Ich bin eine People Pleaserin. In anderen Worten ein gutes Mädchen: empathisch, einfühlsam, zuvorkommend, immer für andere da. Ich identifziere mich mit diesen Charaktertraits und echauffiere mich über Menschen, die immer nur an sich selbst denken. So bin ich mein Leben lang gut gefahren, doch langsam aber sicher möchte ich wirklich die Handbremse dieses viel zu freundlichen Fahrzeugs finden. Denn als professionelles Good Girl steht man sich auch ganz gerne mal selbst im Weg…
Als ich 9 Jahre alt war, schubste ich Louis Schneider auf dem Pausenhof unserer Grundschule von einem Baum. Louis war zwar mein Freund, aber er stichelte und pöbelte uns Mädchen oft an, wahrscheinlich weil auch er immer von seinen Homies gepiesackt wurde. Er fiel vom Baum, schrie und weinte so theatralisch wie ein sterbendes Tier. Ich weiß bis heute nicht, warum ich das getan habe. War es aufgestaute Wut? Kindische Spielerei? I don’t know.
Was ich aber noch sehr gut weiß, ist, wie ich mich in der darauffolgenden Zeit gefühlt habe: beschämt. Meine Eltern, Lehrer:innen und Mitschüler:innen – ja sogar meine besten Freundinnen – alle waren völlig geschockt. So ein Verhalten hatte niemand von mir erwartet, wo ich doch sonst immer so lieb und sensibel mit meinen Mitschüler:innen umgegangen war. Ihr Entsetzen haben sie mich noch tagelang spüren lassen.
Wenn ich heute an die Gefühle von damals zurückdenke, dann verstehe ich mittlerweile, was das Schlimmste an der Situation war: Ich fühlte mich so schrecklich unweiblich. Wie ein gewalttätiger Trampel. Ein Monster. Denn so hat sich ein neunjähriges Mädchen nicht zu verhalten. Auch dann nicht, wenn es sauer ist.
Ich glaube, dieser Moment war ein sehr prägender. Einer von vielen Tausenden, in denen ich meine Sozialisation als gutes Mädchen ein gutes Stück mehr in mir kultiviert habe. Ich glaube nämlich, wenn Manuel Geisenhofer – Louis‘ supercooler Homie – ihn an diesem Tag vom Baum geschubst hätte, wären die Reaktionen anders ausgefallen. Natürlich hätte auch er Ärger bekommen, aber ich zweifle stark daran, dass er genauso viel Fassungslosigkeit und Ausgrenzung von der Klasse erfahren hätte wie ich.
Was ich daraus gelernt habe? Ja, man sollte kleine Kinder nicht von irgendwelchen Bäumen schubsen.
Aber noch viel mehr sehe ich, in welch frühen Momenten meiner Kindheit mir das liebe, feinfühlige Verhalten des Frau-Seins auferlegt wurde, dominant-aufsässige Eigenschaften wiederum abtrainiert wurden. Als Mädchen sollte man eben nicht laut und auffällig, erst recht nicht wütend oder rebellisch sein. Entscheidet man sich aber dazu, das doch einmal zu sein, wird man mit blankem Entsetzen und dem eigenen Schamgefühl bestraft.
„Du bist zu viel“ in a nutshell
Das gute Mädchen, das total „unkompliziert“ ist, kaum Bedürfnisse hat und jederzeit „total empathisch“ versteht, was in ihrem Gegenüber passiert, ist bis heute meine engste Vertraute. Sie ist immer da und verlässt mich nur dann mal kurz, wenn ich Ungerechtigkeiten beobachte und/oder die Kontrolle verliere. Zum Beispiel dann, wenn mir nach dreistündigem Catcalling irgendwann der Kragen platzt, und ich plötzlich beginne, eklige Männer zu ohrfeigen und unfaire Beamte zurechtzuweisen. Spult man aber drei Stunden zurück, sieht man noch das gute Mädchen, wie es die Männer immer und immer wieder mit einem geduldigen und feinfühligen „Tut mir leid, ich hab nen Freund“ weglächelt. „Nicht, dass ich am Ende noch die Gefühle dieser armen Typen verletze!“, denkt das Good Girl besorgt.
Als Kind war ich laut, frech und wild. Emotional, temperamentvoll und impulsiv. All das bin ich zwar bis heute, gleichzeitig wundert es mich nicht, dass ich mit genau diesen Eigenschaften die volle Bandbreite der „guten Mädchen“-Sozialisierung abbekommen habe. Schon Virginia Woolf hat diesen Stereotyp weiblicher Prägung beschrieben und im Jahr 2024 hat das meine mutige Freundin Sophia in ihrem Buch „Toxische Weiblichkeit“ für unsere Generation getan. Was ich damit sagen will: Ich habe sehr schnell gelernt, dass ich mit meiner weichen, empathischen Seite im Leben weiter komme als mit meiner rebellischen.
