Wenn mich Menschen fragen, warum in aller Welt ich mir eine Tasse Kaffee tätowieren ließ, dann verstehe ich die Frage nicht. Ich zucke mit den Schultern. Am liebsten würde ich mein Beileid dafür bekunden, dass Kaffee obviously keine große Bedeutung im Leben dieser Person zu haben scheint. Seit dem Tag unserer ersten Begegnung begleitet mich Kaffee durch sämtliche Lebenslagen: Kaffee im Bett, Kaffee und Küssen, Kaffee und Tränen, Kaffee und Kippe, Kaffee am Bahnhof, Kaffee und Kuscheln, Kaffee an der Raststätte, Kaffee und quatschen. Dieses besondere Heißgetränk birgt so viele Geschichten und Traditionen, die mir immer wieder zeigen, dass Kaffee eben nicht einfach nur Kaffee ist.
Als meine Oma im Sommer starb, entschied sich die Seele meines Opas, einfach mitzugehen. Dement und schwerhörig war er schon zuvor. Herzschmerz und die Angst, nun alleine auf der Welt zu sein, kamen obendrauf. Er wurde zu einem zerbrechlichen Kind, das zu nichts mehr in der Lage war, außer zu weinen, zu schlafen (und zu rauchen lol). Aber das, was mein Herz am meisten berührte: Er sprach tagein, tagaus vom Sterben. Da war kein Funke Lebenswille mehr übrig – er wollte gehen, zu meiner Oma, seiner Frau.
Obwohl er im Stundentakt vergaß, wer ich überhaupt war, erklärte er mich irgendwann zu seiner Verbündeten. Das bedeutete, dass ich fortan in all seine Sterbepläne eingeweiht werden sollte. Eines Abends fragte er mich flüsternd, ob er denn nicht auch sterben würde, wenn er ab sofort einfach aufhöre zu essen.
– Doch, sage ich.
– Hmm…aber der Schinken vom Edeka wird mir fehlen.
– Tja, sage ich, einen Tod muss man wohl sterben.
– Ja… Er grunzt. Aber weißt du, was ich am meisten vermissen werde?
– Was denn?
Er lächelt (ein seltener Anblick in diesen Tagen):
– Meinen Kaffee am Morgen. Weißt du, manchmal geh’ ich abends ins Bett, und ich freu’ mich dann schon auf den Kaffee am nächsten Tag.
Mein Herz wird warm. Ich muss lachen. Genau der gleiche Gedanke kommt auch mir so oft, wenn ich nachts im Bett liege. Ich hab dann gar keine Lust auf schlafen, will einfach, dass der nächste Morgen beginnt, damit sich endlich wieder der sanfte Duft von Kaffee in der Wohnung ausbreiten kann.
Die Tatsache, dass das Einzige, was meinem Opa in dieser Lebensphase noch ein Lächeln auf die Lippen zauberte, sein heißer Kaffee am Morgen war, sollte mir zwar zu denken geben, erfüllte mich aber mit einer tiefen inneren Verbundenheit. Wie weit unsere Lebensrealitäten auch voneinander entfernt waren, in diesem Moment hatten wir unseren generationenübergreifenden Nenner gefunden: Die lebenserhaltende Liebe zum Kaffee.
Kaffee ist eine Lebenseinstellung
Kaffee bedeutet Reset – neuer Tag – Pause – Atmen. Kaffee ist Heilmittel bei schmerzenden Köpfen und Herzen, nach schlechten Träumen und Tagen, bei dunklen Wolken und Gedanken. Gefüllte Kaffeetassen erfahren Geheimnisse, die sonst keine:r kennt und sehen Gefühle, die sonst keine:r erlebt. Kaffee verbindet Menschen, die sonst gar nichts teilen und birgt eine Sprache, die alle verstehen. Ein Kaffee für Freund:innen sagt „Ich kümmere mich“ und wenn mir jemand eine heiße Tasse Kaffee ans Bett bringt, sehe ich liebevolle Zuneigung. Kaffee ist wie eine brühend heiße Schatzkammer an Geschichten und Traditionen. Kaffee ist klassen-, sprachen- und generationenübergreifend. Kaffee ist bescheiden und bodenständig. Kaffee ist Kultur und Ritual. Kaffee ist ein sozialer Akt, ja sogar eine Lebenseinstellung.
