Vor kurzem war ich neidisch auf eine Schnecke. Dabei haben Schnecken wirklich nicht viele beneidenswerte Eigenschaften: Sie sind langsam und glibschig und es besteht immer die Gefahr, dass sie von einem rücksichtslosen Kind, das seinen Fußball in der Spielplatzhecke sucht, zertrampelt werden. Nein, auf all diese Eigenschaften bin ich nicht neidisch. Dafür aber auf ihr Schneckenhaus, in das sie sich einfach jederzeit und überall zurückziehen können, wenn sie gerade nicht mit anderen Schnecken interagieren wollen.
Der Schnecken-Neid kam bei mir schon häufiger auf. Extrem war es wieder, als ich vergangene Woche mit einem Teil meiner Familie ein paar Tage in einem Yogahotel verbracht habe. Ich komme gerade aus der Sauna und will es mir an dem kleinen Pool gemütlich machen, als eine Stimme von rechts an mein Ohr dringt: „Hat gut getan?“ Die Frau, die gerade noch mit geschlossenen Augen zwei Liegestühle weiter entspannt hat, will plötzlich ein Gespräch führen.
„Die Sauna – hat gut getan?“ – „Ja, sehr!“
Souveräne Antwort!
„Sind Sie auch zum Yogamachen hier?“ – „Ja“
Immer noch souverän, aber jetzt reicht’s auch wieder.
„Ich mache hier eine kleine Umfrage dazu, gibt ganz unterschiedliche Gründe“ – „Ah ja, wirklich?“
Und jetzt eine Schnecke sein – ganz langsam zurückziehen…
„Mir gefällt es auch wirklich super: die Anwendungen, das Essen, die Yogastunden. Tut mir alles so gut“ – „Ja, wirklich super“
…weiter zurückziehen…
„Ich bin das erste Mal hier, aber sicher nicht zum letzten Mal“ – „Ah, schön“
… und komplett im Schneckenhaus verschwinden.
Alltägliche Interaktions-Challenges
Mein menschliches Nicht-Schnecken-Ich hat sich letzten Endes einfach zurückgelehnt, die Augen geschlossen und so das Gespräch beendet. Wenn ich ein bisschen weniger Schnecke und ein bisschen gesprächs-selbstbewusster wäre, hätte daraus aber vielleicht sogar eine tolle Interaktion werden können. Stattdessen wurde mir mal wieder schmerzlich bewusst, wie schwer es mir fällt, mit fremden Menschen zu sprechen.
Smalltalk kann aber auch einfach nervig sein – wahrscheinlich verstehen das sehr viele Leute. Bei mir geht das Problem bei der Interaktion mit Fremden aber noch ein bisschen weiter. Im Supermarkt streune ich lieber fünfzehn Minuten lang durch die Regalreihen, statt die Angestellten kurz zu fragen, wo sich denn die blöde Speisestärke befindet. Manchmal rufe ich sogar eine Freundin an, die Supermärkte durchgespielt hat und mir normalerweise genau sagen kann, wo sich das gesuchte Objekt finden lässt. Wenn ich mit Freund:innen unterwegs bin, warte ich liebend gerne ab, bis eine:r von ihnen nach einem Tisch im Restaurant, dem nächsten Platz an der Tischtennisplatte oder auch nur nach der Rechnung fragt. Ich bin währenddessen in meinem Schneckenhaus und strecke höchstens eines meiner langen Stielaugen heraus.
Die Kindheit ist schuld… natürlich!
Was genau mein Problem mit solchen sozialen Interaktionen ist, weiß ich selbst nicht so. Als ich vor kurzem mit meiner Mutter darüber gesprochen habe, hat sie die Verantwortung dafür auf sich, meine Kindheit und meine Familie genommen. Ich habe vier Geschwister, alle mindestens fünf Jahre älter als ich. Natürlich wussten sie schon immer mehr, hatten immer mehr zu sagen und wurden vielleicht manchmal auch mehr gehört. Meine Hobbypsychologin-Mama denkt, dass ich mir dadurch angewöhnt habe, mich eher zurückzuziehen und abzuwarten. Gleichzeitig hatte ich auch immer mindestens vier Personen in meinem Leben, die ich vorausschicken und hinter denen ich mich verstecken konnte.
