Planlos im Scanner-Modus


Schon in der Grundschule haben sich bei vielen meiner Mitschüler*innen wegweisende Talente angekündigt. Bei einer guten Freundin von mir zum Beispiel konnte man so ein Talent bereits im Alter von sechs Jahren erkennen, als sie ein als solches erkennbares Pferd zu Papier gebracht hat, während meine mickrigen Pferdezeichnungen eher aussahen wie labbrige Auberginen mit Beinen. Diese gemalten Pferde haben sich bei meiner Freundin im Laufe der Jahre zu ziemlich realistisch aussehenden Zeichnungen von Menschen entwickelt; und mittlerweile arbeitet sie im Grafikbereich. Andere Kinder in meinem Umfeld wurden von Diktatweltmeister*innen zu Schriftsteller*innen oder von Hobbybandgröler*innen zu ernstzunehmenden Musiker*innen. Und ich? Ich war immer irgendwie da. Nicht besonders musikalisch, aber es haut einem auch nicht die Latte vor die Stirn, wenn ich einen Ton anschlage. Garantiert kein Picasso, aber die Zeichnung von einem Pferd kann man dann doch langsam als solche erkennen. Sprachlich schon überdurchschnittlich begabt, aber eben doch kein Platz auf der Spiegel-Bestseller-Liste.

Alles, aber nichts

Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte es auch in meinem Leben hin und wieder die Möglichkeit gegeben, eine mittelmäßige Begabung in eine kompetitive Bestrebung umzuwandeln. Als Teenagerin war ich zum Beispiel lange Mitglied im Schwimmverein, habe mir diverse Abzeichen erschwommen und wurde regelmäßig von der Schwimmtrainerin als „Potenzial“ bezeichnet. Spätestens aber als ich mehr als zweimal die Woche den Weg zum Schwimmbad hätte antreten müssen, um dieses „Potenzial“ in Wettkämpfen in eine zukunftsträchtige Aktivität umzuwandeln, empfand ich keine große Lust mehr, mich stundenlang durch das Chlorwasser zu bugsieren – und hab meine Schwimmkarriere samt Badeanzug einfach an den Umkleidekabinen-Haken gehängt. 

So ein zeitaufwendiges Hobby hat einfach nicht in meine Vorstellung von Freizeit gepasst, in der ich schließlich noch peinliche, hundertseitige Teenie-Romane schreiben musste oder Taylor-Swift-Songs in mein Handymikrofon trällern musste. Lange Zeit hat es mich auch nicht weiter gestört, dass ich eben viele Interessen und Hobbys hatte, für die ich aber allesamt nicht bereit war, mehr als ein paar Stunden in der Woche zu opfern. Bis diese vielen, manchmal eher halbherzigen Interessen spätestens in der Oberstufe dann doch zu einem Problem wurden. 

Ein Karriereweg mit Abzweigungen

Als ich irgendwann gegen Ende meiner Schulzeit darüber nachdenken musste, wie ich mir das Leben außerhalb der Schule eigentlich so vorstelle und vor allem, womit ich mir Laptop und Handy für zukünftige Schreib- und Gesangsprojekte eigentlich finanzieren will, war ich ziemlich überfordert. Während viele meiner Mitschüler*innen sich schon ziemlich konkret auf der Bühne, im Anwaltssessel oder vor der Tafel irgendeines Klassenzimmers sahen, taten sich in meiner imaginären Karrierelaufbahn sämtliche Abzweigungen auf: Lehrerin, Schriftstellerin, Journalistin, Moderatorin, Meeresbiologin, you name it. 

Glücklicherweise nicht ganz so konfus, aber keineswegs geradlinig, bin ich dann auch durch mein Kulturwissenschaftsstudium mit Abstechern zum Radio, zum Fernsehen, zum Einzelhandel und als Texterin an dem Punkt gelandet, an dem ich gerade stehe: Ich kann mich für so unendlich viel begeistern, hab auf ziemlich viel Bock, aber ehrliches, langfristiges Commitment für eins davon? Well… während diese multilateralen Interessen früher allenfalls für eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung gesorgt haben, kommen sie mir mittlerweile – insbesondere in Bezug auf meine Berufsvorstellungen – wie ein gigantisches Defizit vor.

Tausend Träume und keine Entscheidung?

Vor Kurzem hat mir eine Freundin ein Video bei Instagram geschickt, das nicht nur genau dieses Phänomen aufgegriffen hat, sondern Interessens-Chamäleons wie mir einen Namen gibt: Scanner-Persönlichkeit. Der Begriff stammt von der amerikanischen Autorin Barbara Sher und bezeichnet Menschen, die viele Interessen und Talente haben, lieber Neues erlernen, als Wissen anzuhäufen – und sich deswegen oft nicht so richtig entscheiden können. Barbara Sher hat sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“.

Je mehr ich mich mit Scanner-Persönlichkeiten beschäftigte, desto mehr scheinen ihre Attribute auf mich zuzutreffen – und desto überraschter bin ich, dass ich bis dato keine Ahnung hatte, dass es so etwas überhaupt gibt. Dass ich mich so oft deswegen schlecht fühle, ist nicht besonders verwunderlich, denn unsere Gesellschaft und insbesondere unser Arbeitsmodell ist zum großen Teil immer noch auf den Persönlichkeitstyp „Taucher“ ausgerichtet. Also auf Menschen, die einen tiefgreifenden Interessensbereich haben und sich in diesem sowohl in ihrer Freizeit als auch in ihrem Beruf ausleben können. 

Stärken eines Scanners

Zu verstehen, dass also nicht ich das Problem bin, sondern die Gesellschaft es Scannern wie mir nicht wirklich leicht macht, ist für mich in den letzten Wochen ein ziemlicher Trost gewesen. Vor allem ist es aber ein Punkt, an dem ich ansetzen und verstehen kann, wie ich diese vermeintliche Schwäche in eine Stärke umwandle. Vieles zu können und viele Interessen zu haben, ist in einigen Berufen nämlich absolut von Vorteil. Als Journalist*in zum Beispiel. Oder als Texter*in. Und irgendwie ist das doch auch ein Full Circle Moment, dass ich jetzt gerade meiner Leidenschaft als Texterin nachgehe. Es gibt außerdem gute Nachrichten für Scanner: Home-Office, Selbständigkeit und andere flexible Arbeitsmodelle sorgen dafür, dass wir uns nicht mehr zwangsläufig entscheiden müssen – und zum Beispiel Arbeiten und Reisen gleichzeitig möglich sind. Außerdem führt der gesellschaftliche Trend weg von der Mono-Beruflichkeit hin zu vielen verschiedenen Jobs, die wir im Laufe des Lebens ausführen. Ganz abgesehen davon, dass der Job bei vielen Menschen ohnehin nicht mehr das Zentrum ihres Lebens einnimmt. Stichwort work-life-balance ‒ alles super für mich und meine Scanner-Kolleg*innen. Da bleibt vielleicht in Zukunft mehr Freizeit, um so richtig den Scanner rauszulassen. 


Es gibt übrigens nicht nur einen, sondern verschiedene Scanner-Typen. Wer sich hier wiederfindet, sollte unbedingt mal in diesen Artikel reinlesen.


Von Alex (27): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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