Das Schönste am Kaffeetrinken ist, dass es Einsamkeit in etwas Besonderes, fast schon Zeremonielles verwandeln kann, genauso aber auch Gemeinschaft kreiert. Wichtig ist, dass das Ganze natürlich (fast) genauso gut mit Tee funktionieren kann, solange der embracende Charakter, heißt der liebevolle Umgang mit dem Heißgetränk, bestehen bleibt. Denn aus irgendwelchen Gründen gibt es auch Menschen, die keinen Kaffee mögen. Aber dennoch fühlen sie den Genuss, die Stimmung und das stundenlange Beisammensein bei Kaffee genauso stark – tatsächlich sogar mehr als so manch andere stumpfe Kaffeesäufer:innen, die eine Tasse Kaffee behandeln, als wäre es Red Bull.
Geschichten aus der Welt
Als ich nachts durch die Straßen Jordaniens lief, hörten meine Augen gar nicht auf zu leuchten. An jeder Ecke kleine Stände mit riesigen Töpfen voll von dampfendem, arabischem Gewürzkaffee, der die Luft mit Kardamom-Geruch beflügelte. Drumherum: plaudernde, gestikulierende Menschen – auf Treppen, Straßen und Gehwegen, im Stehen, Gehen oder auf weißen Plastikstühlen. In der Hand ein Plastikbecher heißer Kaffee, arabisch qahwa. Und das um 10 Uhr nachts! Sieht so der Himmel aus? Jeden Abend auf die Straße treten und bekannte Gesichter um dampfende Töpfe stehen sehen – und sich noch einen letzten Koffeinschock holen. Ich liebe es. Der Akt des öffentlichen qahwa-Trinkens aus ein und demselben Topf sei Part ihrer Identifikation als Gemeinschaft, sagte mir ein Verkäufer.
In Teilen der arabischen Welt, so auf jeden Fall in Jordanien und Palästina, ist Kaffee Zeichen von Gastfreundschaft und Zugewandtheit, kann aber genauso gut Wut, Reue oder Vergebung ausdrücken. Kaffee ist Sprache und Kommunikationsmittel. Serviert dir zum Beispiel jemand eine Tasse Kaffee mit der linken Hand, kann das bedeuten, dass dir dieser jemand nicht gerade wohlgesonnen ist. Auch das Maß an Liebe, das in der Zubereitung oder der Art des Einschenkens liegt, kann viel über die Gefühlslage deines Gegenübers verraten. Schenkt dir jemand auf der Straße eine brühend heiße Tasse qahwa oder bietet dir sogar seinen Plastikstuhl an, kannst du davon ausgehen, dass du mehr als willkommen bist.
Ein palästinensischer Freund erzählte mir außerdem von der jahrhunderte-alten arabischen Tradition einer „Konfliktbewältigungs-Zeremonie“ mittels Kaffee; die Sulha. Das Ritual kommt ursprünglich von den Beduinen, nomadischen Wüstenbewohner:innen der Levante. Es wurde weitergetragen, im Laufe der Zeit abgewandelt, und wird auch heute noch praktiziert – z.B. in seiner Familie. Wenn ein Konflikt zwischen zwei Stämmen (oder Familien) gelöst werden muss, wird die Partei der „Schuldigen“ in den Haushalt der „Leid-Tragenden“ eingeladen. Die erste Tasse Kaffee wird serviert, aber nicht getrunken. Der:die Repräsentant:in des schuldigen Lagers beginnt mit einer Entschuldigungsrede und erst, wenn der:die Gastgeber:in verkündet „Trinkt!“ bringt er seine Vergebung zum Ausdruck und alle Beteiligten dürfen ihre Tassen berühren. Während der zweiten Tasse Kaffee werden weitere Bedingungen der Versöhnung ausgehandelt und die dritte Tasse wird erst dann getrunken, wenn jeder Unmut beschwichtigt ist. Ich hing an seinen Lippen und als die Geschichte beendet war, dachte ich einfach nur: Wow. Kaffee ist so viel mehr als nur ein heißer Wachmacher.
Ein indischer Kellner sagte mir mal: Ohne Kaffee kein Leben. Und das meinte er toternst. Nicht, weil wir ohne Koffein alle sterben würden, sondern weil Kaffee das Leben lebenswert mache. Er könne mir versichern, wenn er eine Tasse braunes Heißgetränk mit Milchschaum serviere, mache das die Menschen in der Regel glücklicher und gesprächiger als jedes Abeendessen dieser Welt. Und wenn ich an das Kaffeetrinken zuhause – an die zufriedenen Augen meines so schwermütigen Opas – zurückdenke, dann bin ich sicher, dass er Recht hat.

Von Lilly (26): Lilly ist Fan von arabischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann.
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