Zwar ist es gang und gäbe, auf die Frage “Wie geht es dir?” einfach mit “Gut!” zu antworten, doch meistens drehen sich Gespräche und Gedanken doch eher darum, was gerade alles eher nicht so gut ist. Diese Negativitäts-Brille abzusetzen, ist schon psychologisch gesehen gar nicht so einfach. Doch wenn gerade einfach mal wirklich alles ganz gut ist, lohnt es sich auch mal, den Blick darauf zu werfen und sich selbst zu fragen: Warum?
In letzter Zeit fällt es mir schwer, Texte für unseren Blog zu schreiben. Zum einen, weil wir schon viele Themen angekratzt und durchgedacht haben. Zum anderen, weil bei mir gerade nicht viel im Leben los ist. Zumindest nichts, womit ich gestrugglet habe, was mich umtreibt oder worüber ich mir gerade viele Gedanken machen muss. Ich habe die Uni abgeschlossen, war auf einer krassen Reise und habe einen festen Job, der mir Spaß macht. Tatsächlich kann ich gerade auf die Frage „Wie geht es dir?“ die einfachste Antwort „Gut“ erwidern, ohne das Gefühl zu haben, dass ich mein Gegenüber anlüge. Und wie ich hier so sitze und versuche, mir einen Text aus dem Ärmel zu schütteln, frage ich mich, warum das Thema nicht auch einfach sein kann, dass gerade mal alles gut ist.
Schwere Themen
Wenn ich mit meinen Freundinnen zusammenkomme, dann tauschen wir uns meistens darüber aus, was gerade im Leben von uns allen abgeht. Und nicht selten geht es dabei vor allem um die Dinge, die gerade nicht so gut laufen: gebrochene Herzen, belastende Job-Situationen, körperliche und psychische Wehwehchen oder auch ganz banal: das schlechte Wetter. Sich bei seinen Freundinnen beklagen zu können, tut gut, denn meistens bemühen sich dann alle darum, der jeweiligen Person Hoffnung, aufbauende Worte oder einfach nur viele Kuscheleinheiten zu spenden. Wir sind eben füreinander da: in guten und ganz besonders in den schlechten Zeiten. Doch manchmal fällt uns dann auch auf, dass unsere Treffen oft von einer gewissen Schwere begleitet sind. Und manchmal frage ich mich, ob wir es vielleicht auch ein bisschen verlernt haben, dem Positiven genauso viel Raum zu geben wie dem Negativen.
Natürlich hängt das auch immer von unseren Lebensumständen ab: Wenn einfach viel Scheiße passiert, kann man das Gute auch nicht magisch heraufbeschwören. Und manchmal fehlen vielleicht auch einfach die emotionalen Kapazitäten, sich bewusst auf positive Dinge zu konzentrieren. Aber ich merke zumindest an mir selbst, dass ich in letzter Zeit viel weniger reflektiere und thematisiere, was gerade in meinem Leben passiert – wahrscheinlich, weil es eben gerade ganz gut läuft.
Das Gewicht des Negativen
Wir alle haben eigentlich ständig eine Negativitätsbrille auf. Und die ergibt erstmal auch total Sinn: Dass der Mensch sich als dominierendes Lebewesen auf unserem Planeten durchgesetzt hat, hängt klar damit zusammen, dass wir uns an Gefahren erinnern und uns dadurch vor ihnen wappnen können: Wenn mein Steinzeit-Kumpel nach dem Essen eines roten Pilzes mit weißen Punkten gestorben ist, dann lass ich lieber die Finger von dem Ding und erzähle am besten auch all meinen Freunden von dem komischen Pilz. Dieser wachsame Blick durch die Negativitätsbrille sorgt auch dafür, dass ich beim Straße-überqueren aufpasse, damit ich nicht von einem Auto überfahren werde oder in Hundescheiße trete. Und dass ich aus schlechten Erfahrungen meiner Kindheit weiß, dass ich mich beim Busfahren vorsichtshalber in die erste Reihe setze, anstatt ganz hinten, am besten noch rückwärtsfahrend, mein Buch lese.
Das Negative, das ABER, in allem zu suchen, ist also quasi ein Ur-Symptom des Menschseins. Doch so hilfreich das auch sein mag, es führt auch dazu, dass wir uns dann auch bei anderen, nicht wirklich überlebenswichtigen Dingen (ja, Hundescheiße zähle ich dazu) meistens besser an negative als an positive Erlebnisse erinnern: Wenn ich in der Uni einen Text vorgetragen habe, bleibt vor allem die eine Person in meinem Kopf, der mein Text nicht ganz so gut gefallen hat. Und wenn ich dann über lange Zeit eigentlich ein solides Leben führe, dann denke ich nur „gerade ist nichts los“, anstatt das wirklich anzuerkennen. Negative Dinge wiegen in unserem Kopf viel schwerer als positive. Meine Therapeutin meinte sogar, dass ein negatives Erlebnis am Tag nur durch mehrere positive Erlebnisse wettgemacht werden kann. In der Psychologie wird dieses Phänomen auch als „Negativity Bias“ bezeichnet.

Einfach mal „sein“ – im Spiegel betrachtet
Eigentlich ist mein aktueller Zustand der, den ich angestrebt habe, als es mir eher nicht so gut ging. Und auch Lilly meinte gestern erst, dass sie einfach mal wieder nur „sein“ will, ohne irgendwelches Drama drum herum, ohne ständig reflektieren und über sich hinauswachsen zu müssen. Ich kann gerade also wirklich von Glück sprechen, dass ich in letzter Zeit wirklich einfach nur „bin“. Deswegen fühlt es sich ein bisschen falsch an, dass ich gerade auf Krampf nach dem ABER an diesem Zustand suche, damit ich hier einen guten Text schreiben kann. Aber: Vielleicht hilft mir diese Suche nach dem Haar in der Suppe gerade doch, um mich wirklich bewusst damit auseinanderzusetzen, warum gerade eigentlich alles gut läuft.
Denn eigentlich wäre es doch so viel nachhaltiger, das Positive genauso wie das Negative zu bewahren und daraus zu lernen, um dann in schwereren Zeiten vielleicht darauf zurückgreifen zu können. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass ich es gerade seit langem endlich wieder schaffe, meine introvertierte und extrovertierte Seite ganz gut im Gleichgewicht zu halten. Einfach, weil ich mehr Zeit habe, sowohl Me-Time als auch People-Time in meinen Alltag zu integrieren. Mir das bewusst zu machen, kann mir vielleicht später nützlich sein, wenn mein Leben mal wieder stressiger wird. Genauso wie mir meine Negativitätsbrille hilft, Gefahren rechtzeitig zu erkennen, könnte mir auch eine Positivitätsbrille zeigen, was mir wirklich gut tut. Damit ich in schlechten Zeiten genug positive Dinge habe, die ich dem gegenüberstellen kann und das das „einfach nur sein“ dann wieder finden kann.
Denn so wie’s gerade ist, mag ichs. 🙂

Von Chiara (26): Chiara mag stilles Wasser, aber still ist sie selbst nicht gerade – ganz im Gegenteil. Sie tanzt durch’s Leben und spricht und schreibt über Feminismus, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Sie ist Kopf- und Herzmensch zugleich, Ungerechtigkeit macht sie wütend und sie hat eine Schwäche für die Kardashians, gutes Essen und die Menschen, die sie liebt.