Schlaflos in Köln


Liegen Sie nächtelang wach? Haben Sie seit Wochen Probleme, einzuschlafen? Oder wachen Sie ständig auf? Dann ist hier die Lösung. Die neuen Melanin-Baldrian-Schlaf-Komplex-Tabletten!

Neben der rechteckigen Pillenschachtel, auf die ein rosa blühendes Gewächs neben gelben ausgemalten Sternen abgedruckt ist, steht eine Frau. Im Verhältnis zur Schachtel unrealistisch groß. Das unnatürlich breite Lächeln entblößt schneeweißen Zähne. Sie wirkt ein bisschen zu fröhlich dafür, dass sie wochenlang schlecht geschlafen hat. Vielleicht ist sie auch einfach nur unglaublich glücklich darüber, dass ihr Gesicht jetzt Seite 3 der Apotheken Umschau ziert. 

So oder so ähnlich sieht das rechteckige Werbebanner aus, das ich irgendwann in meiner Schulzeit beim Durchstöbern des Apotheken-Heftchens am Küchentisch fasziniert betrachte – erschüttert darüber, dass „Nicht-Schlafen-Können“ tatsächlich ein Problem sein kann. Als Kind und auch als Jugendliche konnte ich nie nicht schlafen. Klar gab es Abende, vornehmlich vor Mathearbeiten oder anderen Panik auslösenden Situationen, in denen ich mich länger im Bett hin und her gewälzt habe. Aber geschlafen habe ich irgendwann immer. Und das liebend gerne, viel und meistens auch ausgezeichnet gut.

Unbelastbares Wrack mit Augenringen bis ins Nirwana

Vor ungefähr anderthalb Jahren liege ich das erste Mal eine ganze Nacht wach – unfreiwillig, ohne Alkohol intus, nicht auf irgendeiner Party dem Sonnenaufgang entgegen tanzend. Dafür schweißgebadet, meinen Körper in tausend verschiedene Richtungen drehend mit angsterfülltem Kopf, Panik vor der Zeit. Vor dem Weckerklingeln, das mich in 4 Stunden erwartet, weil ich einem Bekannten bei einem Videodreh aushelfe. Noch 3 Stunden. 2. 1. Ring. Ring. Völlig verballert stehe ich auf, der Kopf leer, Augenringe bis ins Nirwana, mich fragend, was zur Hölle mein Körper eigentlich für ein Problem hat. 

Anfangs stempel ich das als einmalige Situation ab. Schiebe es auf meinen Zyklus. Auf den Mond. Passiert halt. Der darauffolgende Tag ist belastend, aber irgendwie überlebe ich ihn mit ein paar mehr Tassen Kaffee intus. Aber zwei Wochen später passiert es wieder. Ich befinde mich gerade in meiner Ausbildung für das Campusradio und trete meine erste Morgensendung ohne Schlaf an. Diese Nacht stecke ich das nicht so gut weg. Als ich um 4 Uhr noch wachliege, packt mich tiefe Verzweiflung. Ich heule, beruhige mich, habe Herzklopfen, stehe auf, dusche, mache die Augen zu – und heule wieder. Die Nacht wiederholt sich. Fast 3 Monate schlafe ich schlechter oder gar nicht vor der Morgensendung. Es zerrt an mir. Ich bin geschlaucht, nah am Wasser gebaut, super empfindlich und wenig belastbar. 

Die Panik vor der Panik

Längst befinde ich mich in einem Teufelskreis. Ich bin nicht nur oft schlaflos, sondern ich entwickle eine Angst vor dem Schlafengehen, genauer vor dem Nicht-Schlafen-Können. Noch genauer, vor dem Nicht-Funktionieren am nächsten Tag. Und realisiere langsam, dass genau daher das Problem rührt. Meine Schlafstörung fällt in eine Zeit, in der ich ziemlich viel um die Ohren habe: Campus-Radio-Ausbildung, Bloggründung, Studium, Fernbeziehung. Dinge, die mir oft Spaß bereiten – mich aber in Kombination auch unendlich stressen. Aber mein Körper unterscheidet nicht mehr zwischen spaßigen und weniger spaßigen Aktivitäten. Ich schlafe nicht, wenn ich früh zur Arbeit muss. Ich schlafe nicht, wenn ich am nächsten Tag auf eine Hochzeit eingeladen bin. 

Meine Schlafstörung und die damit verbundene Angst vor dem Schlafen sind ein ernstzunehmendes Warnsignal meines Körper geworden. Das zu verstehen, hat mich einige Therapiesitzungen, viele Tränen und ein Dutzend schlaflose Nächte gekostet. Mittlerweile befinde ich mich in einer weniger stressigen Lebensphase, liege immer seltener wach – aber die Panik vor der Schlaflosigkeit ist mir geblieben. Ab und zu, wenn ich weiß, dass am nächsten Tag irgendwas ansteht, schlafe ich immer noch schlecht – oder gar nicht. Weil ich mir schon Tage vorher ausmale, wie ich heulend nachts wach im Bett liege und am nächsten Tag wie ein Geist durch die Stadt stolpere. 

Gedankenkarussell

Ich habe dank meiner Therapeutin gute Mechanismen gefunden, um mit meiner Schlafangst umzugehen und mein Gedankenkarussell wenigstens ein bisschen zu entschleunigen. Am meisten hilft es mir, den Druck rauszunehmen – mit dem Gedanken, dass mein Körper auch ohne Schlaf funktioniert. Das hat er in den letzten Jahren dutzende Male bewiesen. Klar, bockt nicht, völlig verschallert auf einer Messe zu arbeiten, aber wozu gibt es Mate. Außerdem braucht mein Körper Routinen – Schlafhygiene nennt man das. Ich brauche jeden Abend die gleichen Rituale – Fenster auf, Zähne putzen, Lesen – damit mein Körper abends weiß, dass Schlafen angesagt ist. Dass Handy- oder Netflixkonsum vor dem Schlafen der Teufel ist, muss ich wohl nicht erwähnen.  

Auch mit der perfekten Schlafhygiene, aber einem anstrengend Tag vor mir, liege ich noch ab und zu wach. Aber es wird weniger. Ich komme mittlerweile besser darauf klar – und finde meistens doch irgendwann in den Schlaf. Geheult habe ich wegen einer schlaflosen Nacht lange nicht mehr. Und hoffe sehr, dass das so bleibt. 

Ich bin nicht geheilt. Ich habe immer noch Nächte, in denen ich mir meine selbstauferlegte Prophezeiung der Schlaflosigkeit erfülle. Aber ich kann jetzt besser damit umgehen.


Von Alex (26): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.

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