Selbsterfahrungs-Overload: Vom Arbeiten in der Denkfabrik


Ich versuche so ehrlich wie möglich an meinen zwischenmenschlichen Beziehungen zu arbeiten, rede regelmäßig mit meinen Liebsten über meine Herzensangelegenheiten und gebe dabei auch den Gefühlen Raum, die schmerzhaft sind. Ich mache Sport und Yoga, setze mich dabei auch bewusst mit meinem Körper und seinen Grenzen auseinander. Ich bin seit fast drei Jahren in Therapie und letzten Sommer war ich auf einer einwöchigen Selbsterfahrungsreise im bayerischen Nirgendwo. Dort bin ich an Grenzen gestoßen, die ich vorher nicht einmal buchstabieren konnte. Ich habe meine innere Heldin kennengelernt, genau wie meine innere Dämonin. Die beiden weinten, schrien und tanzten miteinander, sie hassten und liebten sich, bis sie sich schließlich näherkamen. Mein Hirn spuckte stündlich neue Erkenntnisse über mich, mein Umfeld und meine Beziehungen aus und das ging noch lange nach der eigentlichen Reise so weiter. 

Ich fühlte mich wie eine kleptomanische Fließbandarbeiterin einer riesengroßen Denkfabrik, in der sämtliche Selbsterkenntnisse der Menschheit verarbeitet werden. Doch anstatt diese ganzen fucking Erkenntnisse einfach nur vom Band zu nehmen und hübsch zu verpacken, wollte ich wissen, was sich darin versteckte, wie ich sie wohl am besten auf mein eigenes Leben anwenden könnte. Also ließ ich heimlich jedes noch so anstrengende Päckchen mit nach Hause gehen, um es dort sorgfältig in meinem labyrinthartigen Selbsterkenntnis-Bunker einzusortieren und stundenlang rauf und runter zu analysieren. 

Ich möchte nichts mehr lernen, danke

Wenn ich meinem letzten Jahr eine Überschrift geben würde, dann wäre sie: Anstrengend. Ich bin ehrlich: Über sich hinauswachsen hin oder her – ich habe wirklich überhaupt keinen Bock mehr auf dieses ständige Arbeiten an meinen Denk-, Verhaltens- und Beziehungsmustern. Leben, bitte verpiss dich mit deinen Felsbrocken und deinen als „spannend“ und „heilsam“ verkleideten Selbsterkenntnissen, die sich dann als pure Arbeit entpuppen. ICH MÖCHTE JETZT BITTE MAL NICHTS MEHR ÜBER MICH SELBST LERNEN, DANKE. Nicht denken, nicht hinterfragen und auch nicht analysieren. Nicht einmal wachsen und gedeihen möchte ich. Ich will verdammt nochmal einfach nur existieren. 

Nette Idee, schwierig in der Umsetzung. 

Denn ich hab zwar bei der Denkfabrik gekündigt, aber mein Bunker ist voll und nur die Hälfte des Raumes habe ich bisher durchanalysiert. Für die, die es also noch nicht wussten: Einfach mal ‘ne kleine Pause von inneren Prozessen machen…not that easy. Lässt man sich nämlich erstmal auf so einen dämlichen Prozess ein, kommt man da so schnell auch nicht mehr raus. Für mich ist es nahezu unmöglich (und ja, vermutlich wäre es auch nicht sonderlich förderlich), Selbsterkenntnisse einfach weg zu ignorieren und mich weiterhin so zu verhalten, wie ich es vor dem besagten Aha-Moment getan hätte. Nun kommt auch noch hinzu, dass ich das Wagnis eingegangen bin, meiner inneren Heldin und Dämonin die Tür zu öffnen. Seitdem streiten sich die beiden nämlich dauerhaft um die Vormundschaft meines Körpers – trotz ihrer liebevollen Annäherungsversuche. Anstrengend, sage ich euch. 

Eine Heldin & eine Dämonin am Kräftemessen

Meine Heldin ist eine temperament- und gefühlvolle Frohnatur. Sie gibt viel, hört gerne zu und vertraut grundsätzlich. Sie liebt aus vollem Herzen und zeigt sich auch mal verletzlich. Meine Dämonin wiederum ist eine vorlaute und meinungsstarke Bad-ass-Bitch – powerful, aber auch schrecklich egoistisch und misstrauisch. Ständig will sie meine so lebensfrohe Heldin mit ihrer einnehmenden Skepsis ausbremsen. Wenn ihr mich fragt, sie nervt krass, aber mittlerweile weiß ich, dass sie mich meistens nur beschützen will.

Wenn die beiden nicht so stur wären, könnten sie das perfekte Team sein. Und ab und zu sind sie das sogar: Zum Beispiel, wenn meine Heldin sich dazu entschließt, einem Menschen ihre Liebe und Wärme zu schenken, dann fragt sie neuerdings erst ihre Partnerin, die Dämonin, um Rat. Diese wiederum stellt die ganze Situation dann einmal auf den Prüfstand, um herauszufinden, ob Verletzungs- oder Ausnutzungspotential besteht. Dabei mahnt die Heldin aber auch immer wieder zu ein bisschen Empathie und Menschlichkeit. Wenn sie sich also nicht gerade lauthals anschreien, ergänzen sich die beiden eigentlich recht gut und erleichtern mir sogar die ein oder andere Entscheidung. 

Leben am Klippenrand

Es ist ein seltsamer Widerspruch ganz tief in meinem Inneren. Einerseits drohe ich überzulaufen von dieser ganzen Selbstreflexion und all den anstrengenden Gefühlen, die damit einhergehen. Alles schreit nach Pause und Ausruhen. Andererseits bin ich aber auch ein wenig süchtig. Nach neuem Input, nach Situationen, die mich Dinge verstehen lassen, nach Grenzerfahrungen und Extremgefühlen. Was per se ja auch nicht schlecht ist, weil ich mich so auch immer wieder aus meiner Komfortzone heraus bewege, und mich das auch zu der macht, die ich bin. (Funfact: die kommenden drei Wochen verbringe ich alleine in Indien lol). 

Aber manchmal fühlt sich das alles fast schon ein wenig zwanghaft an aka „Ich komme gerade nicht weiter im Leben – ein bisschen Nervenkitzel wird’s schon lösen.“ Hauptsache keine Stagnation. Und ich glaube, genau hier liegt der Fehler in meiner Programmierung: Heißt ruhen denn wirklich automatisch stagnieren? Oder ist es einfach meine tiefliegende Angst vor Monotonie, die mich davon abhält, mal ein bisschen Routine zuzulassen? Zu beobachten, was passiert, wenn ich mir mal keine neuen Reize zuführe? 

Vielleicht ist der wahre Zauber, den ich jetzt brauche, das genaue Gegenteil: Mäßigung statt Extremum. Und natürlich muss man auch das erst einmal lernen, wenn man sonst so oft in Extremen lebt, fühlt und liebt. Üäähh, da ist es schon wieder dieses Wort: „LeErnNen“. Ich wollte doch jetzt erst mal nichts mehr lernen.

…aber gut, eigentlich gar nicht mal so schlecht. So wird mir beim ganzen Ausruhen wenigstens nicht langweilig. 


Von Lilly (27): Lilly ist Fan von arabischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann. 

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