Von Kaugummis und Sprungfedern


Ich stehe beim Bäcker, eben noch habe ich ein Bauernbrot bestellt, schon bin ich in Gedanken wieder bei meiner Uni-Abgabe. Als das Brot an einem Stück in die Tüte wandert, werde ich ein bisschen zu spät wach, aber frage trotzdem noch schnell: “Könnten Sie es mir vielleicht noch schnell schneiden?” Ich bekomme mein Brot in Scheiben, aber nicht ohne ein gehöriges Augenverdrehen und den Kommentar “Das kann man auch früher sagen.” Als ich den Laden also verlasse, drückt sich neben dem Brot auch noch ein tristes Gefühl an meine Brust, das von der pampigen Verkäuferin auf mich übergeschwappt ist. Es fühlt sich an wie ein eklig klebender Kaugummi, der an meiner Schuhsohle hängt und mir meine Leichtfüßigkeit nimmt. 

Dass Deutsche als nicht besonders freundlich gelten, ist uns allen ja keine Neuigkeit. Ich bin auch noch in Baden-Württemberg im Raum Stuttgart groß geworden und bin deshalb gut vertraut mit dem schwäbischen Stänkern, Motzen und “Bruddeln”. Solche beschriebenen Situationen beim Bäcker bin ich also eigentlich schon gewohnt vom Artztermin, der Uni oder im Supermarkt. Und den Schwaben ist ihre unfreundliche Art wohl auch bewusst: Seit ich vor zwei Jahren aus Baden-Württemberg raus nach Köln gezogen bin, werde ich immer wieder von meinen alten Landsleuten darauf angesprochen, dass die Kölner:innen ja so besonders nett und freundlich wären. Und ich kann das bestätigen: Der Umgangston ist schon um einiges herzlicher, als er in Baden-Württemberg war. Hier wird mir beim Bäcker noch eine gute Fahrt mit meinem Fahrrad gewünscht, wenn ich mein Brot gekauft habe. Keinen Kaugummi, sondern Sprungfedern spüre ich dann nach so einer Begegnung unter meinen Füßen. 

Respekt und Wertschätzung

Trotzdem, im allgemeinen Vergleich schneidet Deutschland recht schlecht ab, was Freundlichkeit angeht. Das ist mir auch bei meiner Reise in Japan und Korea bewusst geworden. Gerade in Restaurants oder im Supermarkt bringen die Menschen einem eine fast schon ehrfürchtige Freundlichkeit entgegen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Kund:innen hier einen besonders hohen Stellenwert haben. Aber man zeigt sich auch gegenseitig, dass man Respekt voreinander hat – nicht nur der Verkäufer gegenüber der Kundin, sondern auch ich als Kundin gegenüber der Dienstleistung, die die andere Person für mich erbringt. Und selbst wenn diese hoch getriebene Freundlichkeit nur gespielt ist, finde ich, könnten wir hier mehr davon vertragen. 

Während man sich in Japan eigentlich schon zum Danke und zum Entschuldigen vor der anderen Person verbeugt, bekommt man in Deutschland als Kassierer:in oft nicht mal ein Hallo zu hören. Das ist mir auch erst wirklich aufgefallen, als ich selbst für einige Wochen auf der anderen Seite des Piepens Tomaten, Reis und Snickers von rechts nach links geschoben habe. Klar, irgendwann stumpft man ab, wenn die Hälfte der Kund:innen das “einen schönen Tag noch” nicht erwidert. Doch wenn Menschen wirklich nett waren und mir zum Beispiel noch ein gutes Durchhalten bis zum Feierabend gewünscht haben, ist das immer bei mir hängen geblieben. Wie kleine Sprungfedern unter meinen Sohlen. 

Ehrlichkeit schmeckt halt nicht

Ich bin auch manchmal in Gedanken, wenn ich an der Kasse stehe oder genervt davon, dass die Schlange gerade besonders lang ist und alle Selbstbedienungskassen wieder einmal außer Betrieb sind. Aber es fällt mir wirklich schwer, nachzuvollziehen, warum dann manche Menschen wirklich nichts besseres in so einer Situation zu tun wissen, als den Kassierer:innen in dem ganzen Stress, den die Person wahrscheinlich gerade empfindet, weil sie schon mindestens zehn schnaufende und Augen-verdrehende Augenpaare anstarren, auch noch entgegenzurufen: “Geht’s auch schneller?” Ich kann es mir nur so erklären, dass diese Art von Menschen sich mit einem Selbstverständnis durch die Welt manövrieren, dass sie jedem ihre (oft sogar ungefragte) Meinung aufdrücken müssen. Dass sie ihre Ehrlichkeiten einfach damit rechtfertigen, dass sie doch “nur ehrlich” sind. Dass sie eben nichts beschönigen, denn die Wahrheit schmeckt manchmal einfach nicht so gut. Und manchmal klebt sie besonders hartnäckig an unseren Sohlen. 

Ein Minimum an Empathie

Lange habe ich diese Sorte Mensch, die gerade raus und damit manchmal auch unbequem sind, bewundert. Ich fand ihre “I don’t give a fuck”-Einstellung irgendwie cool, wahrscheinlich auch, weil sie mich damit eingeschüchtert haben und weil ich selbst eine kleine People Pleaserin bin. Doch eine Textstelle aus Daniel Schreibers Buch “Allein” hat mich darüber anders denken lassen: 

„Nicht selten verbirgt sich hinter dem Äußern sogenannter »unbequemer Wahrheiten« eine gewisse Bequemlichkeit. Die Unwilligkeit, auch nur ein Minimum an Empathie aufzubringen.“

Daniel Schreiber, Allein


Diesen gewissen Funken Empathie aufzubringen, ist manchmal anstrengend; es kostet Überwindung und wir wissen nicht, ob es sich auch für uns “auszahlt”. Doch trotzdem will ich hier und jetzt ein Plädoyer dafür aussprechen, dass wir uns alle wieder ein bisschen mehr bemühen. Denn wir wissen alle nicht, was unser Gegenüber gerade mit sich rumschleppt, genauso wie wir selbst auch immer etwas mit uns herumtragen. Da kann eine pampige Bemerkung in der Bahn ganz schön schnell einen schlechten Tag zu einem richtigen Scheiß-Tag verwandeln. Aber genauso haben wir alle die Macht, das Gegenteil zu bewirken: Einmal kurz beim Bezahlen an der Kasse die Kopfhörer abziehen und ein aufrichtiges “Danke” nach dem Bezahlen über die Lippen bringen. Ich will fest daran glauben, dass es etwas mehr Leichtigkeit in unser aller Leben bringen könnte, wenn wir nicht nur auf unsere engen Menschen, sondern auch auf die fremden ein bisschen mehr acht geben; nett sind. Und so vielleicht den ein oder anderen klebrigen Kaugummi durch eine Sprungfeder austauschen könnten. Denn ist es nicht genau das, womit wir uns als Gesellschaft zusammenhalten? Indem wir aufeinander aufpassen, uns gegenseitig unterstützen und wertschätzen?


Von Chiara (26): Chiara mag stilles Wasser, aber still ist sie selbst nicht gerade – ganz im Gegenteil. Sie tanzt durch’s Leben und spricht und schreibt über Feminismus, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Sie ist Kopf- und Herzmensch zugleich, Ungerechtigkeit macht sie wütend und sie hat eine Schwäche für die Kardashians, gutes Essen und die Menschen, die sie liebt.

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