Arbeitslosigkeit und das kaputte Maß für Wert


Meine eigene Vorstellung von Arbeitslosigkeit war lange geprägt von den Nachmittagen meiner Schulzeit, die ich vor dem Röhrenfernseher mit RTL2 verbracht habe. Arbeitslosigkeit bedeutete für mich Fliesentische, Zigaretten-Stopfmaschinen und Peter Zwegat, der vor einem Whiteboard steht und einer fünfköpfigen Familie zur finanziellen Entlastung vorschlägt, den Hund abzugeben.  Abgehängt vom System, abgeschnitten von Bildung, gebeutelt von Schicksalsschlägen: Fertig war der Prototyp des Arbeitslosen.

Dass diese Sicht privilegiert, simplifizierend und letztlich komplett diskriminierend ist, habe ich erst später richtig verstanden. Vielleicht spätestens während meines geisteswissenschaftlichen Studiums, als der „Taxifahrer-Joke“ im Hinblick auf die Kreativbranche zum running gag avanciert ist. Zum ersten Mal wurde ich mit der realen Gefahr konfrontiert, dass auch ein hoher Bildungsabschluss keinen Schutz vor den Tücken des Arbeitsmarktes bietet. Und dass längst nicht alle Variablen, die zu Arbeitslosigkeit führen, in der eigenen Hand liegen.

Schuldgefühle mit Wartenummer

Little did I know, dass ich wenige Jahre später wirklich in der Schlange vom Arbeitsamt stehen würde. Mein Blick vorsichtig über die Menschen um mich rum wandernd – von denen die wenigsten so aussehen, als würden sie gestopfte Kippen rauchen oder sich überhaupt in irgendeine Schublade stecken lassen. Unangenehm ist mir die Situation trotzdem. Und ich hoffe inständig, niemandem Bekannten zu begegnen. 

Die komplette Zeit, die ich in dem nach Automatenkaffee und Putzmittel riechenden Gebäude verbringe, fühlt sich an, als hätte ich etwas verbrochen. Als wäre ich persönlich dafür verantwortlich, dass die Wirtschaft in der Krise steckt, auf ein Stellenangebot 600 Bewerbungen kommen oder viele Junior-Stellen von KI ersetzt werden. Aber auch abseits des Arbeitsamtes fühle ich mich oft, als müsste ich mich rechtfertigen, wenn mich jemand fragt, wie es im Job läuft und ich wieder mal „arbeitslos“ stammeln muss. Ich bin genervt, wenn mich Freund:innen oder Familie fragen, ob ich denn etwas gefunden habe – obwohl ich weiß, dass sie es natürlich nur gut meinen. Ich kann nicht mehr mitreden, wenn meine Freund:innen über die absurden Verhaltensweisen ihrer Boomer-Kolleg:innen oder problematische Führungspersonen sprechen. Und immer öfter frage ich mich, wer ich ohne Arbeit überhaupt bin. 

Sinnesfragen im Café am Rande der Arbeitslosigkeit

Neben alltäglichen Sorgen gesellen sich in der Arbeitslosigkeit auch existentielle Fragen: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich glücklich? Wie wichtig ist Geld, und wie sehr brenne ich für Freiheit? Was hier wie das Fragen-Menü aus dem „Café am Rande der Welt“ klingt, ist diese reale, anstrengende und verwirrende Suche nach dem Sinn des Lebens. Eine Suche, die sich im 40-Stunden-Hamsterrad eines Vollzeitjobs leichter wegschieben lässt – oder im Idealfall sogar ganz verschwindet. Aber anders als in diesem dubiosen Café serviert mir die Antworten niemand auf dem Silbertablett.

Selbstzweifel und Versagensängste werden zu ständigen Begleitern. Nach jeder Absage auf ein Jobinterview, auf das ich mich wochenlang intensiv vorbereitet habe, für das ich Zeit, Energie und Ressourcen verbraucht habe – Dinge, die in einem Leben ohne greifbaren Horizont ohnehin rar gesät sind – muss ich mich erst einmal wieder selbst vom Boden kratzen. Klar, it’s part of the process. Aber die fünfte Absage in Folge nicht persönlich zu nehmen, hält doch der stärkste Mensch der Welt nicht aus. Immer wieder heißt es, es seien Nuancen, die den Unterschied machen. Nuancen, die darüber entscheiden, ob mein Leben wieder in geordnete Bahnen gerät. Und dann war da doch wieder jemand besser. Eine Nuance.

Weniger Schamgefühl, mehr Arno Dübel

Arbeitslosigkeit auszuhalten und daran nicht zu zerbrechen ist eine verdammte Mammutaufgabe. Es erfordert so viel innere Stärke und Resilienz, einem System ausgesetzt zu sein, über das man so wenig Kontrolle hat. Es erfordert so viel Energie, arbeitslos zu sein in einer Gesellschaft, deren Basis und kleinster gemeinsamer Nenner Arbeit ist.

Und trotzdem – oder gerade weil das so ist – ist da so viel Scham. So viel Scham, dass wir selten offen über unsere Arbeitslosigkeit reden. Stattdessen klammern wir uns weiter an überzeichnete Bilder aus dem Nachmittagsfernsehen oder Karikaturen der Arbeitslosigkeit wie Arno Dübel. Dessen Haltung ich gerade erstaunlich oft bewundere. Vielleicht, um wenigstens einen verdammten Tag genießen zu können, morgens nicht um 6 Uhr aus dem warmen Bett zu müssen. 

Ist das eine Abrechnung mit dem Arbeitsmarkt, mit einem System, das wenig auffängt und noch weniger differenziert? Oder der leise Versuch, etwas zu enttabuisieren, dessen Tabuisierung an sich schon absurd ist? Vielleicht ein bisschen von allem. Was ich weiß: Diese Phase sagt womöglich mehr über unsere Gesellschaft aus, als mir lieb ist. Und solange Arbeit als moralischer Maßstab gilt, wird Arbeitslosigkeit sich weiter anfühlen wie persönliches Versagen – selbst dann, wenn sie es längst nicht mehr ist.


Von Alex (29): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

1 Kommentar

  1. Danke für den ehrlichen Text. Und alle denken und sagen: Du, mit deinen Qualifikationen, findest doch ganz schnell etwas. Das hilft leider gar nicht, denn man selbst weiß es besser und sieht es realistisch. Liebe Alex, vielleicht waren die anderen Kandidat*innen gar nicht eine Nuance besser, sondern hatten das gewünschte Alter, bescheidenere Erwartungen, was auch immer. Meine eigene Jobsuche ist gerade leider mental sehr negativ geprägt von den Erfahrungen beim letzten AG, wo ich die Gespräche mithören musste, die über Kandidat*innen geführt wurden. Da den Glauben an das Gute nicht zu verlieren, erfordert Riesenmut. Lass ihn dir bitte auch nicht nehmen! Viel Erfolg, und glaub an dich!

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