Sterben ist scheiße und der Tod ein Thema, das beim kürzesten Gedankenfunken daran, Angst, Panik und Beklemmung in mir auslöst. Und weil es mir die Gesellschaft herrlich einfach gemacht hat und der Zufall lange auf meiner Seite war, konnte ich das Thema bisher auch weitestgehend aus meinem Leben verbannen. Man muss kein:e Mathematiker:in sein, um sich auszurechnen, dass das nur so lange gut geht, bis man keine Wahl mehr hat. Und mit dem plötzlichen Verlust einer sehr geliebten Person ist mir schmerzlich bewusst geworden, wie komplex Tod, Sterben und Trauer sind – und dass wir als Gesellschaft diesen essentiellen Themen viel zu wenig Platz im Alltag einräumen.
Der Tod ist vielerorts ein Tabuthema. Eine unangenehm lästige Angelegenheit, über die man ungern redet. Die Vorstellung, sich selbst oder einen geliebten Menschen an dieses undefinierbare Nichts zu verlieren, ist ein Horrorszenario, welches man hin und wieder kräftezehrend und schlaffressend abends im Bett mit sich selbst verhandelt. Und sowieso, der Tod passt nicht in unsere auf Leistung getrimmte Gesellschaft, weil nur die Unsterblichkeit rechtfertigen würde, wie viel Zeit wir darauf verschwenden, höher, weiter, besser zu kommen und zu sein. Der Tod ist ein Makel im Leben, der Unsicherheit und Vulnerabilität hervorruft, Seelen zerfrisst und so unglaublich viel Raum einfordert, dass wir ihm diese Forderung – soweit wir eben können – gerne einfach verwehren.
Randsterben
Das war übrigens nicht immer so. Noch vor einigen hundert Jahren war Sterben so normal wie Essen. Das liegt vor allem daran, dass früher einfach mehr gestorben wurde. Es liegt aber auch daran, dass Sterben früher viel sichtbarer war – es passierte im Kreis von Angehörigen, zuhause aufgebahrt vor Freund:innen und Bekannten, zelebriert mit Traditionen, Ritualen, Beerdigungsumzügen und Trauerkleidung. Sterben war Gemeinschaftssache. Heute ist Sterben meist eher Privatangelegenheit. Gestorben wird im Krankenhaus, im Altenheim, auf Palliativstationen oder höchstens noch in Dokumentationen auf dem Bildschirm. Irgendwo am Rand eben.
Mal abgesehen davon, dass die Menschen immer älter werden, finde ich das seltsam. Immerhin stirbt jedes Jahr ca. ein Prozent der Bevölkerung. Ich habe auch mal gelesen, dass im Schnitt alle 18 Jahre ein nahestehender Mensch aus dem Leben gerissen wird. Wir alle bekommen es also, ganz zu Schweigen von unserer eigenen Endlichkeit, früher oder später mit dem Tod zu tun. Richtig brutal wird das, wenn die Welt so doll aus dem Gleichgewicht gerät, dass es ganz unerwartet und plötzlich eine geliebte Person betrifft – wie bei mir. Und dann steht er da, der Tod, im Gepäck die Trauer, so übermächtig, so nah, so schreiend ungerecht, dass einem gar nicht mehr viel anderes übrig bleibt, als in sein unliebsames Antlitz zu schauen – das so unfassbar komplex und vielschichtig ist, dass man es gar nicht richtig fassen kann. Und das trotzdem irgendwie erwartet, dass man es jetzt einfach so akzeptiert.
Keine Zeit für Verlust
Der Tod eines geliebten Menschen ist unfassbar traurig. Und diese Trauer verlangt es, fortwährend gespürt zu werden. Sie wird zum ständigen Begleiter, kennzeichnet Brüche im Leben und teilt es in zwei Hälften. Die Hälfte ohne und die Hälfte mit der Person. Und plötzlich finde ich mich in einer Realität wieder, in der ich die Trauer wie ein Schulkind an der Hand durch mein Leben bugsiere. Ein Leben, das so anders ist als vorher – gespickt mit Triggern, überwältigenden Emotionen und ziemlich oft auch einem Gefühl von Widerstand. Dann fühle ich mich wie ein uralter, fest verwurzelter Baum inmitten einer Rodung, der sich seinem Schicksal nicht ergeben will. Dieses Leben und diese Gefühle müssen aufgeräumt und neu sortiert werden. Und ist nicht zuletzt so unglaublich herausfordernd, weil wir es als Gesellschaft irgendwie verpasst haben, Tod und Trauer in unsere Mitte zu rücken.
Trauernde Menschen haben keine Lobby. Während es zum Beispiel Sonderurlaub für Eltern gibt, darf eine trauernde Person – absurderweise abhängig vom Grad der Verwandtschaft – ein bis zwei Tage Sonderurlaub nehmen. Ein Zeitraum, in dem man nicht mal ansatzweise die Tragweite eines Verlustes fassen kann und in der man meist trotzdem so paralysiert ist, dass man es oft nicht mal schafft, sich ein Butterbrot zu schmieren. Alles darüber hinaus muss zur Krankheit stigmatisiert werden. Wenn die Trauernden Glück haben, sind sie dabei von Menschen umgeben, die für sie das Broteschmieren übernehmen. Wenn sie Pech haben, essen sie einfach nichts mehr. Wir alle haben schon von der die Straßenseite wechselnden Nachbarin gehört, die sich nicht traut, den Trauernden entgegenzutreten. Das mag eine überspitzte Darstellung sein, aber in meinem Trauerprozess fällt mir immer wieder auf, wie schambehaftet das Thema ist und wie Menschen Gespräche und Blickkontakt mit mir meiden. Oft meide ich das Thema deshalb auch von mir aus. Weil ich nicht darüber reden möchte – oder weil ich das Gefühl habe, es meinem Gegenüber nicht zumuten zu können?
Unsere Waffe gegen die lähmende Angst des Todes
Die Themen Tod und Sterben sind nun einmal Stimmungskiller – und es ist nichts als Willkürlichkeit, dass einige Menschen sich immer wieder oder fortwährend damit beschäftigen müssen, während sich für andere die Welt einfach immer weiter dreht. Und dass sie das tut, ist auch gut so. Denn wie sonst soll es auch weitergehen? Ich bin fest davon überzeugt, dass Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Freude unsere Waffen gegen die lähmende Angst des Todes sind. Und trotzdem können und müssen wir über ihn reden. Denn – auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt wiederhole – früher oder später, härter oder sanfter, erwartbar oder völlig plötzlich: Wir alle werden im Laufe unseres Lebens mit Tod und Trauer konfrontiert. Und offen darüber sprechen zu können und zu wissen, dass es Wege gibt, damit umzugehen, ist nicht nur für akut von Trauer geplagte Menschen unglaublich heilsam.
In vielen von uns schlummert eine Trauer oder verstecken sich Ängste, die mit dem Tod zu tun haben und nur darauf warten, gefühlt und besprochen zu werden. Und was ich vielleicht damit sagen will: Seid mutig, offen, emphatisch. Sprecht über eure Ängste, eure gebrochenen Herzen, eure Toten im Himmel (oder von wo auch sonst sie auf euch schauen) und seht auch die eurer Mitmenschen. Nur wenn sie in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind, müssen wir uns nicht mehr still und heimlich über sie definieren und finden vielleicht irgendwann in ein Leben in Symbiose mit ihnen.

Von Alex (28): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.