Der Lärm der Stille  


Ich bin gerne unter Menschen. Ich ziehe meine Energie aus sozialen Kontakten, höre beim Kochen laut Musik, lasse mir von Rufus Beck Harry Potter zum Einschlafen vorlesen, mache gerne zwei Wochen Campingurlaub mit Freund:innen und bin generell ein großer Fan von „Halligalli“ – wie meine Mama diesen ständigen, sozial-wuseligen Zustand beschreiben würde. Das Problem daran? Ich komme oft nicht gut runter von diesem Halligalli. Ich habe schon mal einen Blogbeitrag darüber geschrieben, dass ich nur sehr schlecht Me-Time verbringen kann, was irgendwie auch oft mit Stille konnotiert ist. SURPRISE: Geändert hat sich daran nicht viel. Ich bin nämlich außerordentlich gut darin, laut zu reflektieren, aber dafür auch außerordentlich schlecht darin, Reflektiertes in die Tat umzusetzen. Noch schlechter bin ich allerdings darin, Stille auszuhalten.

Von Klangschalen und Corona

Stille ist für mich nämlich vor allem eins: unglaublich laut. Wenn es still ist, dann surrt es oft in meinem Kopf. Dann wird alles laut, was sonst von meinem ganz persönlichen Halligalli im Kopf übertönt wird: Selbstzweifel, Zukunftsangst, Langeweile, Stress, die peinliche Situation aus meiner Kindheit. Besonders aufmüpfig verhält sich die Stille, wenn ich sie tagelang eiskalt ignoriert habe. Wenn ich ein ganzes Wochenende ununterbrochen Halligalli hatte. Dann kommt die Stille ungefragt Sonntag abends in mein Zimmer und schlägt direkt neben meinem Ohr fröhlich zwei Becken gegeneinander. Das sind diese Klangschalen – wusste ich auch nicht, bis die Stille mich gezwungen hat, es zu googlen. 

Ende des Jahres war es besonders still um mich herum, weil ich eine Woche von Corona gebeutelt, fernab jeglicher Menschen im Schlafzimmer rumhängen musste. Ein Raum in meiner Wohnung, der von Natur aus schon unheimlich still ist, mit seinem Fenster zum Garten, in den sich höchstens mal ein Vögelchen verirrt, kaum aber eine Menschenseele. Dabei waren um mich herum einen Tag vorher noch sehr viele Seelen, als ich auf dem Teamtrip meiner Arbeit war, bei dem ich mir neben vielen tollen Erinnerungen auch Corona als Souvenir mit nach Hause genommen habe. Auf dieser Reise war es oft sehr laut, auf der Tanzfläche oder in der wuseligen Innenstadt von Barcelona. Da habe ich mich tatsächlich manchmal ein bisschen auf die Stille meines menschenlosen Gartens gefreut. Expectations vs. reality – natürlich war dann gar nichts still, vielmehr hat die Stille während Corona angefangen, ein ganzes Orchester zu imitieren.

Genuss einer menschenseelenlosen Hinterhof-Romantik

Neulich habe ich mit einer Freundin über diesen Hang der Stille gesprochen, nervtötend laut Musik zu machen und mir dabei penetrant peinliche, nervige oder belastende Gedanken ins Ohr zu flüstern. Dass Stille hin und wieder wichtig ist, ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht belegt, sondern kann laut meiner Freundin wohl tatsächlich für sowas wie Wohlbefinden sorgen. Was sie aber auch meinte: Irgendwie ist es auch ein bisschen viel von mir verlangt, die Stille auf einmal als schmackhafte Pizza anzusehen, wenn sie vorher für mich immer nur verkochter Brokkoli war. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann gibt es eigentlich kaum eine Situation in meinem Alltag, in der ich nicht von sozialen Kontakten oder digitalen Geräten beschallt werde; am Ende nutze ich doch jede stille Sekunde, um mir wieder irgendeinen Ton in die Ohren zu ballern.

Klar ist also, ich muss Stille erst mal lernen. Und das ganz langsam. Zum Beispiel indem ich anfange, kurze, stille Momente in meinen Alltag einzubauen. Einfach mal fünf Minuten auf der Couch sitzen und die menschenseelenlose, dafür aber ziemlich grüne Hinterhof-Garten-Romantik genießen. Ohne nach zwei Sekunden das Handy rauszuholen. Einfach mal frühstücken, ohne dabei eine Serie zu gucken oder einen Podcast zu hören. Und wer weiß, vielleicht bin ich dann irgendwann auch bereit für die großen stillen Momente meines Lebens. Aus denen ich dann vielleicht sogar Kraft und Energie tanke. 

Ja, möglicherweise ist das zu viel gewollt. Wenigstens aber will ich die Stille irgendwann besser aushalten können. Und sie so wahrnehmen, wie sie ist: als still. 


Von Alex (27): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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