Durch meine Masterarbeit habe ich mich sehr viel mit Gender und der Erziehung von Mädchen zur ‚richtigen‘ Frau auseinandergesetzt. Was soll ich sagen? Ich fand’s vorher schon alles viel zu crazy, aber mittlerweile fallen mir einfach noch tausendmal mehr Dinge auf und die Augen zeitweise aus dem Kopf. Ein Mädchen wird systemintern dazu erzogen, lieb, brav und nett zu sein. Freche Mädchen sind witzig – solange sie klein sind, werden aber später nicht ernst genommen. Frau sollte sich also schon angepasst verhalten. Bloß nicht ‚uncool‘ oder ‚hysterisch‘ wirken, auch wenn schon mal sexistische Kommentare kommen. Einfach mitlachen und darüber hinwegsehen. Hab’ ich viel zu oft gemacht.
Ich habe das große Glück, dass ich mich in einer Bubble bewege, in der solche Kommentare, die gerne einfach als Witz abgetan oder wegignoriert werden, selten kommen. Ich wurde zu einer Person erzogen, die immer ihre Meinung äußern kann, deren Aussagen Wert beim Gegenüber haben und ernstgenommen werden. Nichtsdestotrotz verhalte ich mich trotzdem oft angepasst, weil durch die Gesellschaft, Bücher, Filme, Serien etc. subtil vermittelt wurde und zum Teil immer noch wird, dass Frauen und Mädchen sich so und so zu verhalten haben. Denn wenn Frauen angepisst sind, sind sie vor allem eins: anstrengend!
Ich habe auch kein Problem damit, über ernste Themen Witze zu machen und zu lachen. So komme ich auch gut durchs Leben. Mit Humor geht’s oft einfacher. Der Kontext muss aber stimmen. Wenn ich Witze über meine Größe mache und Menschen einsteigen, ist das ok. Aber manchmal frage ich mich echt, was manche Menschen (besonders Männer) sich eigentlich rausnehmen. Dass wir nicht mehr im Zeitalter von Frauengold leben, ist ja schon mal was. Frauen müssen nicht mehr mit Alkohol still gestellt werden – toll! Aber trotzdem komme ich immer wieder an den Punkt, wo ich die Nase voll habe und mich frage, wie ich am besten reagiere: angepasst oder angepisst?
Definitiv angepisst.
Wenn mir ein Postbote sagt, meine Freundin und ich seien zu jung, um in den fünften Stock mit dem Aufzug zu fahren und meint, wir sollen daran denken, dass ja bald die Strandsaison wieder anfange, muss ich wirklich nicht mehr angepasst reagieren. Auf meinen (freundlichen) Hinweis, es gehe ja nicht darum, wie man aussähe, sondern dass man sich wohlfühle, kam die Antwort: „Hm ganz genau, wie man sich fühlt“. Mit diesem Unterton und einem abschätzigen Blick. EXCUSE ME?! Abgesehen davon, dass meine Freundin nicht gut laufen konnte, hat er absolut eine Grenze überschritten. Was ist das für ein übergriffiges Verhalten? Mal abgesehen davon, dass es auch Altersdiskriminierung ist, ist es vor allem eins: Sexismus. Als Frau lernst du, über sowas hinwegzusehen, auch weil es einfacher ist, als jedes Mal eine Diskussion anzufangen. Ich hätte mal noch viel deutlicher werden sollen, aber war schon zufrieden, dass ich überhaupt etwas gesagt habe. Hab dann immerhin noch extra laut und wütend ausgeatmet.
Wären wir zwei Männer gewesen, hätte er sowas NEVER gesagt. Was gibt Männern das Recht (auch noch über ihnen fremde!) Frauen zu urteilen und sie daran zu erinnern, sie müssten sich fit halten, um am Strand sein zu können? Wieso werden Frauen immer auf ihren Körper reduziert? Wieso müssen Männer dich als „hässlich“ bezeichnen, wenn du ihnen deine Nummer nicht geben möchtest oder ihre Rose nicht annehmen möchtest. Diese Sorte regt sich wahrscheinlich aber auch über das neue Auswärtstrikot der DFB Nationalmannschaft bei den Männern auf, weil sie ihre ‘Männlichkeit bedroht’ sehen…
Die falsche Ausfahrt
Ich muss immer wieder an eine Situation denken, in der ich in Dänemark mal eine Autobahnausfahrt nicht genommen habe, weil meine Navigatorin von Ziegen auf einer Wiese abgelenkt war: Wenn man eine Ausfahrt verpasst hat, muss man halt die nächste nehmen und im worst case zurückfahren, um dann die richtige zu nehmen. Manchmal frage ich mich, wie oft manche Männer immer wieder an dieser einen Ausfahrt vorbeifahren wollen, bei der es zu einem wohlwollenden Miteinander ohne übergriffige Kommentare geht. Nur weil sie von irgendwas abgelenkt sind – ihrer Männlichkeit zum Beispiel.
