Was macht ein erfülltes Leben aus? Diese Frage muss jeder Mensch für sich allein beantworten. Alle sind anders und das ist wunderschön. Bei mir ist es so, dass ich mein persönliches Glück, seit ich denken kann, an bestimmten Faktoren festmache, ohne die es in meiner Vorstellung nicht geht. Aber wer dermaßen hohe Ansprüche an diese einzelnen Faktoren stellt, wie ich es tue, wird vermutlich immer auf der Suche sein und niemals ankommen.
Die letzten acht Jahre waren für mich eine Reise – hin zu einem großen Ziel: fertig ausgebildet zu sein und ins „richtige Leben“ zu starten. Aber ein cooles Leben bitte, eins, das mich glücklich macht. Mit meinem Traumjob, mit genug Freizeit, mit aufregenden Reisen und vielleicht manchmal mit jemandem zum Kuscheln. Kaum hoch gegriffen, in einer Welt, in der es vielen Menschen wirklich schlecht geht. Wenn ich mich mit dem Leid in der Welt und den Geschichten von Menschen beschäftige, die beispielsweise in einem Kriegsgebiet leben, schäme ich mich für diese Gedanken. Trotzdem gehören sie zu meiner Lebensrealität.
Und es zeigt sich, dass dieser Mix aus Idealvorstellungen auch für mich als privilegierte Person gar nicht mal so leicht zu erreichen ist. Denn meine Latte bei jeder einzelnen dieser Glückscocktail-Zutaten liegt unrealistisch hoch. Somit wird’s eher ein Depresso Martini.
Traumjob?
So schwer kann das nicht sein, schließlich lebe ich in einer Medienstadt. Ich möchte mich kreativ ausleben, nicht unter- aber auch nicht überfordert sein, finanziell unabhängig, nicht Köln verlassen müssen, liebe, empathische Kolleg:innen haben uuund es wäre schön, wenn ich meinen Hund mitbringen dürfte. Ansonsten sollte bitte auch mobiles Arbeiten möglich sein. Kein Lokaljournalismus und keine Promi-News bitte, auch kein Radio, und eigentlich auch nicht schon wieder so viel Social Media.
Hm. Ganz schön viele “Keins” und “Nichts”.
Genug Freizeit?
Wenn man Vollzeit arbeitet, was ich gerade tue, merkt man erst mal, wie schlecht ein Mensch sich fühlen kann, wenn er an seinem Feierabend einmal nichts tut. Denn eigentlich beginnt doch da der spaßige Teil des Lebens, den man nutzen muss, in dem man alles machen kann? Die ganzen Hobbies ausleben (in meinem Fall Zeichnen, Malen, meinem Hund Tricks beibringen, weirden Shit basteln, Musik machen und Backen).
Aber das ist bei mir aktuell leider sowas von gar nicht das wahre Feierabend-Leben. Stattdessen gehe ich einkaufen, Gassi, wasche Wäsche und erledige Papierkram. Manchmal putze ich mein Bad. Halt alles nachholen, was ich tagsüber nicht erledigen konnte, weil ich arbeiten musste. Und falls ich dann noch Power hab (Spoiler: nicht so oft), chille ich noch mit meinen Freund:innen.
Dieser Freizeitmangel wird dann am Wochenende oft mit langen Nächten kompensiert und der Sonntag gehört dem Kater und vielleicht noch einem kuschligen Tatortabend mit meiner WG. Und am Montag geht’s von vorne los. Soll das jetzt mein Leben sein??
Hm hm, ganz schön viel Selbstmitleid.
Aufregende Reisen?
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal im Meer geschwommen bin. Gesehen habe ich es in den letzten Jahren ab und zu mal kurz, und 2021 stand ich eine halbe Stunde bis zur Hüfte drin, als ich mit meiner Familie an der Ostsee war. Richtig drin geschwommen bin ich seit ziemlich vielen Jahren nicht.
Dabei liebe ich das Meer und bin außerdem ganz generell unglaublich neugierig auf die Welt und fremde Kulturen. Ich träume seit Jahren immer wieder davon, für ein Tierschutzprojekt mal im Ausland zu arbeiten, zum Beispiel auf einer Farm in Neuseeland oder in einer Seevögel-Auffangstation in Südafrika – aber das ist zeitlich und finanziell nicht drin.

