Die Anime-Falle


„Ich muss unbedingt One Piece weiterschauen; habe ich früher geliebt!“ – „Ja voll, ich habe mir früher eh alle möglichen Animes reingezogen“ – „Controversial opinion: Ich fand Jojo’s bizarre adventure so gut!“ – „Nee, da bin ich gar nicht reingekommen“ – „Durch die ersten zehn Folgen muss man sich ein bisschen kämpfen, aber dann wird das richtig nice!“ – „Hm. Wie stehst du so zu Animes?“

Vier Augenpaare sind auf mich gerichtet und der Bissen von meinem Brötchen, auf dem ich gerade noch gemütlich herumgekaut habe, fühlt sich plötzlich unschluckbar an. Eben habe ich noch in mich hineingelächelt und mir gedacht, dass ich in meinem Leben noch nie so viele Menschen über Animes habe reden hören wie bei meinem Studi-Job. Es gibt wohl eine Korrelation zwischen Tech- und Anime-affinen Menschen – wer hätte das gedacht? Aber jetzt wollen sie mit MIR über Animes reden und ich habe so gar keinen Plan.

Unangenehme Unausweichlichkeiten

Wie bin ich also überhaupt in diese Situation geraten? Tatsächlich schien es für mich die angenehmste der unangenehmen Situationen zu sein. Choose your fighter – welches Mittagspausen-Szenario wählst du?

  • Du verbringst die Mittagspause alleine an einem Tisch im großen Pausenraum, in dem sonst alle mindestens zu zweit sitzen.
  • Du setzt dich an einen Tisch mit Personen, die sich ausschließlich über Themen unterhalten, von denen du keine Ahnung hast, weshalb sie nicht mit dir sprechen und du dich als schweigende Beobachterin fehl am Platz fühlst.
  • Du sitzt mit denselben Menschen am Tisch und wirst auf deine offensichtlich riesigen Wissenslücken angesprochen.

Letzten Endes ist in meinem Fall aus der dritten Situation sogar noch ein ganz witziges Gespräch entstanden. Ich habe meine Anime-Ahnungslosigkeit zugegeben, mir wurde erklärt, dass Heidi ja auch ein Anime sei und ich habe einige Einstieg-Anime-Vorschläge bekommen (deren Namen ich natürlich alle schon wieder vergessen habe – sorry an meine Kolleg:innen an dieser Stelle). Also eigentlich gar keine so schreckliche Situation, trotzdem ist sie mir im Kopf geblieben.

Dieses Gefühl, einfach nicht mitreden zu können, hatte ich in letzter Zeit in vielen Situationen: Wenn sich Freund:innen über das beste Karottenkuchen-Rezept austauschen, wenn meine Mitbewohner:innen über DIE zehn Filme sprechen, die man ja unbedingt gesehen haben muss oder es in der WhatsApp-Gruppe um irgendeinen Indie-Roman geht, den schon jede:r gelesen hat. Viele Gespräche, bei denen ich mich einfach außen vor gefühlt habe. 

“Coole” Themen und “coole” Menschen

Als ich einer Freundin von der Anime-Mittagspause-Situation erzählt habe und sie meinte, ihr ginge es auch oft so, musste ich mir erst mal das Lachen verkneifen. Für mich hat sie immer und zu jedem Thema etwas zu sagen und meistens ist das auch noch gehaltvoll oder zumindest witzig. Trash TV war dann ihr Beispiel für ein Thema, von dem sie keinen Plan hat. Und gut, da kann ich zurzeit wirklich mitreden. Aber Temptation Island und Are you the one sind in meinem Kopf irgendwie nicht so relevante Themen wie Animes, Indie-Romane, DIE zehn Filme oder auch Karottenkuchen-Rezepte.

Und jetzt oute ich mich hier mal hart: Nicht nur zu Trash TV, auch zu Taylor Swifts Eras Tour, jeglichen TikTok Trends und jeder einzelnen Folge von How I met your mother könnte ich in Gesprächen so Einiges beitragen. Wenn eines dieser Themen doch mal in einer Gesprächsrunde auftaucht, an der ich teilhabe, halte ich mich aber immer zurück. Irgendwie widerstrebt es mir, mit diesen Themen assoziiert zu werden.

In meinem Kopf scheint es „coole“ Themen zu geben, über die „coole“ Menschen sprechen und von denen ich größtenteils keine Ahnung habe. Und dann gibt es die Themen, von denen ich Ahnung habe, bei denen ich mitreden könnte, bei denen ich mich aber selbst zensiere, weil sie ja „uncool“ sind. Und ich bin doch cool. Natürlich.

Bad Connection?

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie ich es mit diesen Grundvoraussetzungen überhaupt noch schaffe, mit Menschen zu connecten und Gespräche zu führen. Und ich glaube, da ist der Knackpunkt: Manchmal ist es egal, zu welchen Themen man etwas zu sagen hat, von welchen man noch nie gehört hat und zu welchen man lieber schweigt. 

Connecten kann man auch über Vibes, die man eben einfach so ausstrahlt. Die Anime-Gruppe hat mich zumindest nach der für mich so unangenehmen Mittagspause noch zu ihrem Slack-Channel hinzugefügt, Karottenkuchen und Indie-Roman-Tipps teilen meine Freund:innen weiterhin mit mir und obwohl ich immer noch keinen einzigen von DEN zehn Filmen gesehen habe, wurde ich noch nicht aus meiner WG geworfen.

Es gibt wohl kaum Menschen auf dieser Welt, die zu allem irgendwas zu sagen haben. Und wenn doch, würde ich mich bei ihnen wahrscheinlich fragen, wie gehaltvoll das, was sie sagen, noch ist. Häufig ist es auch okay, zu einem Thema zu schweigen, die eigene Ahnungslosigkeit zuzugeben (so schwer mir das auch manchmal fällt) oder einfach mal zuzuhören und Neues zu lernen. Zumindest wissen wir jetzt alle, dass Heidi auch ein Anime ist. Und ohne „unangenehme“ Mittagspausen hätte zumindest ich das wahrscheinlich nie erfahren.


Von Lena (25): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.

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