Aperol und Ankerpunkte: Das Labyrinth der Vergesslichkeit

In meinen Sticker-Favoriten bei WhatsApp seit Monaten immer per One-Click abrufbereit: ein kleiner, löchriger Schweizer Käse und ein verpeilter Goldfisch. Symbolisch für „Kann ich mich leider nicht mehr dran erinnern“. Leider kommt es gerade ziemlich oft vor, dass ich einen dieser beiden Sticker als Antwort auf eine Nachricht verschicke(n muss).

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Ganze Situationen haben sich wie von Zauberhand aus meinem Zwischenspeicher gelöscht. Darunter sind neben belanglosen Gesprächen und Momenten auch wirklich wichtige, besondere Augenblicke. Das Problem habe ich schon seit Jahren und ich bin oft traurig darüber. Und es wird immer schlimmer.

Gespräche und Ereignisse – ausgelöscht 

Eine Zeit lang dachte ich, dass das ein Schutzmechanismus meines Körpers sei. Man kennt das ja nach traurigen Erlebnissen, da speichert das Gehirn auch nicht jede kleine Träne als Erinnerung ab, damit man Abstand gewinnen und heilen kann. Eben, um den Speicher für Neues, Schönes freizumachen und um regenerieren zu können. 

Aber wieso vergesse ich dann auch immer öfter die schönen Dinge? Und ich rede dabei nicht nur von sekundenlangen Momentaufnahmen, sondern von ganzen Gesprächen und Ereignissen.

Wenn es ums Erinnern geht, bin ich in meinem Umfeld oft auf Menschen angewiesen, die mir auf die Sprünge helfen. Ich habe da meine festen Anker – Menschen, die mich inzwischen nicht mehr schief angucken, wenn man meinem Gesicht während einer ihrer Erzählungen ablesen kann, dass ich keinen Schimmer habe, wovon sie gerade reden, obwohl ich selbst Teil der Erzählung bin. Die stattdessen die Extrameile gehen und es nochmal für mich erklären.

Alkohol, der Dünger des Vergessens

Das können Anekdoten sein, Gespräche, Argumente, irgendwelche Erinnerungen. Nicht nur, aber auch, wenn Alkohol im Spiel war. Denn dann ist es besonders krass.

Vom Googlen als Teenie weiß ich: Bei einem Filmriss werden bestimmte Bereiche des Gehirns lahmgelegt, und diese „Betäubung“ des Gehirns stört das Abspeichern von Erinnerungen. Nicht falsch verstehen, ich habe natürlich nicht jedes Mal einen Filmriss, wenn ich was trinke. Aber je nachdem wie viel getrunken wird, sind da immer viele kleine Erinnerungslücken. Wie viel Alkohol einen Filmriss verursacht, ist ja von Mensch zu Mensch unterschiedlich und ich scheine sehr sensibel darauf zu reagieren.

Was für mich aber noch viel entscheidender ist, sind die langfristigen Folgen, die Alkohol haben kann: Wer viel oder regelmäßig trinkt, riskiert eine veränderte Hirnstruktur, Gedächtnisprobleme und eine schlechtere Gedächtnisleistung. Und das mag jetzt total übertrieben klingen, aber irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass das bei mir schon eingetreten ist.

Man redet nicht gern darüber, aber wir wissen es alle: Alkohol ist auch eine Droge. Und meine Freund*innen und ich sind nicht blöd – uns ist durchaus bewusst, dass wir dann und wann, vor allem wenn die Temperaturen zum Daydrinking verführen, mehr bechern, als wir sollten.

Erst mal ne gute Zeit haben

Es ist ja auch einfach gesellig. Alkohol kann entspannen, gute Laune machen, ermutigen, Probleme vergessen lassen. Aber halt immer nur bis zum nächsten Tag. Und auch die darauf folgenden (emotionalen und körperlichen) Kater klammert man ja vorher ganz gerne lieber aus. Obwohl man ganz genau weiß, dass sie kommen werden. Aber: Erst mal ne gute Zeit haben, alles andere ist das Problem des Zukunfts-Ichs.

Und bei mir ist da dann halt noch die Sache mit dem Vergessen. Ich habe ja auch ohne Alkoholeinfluss häufig Probleme, Dinge abzuspeichern. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, an dem ich glaube, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte. Und ich will die Tatsache, dass es problematisch ist, so häufig zu trinken, gerade nicht mehr länger mit einem Spruch und einem müden Lächeln abtun. Ich bin keine Fachfrau, aber ich glaube, es kann nicht schaden, den Alkohol erst mal wegzulassen. 


Von Fee (30): Während Fee sich früher noch Kurzgeschichten über böse Punker ausgedacht hat, schreibt sie heute als Journalistin lieber Texte über die Gefühle ihrer Generation, über gesellschaftliche Missstände und inspirierende Menschen. Manchmal macht sie auch einen Fernsehbeitrag darüber. Ihr Mitbewohner sagt, sie wäre etwas zu vorwitzig und sollte weniger Fragen stellen, aber sie sieht das anders. Immer am Start: Empathie, der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen und Hündin Martha.

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