Keine Uni-Kurse, wenig Arbeit, schönes Wetter und kaum Verpflichtungen – hört sich nach einem traumhaften Sommer an. Vor allem nach meinem Auslandssemester, in dem es fast schon zu viel Action gab, habe ich mich riesig auf die entspannte, ruhige Zeit gefreut, die mir bevorstand. So langsam nimmt diese Traumvorstellung für mich aber leider alptraumhafte Züge an.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie oft ich gegen Ende meiner Erasmuszeit betont habe, dass ich mich richtig darauf freue, zu Hause nicht mehr ständig auf Achse zu sein. Sicher würde ich die FOMO wieder abstellen können, die Dinge etwas entspannter angehen und einfach mehr Zeit für mich selbst haben. Noch ein Uni-Seminar vor der Masterarbeit und die üblichen zwei Tage pro Woche in meinem Studi-Job, abgesehen davon ganz viel Zeit für mich und alles, was mir guttut – das war der Plan.
Freizeit en masse – nice!
Kurz bevor die Kursanmeldung für das neue Semester startet, werfe ich noch mal einen Blick in mein Transcript of Records und siehe da – mir wurde ein Kurs mehr aus Riga angerechnet. Es fehlen nur noch die Credit-Points meiner Masterarbeit und die will ich sowieso erst nach dem Wintersemester abgeben. Noch eine Verpflichtung weniger, noch mehr Freizeit für mich – nice!
Irgendwann stellen meine Chef:innen und ich in einem Gespräch auch noch fest, dass für mich die zwei Jahre, die man als Studi beim WDR angestellt sein darf, fast vorbei sind. Ich bin total happy, dass sie mir eine Stelle als freie Autorin in unserem Projekt anbieten. Das bedeutet viel weniger Arbeit für mehr Geld. Und damit noch mehr Freizeit für mich – nice!
Die ersten Wochen, vielleicht sogar für gut einen Monat, war das auch wirklich nice. Ich nutze die Zeit, um meine Familie und Freund:innen wieder zu treffen, um meine Gedanken nach der intensiven Riga-Zeit zu sortieren, um überhaupt erstmal wieder klarzukommen. Ich kann immer zusagen, wenn jemand nach einem Tischtennis-Match, einem Kaffee-Date oder einem Aperol-Abend fragt. Und als sich langsam doch so etwas wie Langeweile einschleicht, suche ich mir eben neue Hobbys, beziehungsweise lasse alte wieder aufleben. Mindestens einmal in der Woche geht es seitdem zum Schwimmen, ich tauche endlich mal in die Harry-Potter-Welt ein und besuche einige wundervolle Konzerte.
Zehn statt zwei Stunden am Tag
Und doch hat sich in all diese wunderschönen Aktivitäten irgendwann ein unangenehmes Gefühl geschlichen. Plötzlich fühle ich mich immer ein bisschen rastlos, wenn ich zu Hause bin und diese Zeit für mich habe, nach der ich mich eigentlich so gesehnt habe. Gleichzeitig bin ich unterfordert, wünsche mir herausfordernde Aufgaben, aber schaffe es einfach nicht, beispielsweise meine Masterarbeit anzugehen. Die Tage kommen und gehen, die Wochen ziehen ins Land und irgendwie mache ich nichts, was sich wirklich erfüllend anfühlt. Ich habe zu viel Freizeit – und war wirklich nicht darauf vorbereitet, dass es so etwas gibt.
Das ist tatsächlich ein Ding und sogar wissenschaftlich bestätigt: Forschende aus den USA haben 2021 herausgefunden, dass zwei bis fünf Stunden Freizeit am Tag optimal sind. Jede weitere Minute, die nicht produktiv (was auch immer das heißt) genutzt wird, wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Ich habe zur Zeit durchschnittlich über zehn Stunden Freizeit am Tag und kann aus meinem Selbstversuch die Ergebnisse der US-Forscher:innen bestätigen.
Viel Freizeit bedeutet nämlich auch viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Und daher rührt für mich zu einem großen Teil diese Unzufriedenheit bei zu viel Freizeit. Vor allem während der letzten Wochen habe ich gemerkt, in welche negative Richtung meine Gedanken abdriften können. Plötzlich bin ich komplett unzufrieden mit meinem Studiengang, verzweifle aber auch an Überlegungen darüber, was nach dem Studium kommen soll. Und da hört es nicht auf – ich hinterfrage alles: Was will ich überhaupt? War alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe, nicht irgendwie sinnlos? Wo soll das denn alles hinführen? Wer bin ich überhaupt und WARUM ZUR HÖLLE habe ich den Sinn des Lebens noch nicht gefunden???
Spielen, Flirten, Steuererklärung
Gleichzeitig kommt (zumindest bei mir) noch hinzu, dass es mir teilweise peinlich ist, so viel Freizeit zu haben. Beschäftigt sein ist in unserer Leistungsgesellschaft schließlich auch ein Statussymbol. Gute Arbeit ist scheinbar verbunden mit viel Zeitaufwand, erfolgreiche Menschen haben immer endlos viel zu tun und rennen gestresst durch’s Leben. Klar ist mir bewusst, dass dieser Lifestyle nicht unbedingt gesund und erstrebenswert ist und dass ein Burnout bei vielen nur hinter der nächsten Ecke lauert, aber auch die extreme Unterforderung bei einem Boreout ist nicht gerade spaßig.
Und was ist nun die Lösung? So ganz genau weiß ich das offensichtlich auch noch nicht. Ich stecke gerade noch mitten in der unbefriedigenden, unzufriedenen, unterforderten Zu-viel-Freizeit-Phase. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass mir die – sicher gutgemeinten – Tipps der Mitteldeutschen Zeitung bei zu viel Freizeit (unter anderem “Spielen – geht auch online”, “Flirten”, “Steuererklärung”) wirklich nachhaltig weiterhelfen würden. Ich glaube, dass sich vor allem eine kontinuierliche Aufgabe, am besten noch mit festen Deadlines, wirklich sinnvoll für mich anfühlen würde. Aber auch für ein Ehrenamt, einen zweiten Nebenjob oder dafür endlich mal mit der Masterarbeit anzufangen, muss ich erstmal die Motivation finden und mich irgendwie aus meinem Freizeit-Trott reißen. Vielleicht hilft mir ja sogar dieser Beitrag dabei – und ich kann dann bald von meinem erfüllten Leben mit nur zwei bis fünf Stunden Freizeit berichten.

Von Lena (24): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.