Aliens, Trump und der kleinste gemeinsame Nenner


28 Grad, die Sonne ballert unablässig vom Himmel – ich sitze mit drei Briten und einer Amerikanerin über dreieinhalb tausend Kilometer von zu Hause entfernt in einem Touri-Restaurant am Strand von Teneriffa. Wir essen Tapas und unterhalten uns über den Brexit und die bevorstehenden US-Wahlen, als einer der Männer plötzlich mit Bestimmtheit anbringt, dass er sich hundertprozentig sicher sei, dass 9/11 ein Inside-Job war. Bemüht unbeschwert kaue ich auf einer Patata Brava rum, während ich unsicher die Gesichter der anderen taxiere. „A hundred percent“, stimmt die Amerikanerin ihm zu und auch die anderen beiden Briten nicken entschlossen. Plötzlich finde ich mich in einer Situation wieder, in der meine politische Weltansicht mich zu einer Außenseiterin macht. 

Harte Schale, weicher Kern

Vielleicht ist es ein Privileg, vielleicht ist es aber auch einfach nur Bequemlichkeit, dass ich in meinem Leben bisher nicht oft in einer solchen Situation war. Wenn ich mit Freund:innen oder Familie unterwegs bin, dann gibt es kaum Diskussionen darüber, ob zu viel Fleisch essen scheiße, Corona ein ernstes Ding ist oder rechtes Gedankengut aus dieser Welt verbannt gehört. Natürlich weiß ich, dass andere Meinungen existieren, dass andere Meinungen sogar so stark und so pluralistisch sind, dass sie unsere Gesellschaft zu entzweien drohen. Aber die Schale meiner Bubble scheint so unzerbrechlich hart, dass diese alternativen Werte, Meinungen und Weltansichten einfach an ihr abzuprallen scheinen – und es mir oft schwer gefallen ist, auch nur die Berechtigung ihrer Existenz anzuerkennen. 

Wenn man in einem Hostel mit den verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Regionen dieser Erde zusammengewürfelt wird, existiert diese Bubble nicht mehr. Das merke ich nicht nur an einer spanischen Kartoffel, die ich plötzlich nicht mehr runterkriege – bei einem Gespräch, bei dem ich Hemmungen habe, dem scheinbar herrschenden Konsens zu widersprechen. Oder zumindest anzumerken, dass solche Gedanken bisher nicht in mein Weltbild gepasst haben. Stattdessen bleibe ich erstmal stumm. 

Von Internet-Trollen zu echten Menschen

Aber bei diesem Patatas-Bravas-9/11-Verschwörungsmoment bleibt es nicht. Ich höre Geschichten über Aliens, deren Begegnung der US Congress uns verschweigt. Ich werde darüber „aufgeklärt“, dass Hollywood uns mit Filmen wie „Avatar“ oder „Star Wars“ auf die Zukunft vorbereitet. Mir wird „beigebracht“, dass sich Deutschland schon längst in einer Regression befindet, aber die Medien uns das verschweigen. Ich höre Geschichten über Trump, der zwar ein Sexist, aber ebenso ein cleverer Geschäftsmann sei, der den Krieg in der Ukraine mit einem Fingerschnipsen beenden könnte.  Mir wird erzählt, dass Polyamorie die einzige richtige Beziehungsform ist und die Liebe, die wir zu unseren Partner:innen verspüren, gleichzusetzen ist mit der zu unseren Eltern. Corona-Impfungen? Davon hält hier kaum jemand was. Und ich? Bin eine der wenigen hier, die scheinbar auf die „Impf-Propaganda hereingefallen ist“. Und ich bin verunsichert, weil ich oft nicht weiß, wie ich reagieren soll. 

Ich bin aber nicht nur verunsichert, weil ich es nicht gewohnt bin, meine Meinung gegen andere verteidigen zu müssen – sondern auch, weil Menschen, die ich vorher als bloße Internettrolle, ungebildete Schwurbler und Projektionsfläche von für mich unbefriedigenden Wahlergebnissen plötzlich zu realen Menschen geworden sind. Menschen, die Kaffee, Kippen und Essen mit mir teilen. Menschen, die mich in den Arm nehmen, wenn es mir schlecht geht. Menschen, die mit mir lachen, feiern und leben. Menschen, ohne die ich mir mein Leben hier nicht vorstellen kann.

Vom kleinsten gemeinsamen Nenner

Vor allem aber Menschen, die mir so auf Augenhöhe begegnet sind, dass ich bei Gesprächen über unterschiedliche Meinungen und Weltansichten irgendwann nicht mehr auf einer Patata Brava herumkauen muss, um bloß nicht in eine unangenehme Situation zu geraten. Mit der Zeit traue ich mich, meine Standpunkte zu vertreten und mich gegen Vorstellungen zu stellen, die in meinen Augen offensichtlich falsch sind. Und ich komme in diesen Gesprächen bei Weitem nicht mit jeder Person auf einen Nenner – aber das war okay, weil wir respektvoll bleiben und einander zuhören. Weil wir Ängste und Sorgen der anderen Person ernst nehmen. Und weil uns mehr verbindet als unsere Meinungen und Vorstellungen.

ABER: Das Ganze hat Grenzen. Alles, was mit Sexismus, Rassismus, Ableismus oder irgendeinem anderen menschenverachtendem Scheiß zu tun hat, ist keine Meinung, keine Wertvorstellung, sondern blinde, logikfreie Ideologie. Und auch solche Leute gibt es im Hostel – und als ein Mann durch rassistische Äußerungen auffällt, stellen wir uns entschieden gegen ihn. Und das ist der kleinste gemeinsame Nenner, den wir brauchen. 

Vielleicht ist das eine romantische Vorstellung. Vielleicht funktioniert das Leben so nicht. Aber ich glaube, die Welt wäre eine bessere, wenn wir öfter unsere Bubble verlassen oder zumindest ihre Schale ein bisschen aufweichen würden. Was wir brauchen? Mehr safe spaces wie das Tree House auf Teneriffa. 


Von Alex (27): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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