Erwartungen an die eigene Zukunft haben wir in jedem Lebensalter. Die Frage „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“, wird schon früh in unsere Gehirne eingebrannt und auch wenn sich die Antworten darauf ändern dürfen, ist es rückblickend nicht immer einfach, mit den Vorstellungen der jüngeren Versionen seiner Selbst umzugehen.
„Mein 13-jähriges Ich fände uns so cool wie wir hier sitzen.“ Hier ist am Rhein auf der östlichen Seite Kölns, von der aus man auf die schönere Seite der Stadt blicken kann. Wir sind zwei Freundinnen und ich und eine von ihnen hat eben diesen Satz gesagt. Tatsächlich würden wir auch auf mein 13-jähriges Ich unfassbar cool wirken, auf unserer Picknickdecke, halbvolle Kölschflaschen und leere Falafelverpackungen neben uns. Mit Blick auf den Dom, hinter dem sich die Sonne gerade langsam vom Horizont verabschiedet und vor dem eben eine Bahn über die Deutzer Brücke tuckert. Eine Szene, von der ich mit 13 neidisch und sehnsüchtig in Büchern gelesen habe. Die Lena von damals wäre richtig stolz darauf und beeindruckt davon, dass wir das jetzt erleben.
Wenn ich in letzter Zeit an eine jüngere Version meiner Selbst gedacht habe, ging das aber eher selten mit Stolz einher, sondern vielmehr mit Angst oder Schuldgefühlen. Angst davor, mein jüngeres Ich enttäuscht zu haben. „Mein 17-jähriges Ich wäre dafür wahrscheinlich sauer, dass wir nicht die nächste Anne Will sind“, erwidere ich deshalb und wir lachen darüber. Ist ja auch witzig – von meiner eigenen Polittalkshow, die ich mir früher erträumt hatte, bin ich heute wahrscheinlich weiter entfernt denn je. Meinen Job beim WDR, der mich vielleicht noch in diese Richtung hätte führen können, habe ich aufgegeben und durch einen vermeintlich „entspannteren“ Job in einem IT-Unternehmen ersetzt. Keine Ahnung, wie genau Anne Wills Karriereweg so aussah, dass sie in der Zeit nach ihrer Masterarbeit Apps getestet hat, bezweifle ich aber stark.
Heute ist nicht alle Tage …
Um Anne Will zu werden, hätte ich ja auch noch alle Zeit der Welt, meinen meine Freundinnen und ich winke ab. Ob ich das überhaupt noch will, ist nämlich die eigentliche Frage und auf die eine Antwort zu finden, ist mir gerade viel zu anstrengend. So wie es mir vielleicht auch einfach nur zu anstrengend war, weiter den Journalismus-Weg zu gehen, den ich mit 18 nach dem Abi voller Zuversicht und Vorfreude eingeschlagen habe. Der Wunsch, Journalistin zu werden, war so stark, dass ich dafür einiges gegeben habe. Bachelor- und Masterstudium, Praktika und Networking-Veranstaltungen, schlaflose Nächte, Riesenschritte aus der Komfortzone – und das jetzt alles irgendwie für Nichts?
Eigentlich denke ich nicht so. Ich glaube schon daran, dass alles irgendwie einen Sinn hat und mein Studium, meine Praktika und sogar die schlaflosen Nächte nicht sinnlos waren, selbst, wenn ich nie wieder in der Branche arbeiten würde. Trotzdem – wirklich zufrieden wären meine 17- bis 23-jährigen Ichs wahrscheinlich nicht mit mir.
Einsame Freibadvormittage
Zumindest nicht, was diesen Teil meines – unseres Lebens betrifft. Denn dass es auch Lebensbereiche gibt, bei denen meine jüngeren Selbsts nur mit offenen Mündern darüber staunen könnten, wie ich heute mit ihnen umgehe, gehört genauso zur Wahrheit. Das ist mir sogar am selben Tag, an dem wir am Rhein saßen, nur ein paar Stunden früher aufgefallen. Da war ich nämlich im Freibad, hatte gerade meine Bahnen gezogen und lag nun, noch ein bisschen außer Atem und zittrig, am Beckenrand in der Sonne – alleine. Der 16-jährigen Lena würden die Augen aus dem Kopf fallen, wenn sie mich so sehen könnte: Ohne Freund:innen oder Familie, nicht versteckt irgendwo hinter einem Baum, ganz selbstverständlich und für alle offensichtlich alleine im Freibad. Dass ich mittlerweile weiß, was mir guttut und ich meistens nicht zögere, diese Dinge zu tun – auch wenn es heißt, dass ich mich alleine anderen Menschen aussetzen muss – darauf kann jede Version meiner Selbst stolz sein.
Stolz wie Oskar
Sie alle wären stolz auf unsere neuen Freund:innenschaften, die wir in Köln aufgebaut haben und in denen wir uns so wohl fühlen – und darauf, dass wir (auch wenn es uns manchmal schwer fällt) unsere alten Freund:innenschaften auch noch pflegen. Sie wären unfassbar beeindruckt davon, dass wir Texte auf diesem Blog veröffentlichen und uns damit vielleicht sogar viel verletzlicher machen, als wenn wir eine neutrale Moderatorin einer Talkshow wären. Und während mein 14-jähriges Ich beim Anblick unseres Liebeslebens sich die Haare raufen und uns als hoffnungslosen Fall abschreiben würde, wäre mein 19-jähriges Ich wahrscheinlich schon stolz darauf, dass wir uns nicht nur, einfach um eine Beziehung zu haben, auf irgendjemanden eingelassen haben, sondern immer noch sehr glücklich als Single unterwegs sind. Wir sind aus-, mehrere Male um- und mittlerweile nach Köln gezogen, haben ein Auslandssemester gemacht, sind für uns eingestanden, waren alleine Eis essen und Tee trinken, haben unsere Herzen brechen lassen und sie wieder zusammengesetzt und und und …
Letzten Endes ist es wahrscheinlich auch egal, was genau welche Version meiner Selbst von meinem jetzigen, 25-jährigen Ich erwartet hätte. Alle gemeinsam haben sie nämlich, dass sie glücklich sein wollten. Und ich weiß, dass ich ihnen zumindest diesen Wunsch heute grundsätzlich erfüllen kann.

Von Lena (25): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind, als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.