Dieser subtile Sexismus regt mich mit am meisten auf, denn oft bemerke ich erst viel später, was da eigentlich gesagt und vor allem gemeint wurde. Würde jemand direkt sagen „Frauen sind scheiße“, könnte ich viel eher ein Fass aufmachen und denen mal ordentlich meine Meinung geigen. Wenn Männer aber zum Beispiel sagen, sie seien froh, dass ihre Freundin ruhig geblieben ist, als sie fremdgeknutscht haben. Sonst wären sie wahrscheinlich nicht mit ihnen zusammengeblieben, hätte sie nicht so ruhig reagiert. Klar, verständlich, ist ja auch chillig.
Kommentare wie „Du bist irgendwie so handlich“ habe ich als witzig abgetan. Klar, bin ja klein – das hatte gar nichts mit meinem Geschlecht zu tun. „Für eine Frau kannst du aber gut einparken.“ – hab’ ich einfach ignoriert. Das ist nicht mein Niveau, hab’ ich gedacht. „Ich hätte nicht gedacht, dass du Löcher bohren kannst.“ „Für eine Frau ist sie ganz schön lustig.“ „Für eine Frau kannst du ganz schön viel essen. Hätte nicht gedacht, dass das alles in dich reingeht.“ „Stell dich nicht an! Trink doch noch einen mit!“ – wenn man als Frau allein mit Männern unterwegs ist. Generell: „Wow nicht schlecht.“ Nee – reicht mir jetzt echt. So viele Momente, in denen meine Freundinnen, Bekannte etc. subtilen Sexismus erlebt haben.
Der stetige Generalverdacht
Ich beschäftige mich momentan wirklich sehr viel mit dem Thema und mir fallen so viele Situationen auf und ein, in denen ich mich einfach wirklich angepasst verhalten habe. Ich hatte keine Lust auf Konfrontation und bin am Ende eben doch auch harmoniebedürftig. Das Blöde ist aber, dass ich mittlerweile oft einfach alle Männer direkt unter Generalverdacht stelle, sie würden mansplainen, ihre Zwinkersmileys seien einfach sexistisch und nicht boomermäßig, sie würden jede Aussage einer Frau per se abwerten und nicht ernstnehmen. Es gibt aber eben auch ganz, ganz tolle Männer. An die geht ganz viel Liebe raus!
Ich will hier auch noch mal klarstellen, dass es mir durchaus bewusst ist, dass es sicherlich auch nicht immer einfach ist, ein Mann zu sein. Denn da gibt es genauso Sexismus, der sowohl von Männern als auch Frauen ausgeübt wird. Ich will nur darauf hinweisen, dass wir alle über solche Dinge mehr nachdenken und nicht immer alles hinnehmen müssen, um keinen Konflikt zu provozieren. Manchmal müssen Dinge auch einfach gesagt werden, sonst ändert sich nämlich nichts. Vielen fällt das nämlich gar nicht auf, was sie da eigentlich gesagt haben und dass das verletzend und bescheuert ist; weil sie eben nie zur Reflexion gezwungen werden.
Der Text soll eine Ermutigung an alle Frauen (und Männer) sein, einfach mal in solchen Momenten wie mit dem Postboten zu sagen: „Halt stopp.“ Oder wie eine Bekannte es tut, einfach dumm nachfragen: „Wie jetzt? Verstehe ich nicht. Was hat das mit dem Strand zu tun?“ – vielleicht sehen wir dann alle ein bisschen mehr ein, wie dumm solche Kommentare eigentlich sind. Ich will’s jedenfalls versuchen – auch, wenn ich dafür meine Komfortzone mehr als verlassen muss.

Von Cilli ( 27): Cilli gibt gerne Blödsinn von sich. Deshalb sind auch hier die ein oder anderen Texte mit ihrer zynischen Ironie gespickt, die uns alle immer wieder zum Lachen und Nachdenken bringt (“war das jetzt ernst gemeint?”). Sie ist außerdem eine wunderbare Zuhörerin, weshalb sie sich regelmäßig in die Lage anderer hineinversetzt und daraus einfühlsame Porträts zaubert. Gerade ist sie ziemlich angepisst.