„Wenn du im Freibad ein Eis wolltest und ich dir zwei Euro gegeben und gesagt habe, dass du selbst zum Eiswagen gehen sollst und dir eins holen, hast du lieber auf das Eis verzichtet, als mit dem Eisverkäufer sprechen zu müssen“, hat mir meine Mama in dem Gespräch auch erzählt. Letzten Endes ist sie (oder eines meiner Geschwister) dann doch immer mitgekommen, hat das Eis für mich bestellt und ich musste nicht lernen, mit fremden Menschen zu interagieren.
Erwachsene Schnecken allein in Köln
Tatsächlich glaube ich, dass Köln mir bei dieser Problematik – wie bei so vielen anderen Dingen – sehr guttut. Wenn mir nicht ein grantiger, bayerischer Kassierer entgegenstarrt, sondern eine kölsche Frohnatur am Ende des Kassenbandes sitzt, die sich noch kurz über das Wetter freut, kann ich inzwischen auch darauf einsteigen. (Nicht, dass alle Kassierer:innen in Bayern grantig wären, aber der grundsätzliche Vibe in Köln ist zumindest in meinem Umfeld schon sehr fremdenfreundlich).
Tagesformabhängig ist das Ganze auch: Mittlerweile gibt es einzelne Tage, an denen ich mich wie eine super selbstbewusste Nacktschnecke fühle, mein Schneckenhaus direkt zu Hause lasse und sogar eine ganze Zugfahrt lang mit einem fremden Mann quatsche. Während ich vor zwei Jahren meine Freundin aus dem Schneckenhaus heraus noch bewundert habe, als sie im Restaurant eine Flasche Wein für den Tisch bestellt hat und dabei „so erwachsen“ gewirkt hat, habe ich das mittlerweile sogar auch schon auf die Reihe bekommen. Vielleicht nicht unbedingt empfehlenswert, aber: Nach einem Glas Wein ist das Problem für mich auch wie aufgelöst. Dann kann ich mit jedem und allen interagieren und habe so gar keine Schwierigkeiten dabei.
Bye bye, Schneckenhaus
Und auch abgesehen davon weiß ich, dass das hier schon wieder Meckern auf ziemlich hohem Niveau ist. Ich komme im Alltag schließlich größtenteils super klar. Auf die Tischtennisplatte warte ich eben einfach ein bisschen länger, wenn ich die Speisestärke partout nicht finden kann, wird mein Tofu eben nicht so crunchy und vielleicht ist es manchmal gar nicht so schlecht, wenn nicht noch eine Flasche Wein für den Tisch bestellt wird. Gleichzeitig frage ich mich oft, welche bereichernden Momente, Gespräche, Bekanntschaften oder Erkenntnisse mir schon entgangen sind, einfach weil ich in meinem Schneckenhaus versteckt war.
Mein großes Ziel ist also, das Schneckenhaus öfter mal abzulegen oder gleich zu Hause zu lassen und mich auch nicht in den kleinsten Interaktionssituationen nach ihm zu sehnen. Mal sehen, von wie vielen lebensverändernden Gesprächen mit Supermarktkassierer:innen, neuen Tischtennisfreund:innen und Yogi-Tanten ich hier dann bald erzählen kann. Und nach der Sauna darf ich trotzdem weiterhin meine Augen zumachen und mal in meinem Schneckenhaus verschwinden. Das tut nämlich durchaus auch mal gut.

Von Lena (25): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Mal als wissbegieriges Kind, mal als aufmerksame Beobachterin und mal als politisch interessierte Journalistin.