Ab ins Schneckenhaus: Wenn die Luft zum Atmen fehlt

Oft bricht es mir das Herz, meine eigenen Grenzen zu kommunizieren – zumindest im romantischen Kontext. Die Vorstellung, jemanden durch Zurückweisung vor den Kopf zu stoßen und damit zu verletzen, ist eine, mit der ich einfach null klarkomme. Einem Menschen, der zum Beispiel mehr Nähe braucht als ich, die Frage „Bin ich dir zu viel?“ mit „Ja, bist du gerade. Bitte gib mir Freiraum“ zu beantworten, was die reine Wahrheit wäre: Horror für mich. Vor allem deswegen, weil ich selbst schon mal erlebt habe, wie es sich anfühlt, jemand anderem zu viel zu sein – wenn auch auf eine andere Art „zu viel“. Wenn Gefühle im Spiel sind, wünsche ich das wirklich niemandem.

Eine kleine Roboterschnecke

Und deswegen dehne ich meine eigenen Grenzen aus – um die ich innerlich ganz klar weiß – wie ein riesiges, elastisches Gummiband. Ich halte Nähe aus, die ich eigentlich gerade nicht fühle und bin danach mental ausgelaugt, entfremdet und desillusioniert. Dann ziehe ich mich für ein paar Tage zurück in mein Schneckenhaus, in dem ich meine Akkus auflade wie eine kleine Roboterschnecke, und danach bin ich wieder bereit, über meine Grenzen hinaus zu kriechen. 

Immer, wenn es mir wieder zu viel wird, rasen das Bedürfnis nach Freiheit, die Angst vor Bindung und die Angst vor zu viel Intensität durch meinen Kopf. Ich liege bei jemandem im Arm und denke währenddessen daran, wie ich in Barcelona mit anderen Leuten Party mache.

Das ist funny, weil normalerweise immer ich es bin, die an Männern kleben bleibt, die genau das haben: das Bedürfnis nach Freiheit und die Angst vor Bindung und vor zu viel Intensität. Und bei diesen Männern hatte ich diese negativen Gedanken komischerweise nie. Vielleicht kann es in einer näheren, zwischenmenschlichen Beziehung immer nur einen geben, der Bindungsängste hat. Bei den Männern, die richtig Bock auf Commitment, Nähe und Intensität haben, bin diese panikschiebende Person dann ich. Ein Teufelskreis.

1 Adler, den man versucht, einzusperren

Woher kommt diese Angst vor zu viel zwischenmenschlicher Intensität? Ist es normal, dass sich das so komisch anfühlt, wenn man sich richtig auf jemanden einlässt? Bin ich einfach überfordert, sobald jemand mal keine Bindungsängste hat und mutiere dann zum Adler, den man versucht, einzusperren? Empfinde ich manche Verhaltensweisen nur deswegen als grenzüberschreitend, weil ich Commitment-Bereitschaft nicht gewohnt bin? Auch wenn es sich so überfordernd anfühlt? Ich glaube, dass man nicht alles erklären kann und auch nicht muss. 

Woran ich aber auf jeden Fall auch glaube, sind Körpersignale. Wenn unsere Körper uns zeigen, dass etwas nicht stimmt (und das können sie ja gut: Druck auf der Brust, Atemnot, eklige Adrenalinschübe, Hitzewallungen, Schwermütigkeit, Taubheit, Übelkeit…), dann sollten wir sie ernstnehmen und nicht wegignorieren. Letzteres tue ich leider viel zu oft, nur um andere nicht geknickt zu sehen.

Wenn mir etwas oder jemand zu viel wird, denke ich regelmäßig „Mit der richtigen Person hättest du dieses Gefühl von Eingeengt-Sein nicht.“ Aber was macht diese „richtige Person“ (ich gehe übrigens nicht davon aus, dass es nur eine gibt) denn bitte aus? Optimal wäre ja eigentlich ein Mensch, der keine Panik in mir auslöst und in dem auch ich keine auslöse. Vielleicht gibt es den ja irgendwo.

Den Faden weiterspinnen

Dieser Text hat kein konstruktives Ende. Weil ich tatsächlich keine Lösung für dieses Problem parat habe. Wahrscheinlich irgendwas in Richtung „Communication is key“, jaja. Vielleicht sollte ich den Faden mal weiterspinnen und mir überlegen, was passieren würde, wenn ich meinem Gegenüber meine Grenzen in Worten serviere wie eine perfekte Portion Nudeln mit Tomatensauce. Aber das richtige Verhältnis von Nudeln und Sauce zu finden – immer so eine Sache…

Vielleicht sollte ich die innerlich aufsteigende Panik und die Schweißausbrüche überwinden und es einfach aussprechen, ohne zu fürchten, dass dann das Ende der Welt gekommen ist und ich mein Gegenüber für immer in seinem Ego gebrochen habe. Vielleicht würde die Person das sogar verstehen und sich dann zurücknehmen. Aber will ich, dass mein Gegenüber sich für mich zurücknimmt? Vielleicht wäre es eine Art Kompromiss, mit dem beide leben können. Aber macht sowas glücklich? Ich hab keine Ahnung.


Von Fee (30): Während Fee sich früher noch Kurzgeschichten über böse Punker ausgedacht hat, schreibt sie heute als Journalistin lieber Texte über die Gefühle ihrer Generation, über gesellschaftliche Missstände und inspirierende Menschen. Manchmal macht sie auch einen Fernsehbeitrag darüber. Ihr Mitbewohner sagt, sie wäre etwas zu vorwitzig und sollte weniger Fragen stellen, aber sie sieht das anders. Immer am Start: Empathie, der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen und Hündin Martha.

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