Vom Gendern im Bierzelt


Dass ich über Pfingsten nach Hause kommen würde, war schon lange geplant und das auch wegen eben diesem Fest, das, schon seit ich denken kann, jedes Jahr in einem der umliegenden Dörfer stattfindet. Nostalgische Erinnerungen wurden wach an laue Abende, an denen wir in Dirndl und Lederhosen auf Bierbänken getanzt haben, verzweifelt versucht haben, schon mit sechzehn oder siebzehn Jahren an den Security-Leuten vorbei in die Bar der Festzelte zu schleichen, und sich dramatische Szenen zwischen meinen Freundinnen und ihren Eroberungen aus den Nachbardörfern abgespielt haben. Und Erinnerungen an die Nachmittage danach, an denen wir leicht verkatert in der Sonne vor der Bande des Fußballplatzes lagen und der Recap dieser dramatischen Szenen viel wichtiger war als das Fußballturnier, das sich gerade vor uns abgespielte.

Aber Achtung: Genderverbot!

Auf dem Weg von Köln in die Heimat habe ich mich in diese Zeiten zurück geträumt und war schon ziemlich hypet auf das Wochenende. Trotzdem war mir klar, dass ich nicht mehr unbedingt die Person bin, die wie damals mit siebzehn so gut in das Festzelt gepasst hat und an jeder zweiten Biergarnitur irgendjemanden kannte, mit dem sie sich (zumindest oberflächlich) super verstanden hat. Als ich dann Freitagabend mit einer Freundin auf dem Weg zum örtlichen Sportplatz und zum dortigen „Torwandturnier mit Malle Party” war, hat mir ein Freund aus Köln noch viel Spaß gewünscht: „Es wird bestimmt schön, mal so ganz ohne Sorgen zu feiern, aber Achtung: Genderverbot!“

Fünf Stunden und mindestens genauso viele saure Weinschorlen später stehe ich dann also in der sagenumwobenen Stodl Bar (in die ich mittlerweile ohne Probleme komme) und höre mich sagen, dass ich Gendern auf jeden Fall sinnvoll finde. Was ja auch wirklich so ist. Ob es der richtige Zeitpunkt und Ort, der richtige Alkoholpegel und die richtigen Diskussionspartner (in dem Fall wirklich alle männlich) sind, bei denen ich das gerade anspreche, sei mal dahingestellt. „Du bist die einzige Person, die ich kenne, die das wirklich so sieht“, ist die Antwort von einem Mann aus meinem Dorf, mit dem ich sicher seit mindestens drei Jahren nicht mehr als zwei Sätze gewechselt habe. Auf jeden Fall entsteht daraus aber ein relativ ausführliches Gespräch über das Thema, in das immer mehr Leute einsteigen.

Auf einen Eistee Korn mit Major Tom

Dass ich irgendjemanden dort wirklich von meiner Meinung überzeugen konnte, wage ich stark zu bezweifeln und vielleicht war es unnötig, das Thema überhaupt auf den Tisch – oder eher den Bartresen – zu bringen. Aber da hat sich die Köln-Lena einfach kurz an die Oberfläche gekämpft. Und da war sie auch in anderen Situationen immer wieder. Wenn es um meine Zukunftsplanung ging und ich gefragt wurde, was ich denn jetzt beruflich machen werde, zum Beispiel. „Ich hab vor ein paar Wochen meine Masterarbeit abgegeben, wie es jetzt weitergeht, keine Ahnung“ – „Aber du willst in Köln bleiben?“ – „Wenn das irgendwie möglich ist, auf jeden Fall!“  – „Und nicht mal zurück hierher?“ – „Schon eher ungern“.

Das Komische ist: In mindestens genauso vielen Momenten war ich einfach komplett die Dorf-Lena und habe das auch richtig genießen können. Wenn ich zwischen meinen Verwandten auf der Bierbank stehe und Major Tom gröle, plötzlich einen Eistee-Korn in der einen und einen viel zu süßen „Ficken“ Shot in der anderen Hand halte und mit Leuten anstoße, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, mit denen es sich aber direkt irgendwie einfach anfühlt. Wenn mir der Wanderpokal bis an den Rand gefüllt mit Asbach-Cola hingehalten wird und ich ohne lange zu zögern selbstverständlich einen Schluck daraus nehme. Und wenn ich über den Feldweg nach Hause schlendere, während die Vögel schon langsam anfangen zu zwitschern.

Großstadt-Views in der Dorfgemeinschaft

Es ist bei Weitem nicht immer alles super in Köln, aber seitdem ich dort meinen Lebensmittelpunkt aufgebaut habe und meinen Alltag dort wirklich liebe, vergesse ich manchmal, wie viele kleine, tolle Dinge es auch in meiner Heimat gibt, die ich eigentlich immer zu schätzen wusste. Vor allem ist das wohl wirklich dieser hochgelobte Dorfzusammenhalt, das komplette Gegenteil von meiner liebgewonnenen Kölner Anonymität, dafür aber vielleicht ein Umeinander-Kümmern und eine Gemeinschaft, die irgendwie auch guttun kann.

Ich bin froh über meine Köln-Bubble, in der ich niemandem erklären muss, warum ich Gendern sinnvoll finde, aber genauso froh darüber, dass auch die Dorf-Lena einen Teil von mir ausmacht und wahrscheinlich auch immer ausmachen wird. Es gibt ganz viele Ansichten und Einstellungen in erzkonservativen bayerischen Dörfern, denen ich absolut und sehr eindeutig widerspreche. Trotzdem mag ich es, dass es am Abend nach der Gender-Diskussion ganz klar war, dass ich Arm in Arm mit meinen Diskussionspartnern den Turniersieg unserer Dorfmannschaft feiern würde. 


Von Lena (25): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.

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