Mein gutes Mädchen zeigt sich am deutlichsten im Dating- und Arbeitskontext: zuhören, Verständnis, lieb und rücksichtsvoll sein – „Ach quatsch, mache ich doch gerne“ – das ist mein Werkzeugkasten, mit dem ich mich bestens auskenne. Breche ich dann aber doch mal aus – weinen, schreien, Raum einnehmen – emotional sein, Bedürfnisse äußern, reden wollen – schleicht sich schnell ein altbekanntes Gefühl in meine Magengrube ein: „Du bist zu viel. Zu einnehmend. Zu doll. Zu anstrengend“, flüstert es mir zu.
Klar, ich putze dir gerne deinen Arsch ab
Ich tue einiges, um dieses unangenehme Flüstern zum Schweigen zu bringen.
Das merke ich, wenn ich mir selbst dabei zusehe, wie ich mich zurücknehme und verrenke, um es anderen recht zu machen. Ich merke es, wenn sich meine Gesichtsmuskulatur verkrampft, um ja nicht zu weinen, damit ich auch „ja keine Szene vor ihm mache“. Ich merke es dann, wenn ich so tue, als wäre ich total entspannt damit, dass meine Nachricht drei Tage unbeantwortet blieb, um auch ja nicht zu „fordernd“ oder noch schlimmer „anstrengend“ rüberzukommen. Ich merke es, wenn ich sage, dass es mir „völlig egal ist“ was wir machen oder anschauen, wenn ich darauf achte, dass mein Kopf nicht zu schwer auf seinem Arm liegt.
Ich merke es dann, wenn ich mich schlecht fühle, weil ich gerade „so viel Raum eingenommen habe“, nur weil ich erzähle, was mir auf dem Herzen liegt. Ich merke es dann, wenn meine Situationship volle vier Stunden ausschöpft, um mir von seiner Exfreundin und seinem ganzen Schmerz zu erzählen, mich am Ende nicht einmal fragt wie es mir denn so geht und ich bei all dem nur verständnisvoll nicke und „total hilfreiche“ Fragen stelle. Ich merke es dann, wenn ich sehe, wie er sich danach an mich kuschelt und seelenruhig einschläft, ohne auch nur das Mü eines Gedankens von „Boah heute war ich aber mal wieder ganz schön viel.“
Einige dieser Dinge tue ich immer noch. Und ich schäme mich dafür. Weil ich sie tue, obwohl ich eine kluge Frau bin, die genau dieses Verhalten reflektiert. Ich schäme mich, weil ich mich unemanzipiert fühle, wenn ich mir eingestehe, wie oft ich mich meinem Gegenüber freiwillig unterordne und wie wohl ich mich in dieser Position fühle. Gleichzeitig weiß ich, dass ich nicht alleine bin, dass ich nicht die Einzige bin, die diese Dinge tut. Das gute Mädchen ist überall. Auch viele meiner männlichen Freunde haben diese Muster internalisiert. Ich glaube, nur, wenn wir damit beginnen, über augenscheinlich peinliche Verhaltensweisen zu sprechen und, wenn wir es schaffen, die damit einhergehende Scham auszuhalten, können wir lernen, unserem Good Girl zu trotzen.
Zurück in meine Kinderschuhe
Denn vieles davon habe ich abgelegt oder bin at least dabei es zu lernen. Das ist oft anstrengend und für mich auch nur dann möglich, wenn ich ein Gegenüber habe, das mir auf Augenhöhe begegnen möchte. Manchmal komme ich mir vor wie ein Kleinkind, das versucht, die Welt neu zu verstehen. Es ist, als ob ich wieder bei Null anfangen würde, zu lernen, was meine Bedürfnisse sind und wie ich sie äußern kann. Ich bin mir relativ sicher, dass das Dreijährige manchmal sehr viel souveräner machen als ich. Letztens habe ich mich erst nach 20 Minuten Herumstottern und 44 mal „Ähmmmm also…“ getraut, meinen Datingpartner zu fragen, ob ich denn über Nacht bleiben könne. Aber das ist ok. Ich lerne. Und ab und zu bin ich schon richtig gut darin.
Ich denke, heutzutage würde ich Louis nicht mehr vom Baum schubsen, um mich selbst zu behaupten. Heutzutage würde ich auch nicht mehr „Ja und Amen“ sagen, wenn er meine Freundinnen und mich zu piesacken versucht. Im besten Fall würde ich meine sassy Rebellin und mein versöhnliches Good Girl zusammennehmen und ein ehrliches Gespräch beginnen.
Side note: Alle Namen im Text wurden verändert.

Von Lilly (27): Lilly ist Fan von arabischem Kaffee und ein absoluter Gefühlsmensch, der unglaublich viel Liebe und Empathie für seine Mitmenschen aufbringen kann. Dass so viel Empfindsamkeit auch ziemlich anstrengend sein kann, davon erzählt sie in ihren Texten – die oft von Liebe, Gefühlen und Zwischenmenschlichem handeln. Oder von der großen, weiten Welt, von der sie nicht genug bekommen kann.