In Filmen wirkt das Leben oft theatralisch, auf Hochglanz poliert und super expressiv – Musik und Atmosphäre kreieren Situationen, die bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt sind und das Leben wie einen einzigen, wunderschönen Gefühlsexzess aussehen lassen. Fakt ist natürlich, dass viele Situationen im echten Leben viel glanzloser sind, man beim Heulen selten gut aussieht und der erste Kuss eher nicht an der Reling eines Schiffs stattfindet, während Céline Dion „My heart will go on“ im Hintergrund trällert. Das bedeutet natürlich nicht, dass nicht auch in der Realität manchmal alles passt und das Leben einem Kinomomente in den Alltag spült – oder man sie sich ganz einfach selbst kreiert. Während ich genau das früher ganz schön oft gemacht habe, war ich in der letzten Zeit nur noch selten Protagonistin in meinem eigenen Film.
Der Regen prasselt an die Fensterscheibe, während das Auto mit 160 km/h über die Autobahn rast. Der Motor heult. Aus meinen billigen 15 Euro-Kopfhörern von Media Markt schmückt blechern der Sound von den Goo Goo Dolls die Szenerie. Ich seufze theatralisch in die Melancholie – die eigentlich gar keinen Anlass hat – und gebe mich tiefen Gefühlen hin – die ich eigentlich nicht wirklich fühle. „And I don’t want the world to see me, cause I don’t think that they’d understand”. Ich sehe meine eigene Spiegelung in der Fensterscheibe und bin voll drin in meiner Filmszene, in der ich die Stadt verlassen und alle meine Freund:innen hinter mir lassen muss – und für die ich Protagonistin, Regisseurin und Produzentin gleichzeitig bin.
Gerade als ich zu Höchstformen auflaufe und die Goo Goo Dolls das zweite Mal den Refrain anschlagen, vernehme ich eine Stimme aus der Fahrzeugfront, die mich unsanft aus der Szenerie reißt: „Aleeeexaaandraaa“. Verärgert nehme ich einen Kopfhörer aus meinem Ohr und werde vollends in die Wirklichkeit zurück katapultiert, als meine Mutter fragend auf die Rückbank blickt: „Musst du aufs Klo? Wir wollen bei der nächsten Raststätte mal rausfahren“. Ich stöhne genervt und sage: „Ne.“ In welchem Coming-Off-Age-Trip muss die Protagonistin auch mitten im Refrain kurz pinkeln!!!! Na gut, back to reality. Immerhin befinde ich mich eigentlich gerade im Auto meiner Eltern und wir sind auf dem Weg zu meinen Pateneltern nach München.
Keine Zeit zum Filme drehen
Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass ich nicht die Einzige bin, die sich zumindest als Teenager hin und wieder in selbst kreierte Filmmomente reingedacht hat. Diese Situationen, in denen Stimmung, Musik und Setting für einen kurzen Moment so einen schimmernden Kino-Filter über das Leben legen und man sich in Gefühle reinsteigert, die manchmal eine Ursache haben, manchmal aber auch komplett an den Haaren herbeigezogen sind. Sei es nur ein melodramatischer Walk von der Bushaltestelle nach Hause, wenn irgendein fetziger Beat die Beine hebt und man sich wie Kate Moss auf dem Laufsteg fühlt. Manchmal ist es aber auch Adeles „Someone like you“ auf den Ohren: Die strong independent woman auf dem Weg zu einem fiktiven Break-up, so ein Schweregefühl auf der Brust – trotz Freund und glücklicher Beziehung. Einfach nur, weil es Spaß macht, weil es sich für den Moment gut anfühlt und dem Alltag ein paar Minuten Film-Glamour verleiht.
Während meine Kindheit und Jugend ein einziges Mosaik aus zusammengewürfelten und oft wirklich absolut wilden, selbst konstruierten Filmszenen war, bin ich in den letzten Jahren irgendwie immer seltener an meinem persönlichen Filmset. Und das, obwohl ich Goo Goo Dolls und Co. dank neuster Kopfhörer-Technologie sogar in bester Audioqualität hören könnte. Natürlich hängt das irgendwie mit dem Älterwerden und einer zunehmend realistischen und rationalen Gedankenwelt zusammen, die viel weniger Platz für solche „Spiele“ lässt – und die immer öfter blind ist für die Magie im Alltag. Mein Kopf ist fast 24/7 vollgestopft mit irgendwelchen To-Dos und jede noch so kleine Lücke im Alltag fülle ich mit WhatsApp, Instagram und Co. Das sorgt nicht nur dafür, dass meine Aufmerksamkeitsspanne das Volumen einer Walnuss hat, sondern auch dafür, dass ich viel zu oft am Handy bin, meine Umwelt gar nicht mehr in all ihren Facetten aufnehmen kann und auch die Magie in dem Laubblatt, das im Herbstwind auf den Boden fällt, nur noch so schwer sehe. So viel verschenktes Filmpotential.
Road-Trip zum Film-Ich
Ich bin immer seltener im Moment – und das ist jetzt natürlich keine besonders überraschende Erkenntnis, sondern die Folge einer Leistungsgesellschaft, die ihre Welt immer mehr ins Internet verlegt und die sich in allen Lebensbereichen zeigt. Ich höre immer seltener Musik, ohne dabei meine WhatsApp-Nachrichten zu checken. Und ich vermisse meine Kinomomente im Alltag, die meinem Leben irgendwie ein bisschen Leichtigkeit und Abenteuer verliehen haben. Ich vermisse es, in meinem eigenen Film durch Momente zu gehen, die ich so wohl nie wirklich durchleben werde. Und die Moral von der Geschicht’? Tja, wäre das Leben ein Film, dann würde ich sofort mein Handy ins Meer werfen (an dem ich logischerweise auch wohnen würde), meinen Job kündigen und einen Road-Trip zu meinem Film-Ich starten… Ist es aber eben leider nicht. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht doch hin und wieder ausbrechen, das Handy zur Seite legen, Musik anmachen und ne kleine Film-Action einlegen kann – wenn ich es einfach nur mal wieder zulasse!

Von Alex (27): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.