Ich wäre auch schon mit etwas happy, was weniger ambitious ist. Hauptsache mal mehr von der Welt sehen. Doch wenn man nicht weiß, wie es beruflich weitergeht, weil man dauerhaft in irgendwelchen Kurzfristverträgen hängt, weil man einfach nicht diesen einen Traumjob findet, (der in meinem Kopf auf jeden Fall eine Vollzeit-Festanstellung sein muss), kann man schlecht Reisen planen.
Hm hm hm, ganz schön viel “geht eh nicht”.
Jemand zum Kuscheln?
Yes please, aber dann muss bitte auch der Humor passen, Mario-Barth-Witze gehören nicht in mein Bett. Auf Polohemden, Bärte und Axe Alaska steh ich auch nicht, mindestens 1,85 wären gut, und wenn er Zwinker-Emojis benutzt, kann die Hose aber direkt sowas von anbleiben. Ohne Connection geht’s dann doch nicht, und anscheinend brauche ich dafür viel. Zu viel? Das Falsche?
Hm hm hm hm, ganz schön viele Oberflächlichkeiten.
Bei anderen sieht alles so einfach aus
Was das Ganze nicht besser macht: LinkedIn-Posts von ehemaligen Kommiliton:innen oder Arbeitskolleg:innen, die Journalistenpreise abräumen. Oder irgendwelche Leute, die süße Couplepics bei Instagram posten, die aber nicht cringe sind, weil sie tatsächlich süß sind – und aufgenommen wurden, als die beiden es nicht gemerkt haben. Oder in orangefarbenes Sonnenlicht getauchte Insta-Stories einer Freundin, die in Indien am Strand zu sich selbst findet.
Mir ist klar, dass Social Media nicht die Realität abbildet und alle Menschen ihre Baustellen haben. Aber dann tappt man ja doch trotzdem in die Falle und es scheint, als wüssten alle anderen, wo sie hingehören, zumindest in manchen Bereichen ihres Lebens.
Während in meinem Hirn seit Monaten nur panischer Pudding rumwackelt, mit dem diese eine Riesenfrage einhergeht, auf die ich einfach keine Antwort weiß: „Wer bin ich, wenn ich mich nicht durch meinen Traumjob oder meine Hobbies definieren kann?“
Und dann schallt es hinterher: „Ich bin bald 30, ich muss endlich in der Zufriedenheit ankommen!“ Aber wie zum F*** geht das?
Für immer rastlos?
Ich bin nach wie vor der Meinung: Hohe Ansprüche zu haben, ist nicht per se schlecht. Wieso sich mit etwas zufriedengeben, das einem nicht das gibt, was man braucht?
Aber manchmal habe ich das Gefühl, ich jage in sehr vielen Dingen einer perfektionistischen Vorstellung hinterher, deren Erfüllung es im realen Leben niemals geben wird. Und dass ich, wenn ich damit nicht aufhöre, für immer rastlos bleiben werde. Weil mir niemals irgendetwas gut genug sein wird.
Deswegen müssen Lösungen her. Ich bin noch auf der Suche nach Antworten und werde vermutlich auch noch Zeit dafür brauchen. Aber ich möchte an meiner Definition von Glück feilen und versuchen, alte Denkmuster loszuwerden, die nicht gut für mich sind. Und vielleicht gibt es dann ja bald mal zur Abwechslung Lucky Macchiato zum Frühstück.
Vielleicht kann ich mir klarmachen, dass ein Job auch nur ein Job ist und mich nicht als ganze Person ausmacht.
Vielleicht weniger andere darum beneiden, was sie haben und stattdessen dankbarer für meine Privilegien und Möglichkeiten sein.
Vielleicht mehr Geld zur Seite legen, um doch noch irgendwann Schildkröten in Indonesien zu retten.
Vielleicht mal jemanden mit Bart küssen und merken, dass das gar nicht so schlimm ist.

Von Fee (29): Während Fee sich früher noch Kurzgeschichten über böse Punker ausgedacht hat, schreibt sie heute als Journalistin lieber Texte über die Gefühle ihrer Generation, über gesellschaftliche Missstände und inspirierende Menschen. Manchmal macht sie auch einen Fernsehbeitrag darüber. Ihr Mitbewohner sagt, sie wäre etwas zu vorwitzig und sollte weniger Fragen stellen, aber sie sieht das anders. Immer am Start: Empathie, der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen und Hündin Martha.