uns suggerieren – und erst recht nicht dem, was ich mir vor einigen Jahren noch darunter ausgemalt habe.
Ich bin mir fast sicher, dass es in ein paar Monaten nicht magisch klickt und mein Leben wie von Zauberhand aufgeräumt, sicher und glasklar vor mir liegt. Und vielleicht ist das die eigentliche Veränderung: Ich werde nicht weniger lost sein, aber ich bin weniger verzweifelt darüber. Ich muss nicht mehr jeden Widerspruch auflösen.
Man kann gleichzeitig glücklich sein und sich fragen, ob das schon alles war. Sich erwachsen fühlen und sich gleichzeitig absolut kindlich vorkommen. Wissen, was man will – und es am nächsten Tag wieder vergessen haben.
Vielleicht hatte meine Mama mit ihrem „schönsten Alter“ also auf ihre ganz eigene Art Recht. Nicht, weil plötzlich alles leicht und fehlerfrei wird. Sondern weil das Erwachsenwerden gar nicht das Versprechen ist, irgendwann keine Widersprüche mehr im Leben zu haben. Es bedeutet, sie besser auszuhalten.

Von Alex (29): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.