Let it go, let it go, can’t hold it back anymore… Ich wünschte, ich wäre fähig gewesen, ohne monströsen Ohrwurm in diesen Text einzusteigen. Aber der Frozen-Banger hat sich mir beim Schreiben wirklich jede Sekunde so penetrant in den Kopf geschlichen, dass ich ihn jetzt einfach zur Beitrags-Hymne erkläre. Und wenn ich genauer drüber nachdenke, hat auch selten jemand besser ausgedrückt als Elsa, wie krass befreiend Loslassen sein kann – und wie unausweichlich nötig das manchmal ist. Hätte sie dann noch erklärt, wie schnell man Loslassen mit Aufgeben verwechseln kann, wären mir vielleicht einige psychische Tiefpunkte in meinem Leben erspart geblieben.
Hamburg war für mich lange Zeit der absolute Inbegriff einer Traumstadt. Als Kind war ich öfter dort, weil mein Papa in der Nähe gearbeitet hat und ich mit meiner besten Freundin manchmal ihren Vater besucht habe. Fischbrötchen und die Moin-trällernden Fischbrötchenverkäufer:innen, die geheimnisvolle Reeperbahn (samt ihrem Penny-Markt) und einfach alles, was irgendwie den Begriff „Hafen“ im Namen hatte, haben in mir absolute Euphorie ausgelöst. Ich hab‘ mich da gesehen, mit einem Astra in der Hand an der Alster, meine Nordlicht-Tasche am Arm baumelnd von irgendeinem hippen Fernsehsender nach Hause spazieren. Einige Jahre später gab’s für mich dann nen heftigen reality check, als ich für ein dreimonatiges Praktikum tatsächlich in Hamburg gewohnt habe – und an dessen Ende leider wenig übriggeblieben ist von dieser Magie, die Hamburg für mich immer umgeben hat. Diese Erkenntnis hatte weniger damit zu tun, dass Hamburg keine tolle Stadt ist, sondern dass sie in dieser Lebensphase einfach nicht zu mir gepasst hat – und ich sie irgendwie auch nicht mehr so gefühlt habe.
Gefühlsgrummeln

Dieses einfach nicht so fühlen konnte ich lange nach dem Praktikum nicht richtig einordnen – und noch weniger richtig definieren. Wenn ich daran gedacht hab, langfristig nach Hamburg zu ziehen, hatte ich einfach ein weirdes Gefühl im Bauch. Aber hat man ja ständig, nach fettigem Essen, oder zu viel Sekt. Wie viel kann ich also auf so eine komische Flauheit geben, wenn diese perfide Stimme in meinem Kopf ständig schreit: AbER DaS WOllTeSt Du DocH iMmEr. HiEr KaNNsT Du VoLl vIeL ErrEiCheN. Und ernsthaft, wie viel können drei labbrige Monate in einem unterbezahlten Praktikum schon über das Feeling in einer ganzen Stadt aussagen? Der Gedanke, meine Pläne einfach so wegen eines seltsamen Gefühlsgrummelns zu verwerfen, hat sich furchtbar falsch angefühlt. Vor allem aber hat es sich angefühlt, als würde ich einen Traum aufgeben, ohne ihn auch nur ansatzweise gelebt zu haben.
Oder war das vielleicht gar kein Traum, sondern nur eine Idee, die ich nicht aufgegeben, sondern nur losgelassen habe?
Aufgeb-Rezepte
Meine Hamburg-Anekdote ist ein bisschen wie ein Rezept, in dem ich beliebig Komponenten austauschen kann und aus der dann eine ganz andere Story aus meinem Leben wird. Eine Beziehung zum Beispiel, an der ich ziemlich lange festgehalten habe, weil ich besessen von der Idee unserer Geschichte war, die ich mir viel zu lange in meinem Kopf ausgemalt habe. Weil sich 17-jährige Köpfe schräge Dinge ausdenken, einfach zu beeindrucken sind und nicht verstehen, wie toxisch das gerade alles ist – ganz zu Schweigen von dem Begriff “toxisch” selbst. Ich hatte trotzdem irgendwann die Kraft, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Lange mit diesem Sekt-Essen-Gefühl im Bauch: „Ich gebe das jetzt auf“. Ich gebe auf, was hätte werden können, aber doch eigentlich nie war.
Erst vor kurzem hatte ich das Gefühl, mein Kindheits-Ich zu verraten. Eigentlich die komplette Schulzeit über war ich felsenfest davon überzeugt, Journalistin werden zu wollen. Jetzt habe ich einen Agenturjob. Obwohl ich in dieser Entscheidung eigentlich jeden Tag bestärkt werde und ich meine journalistische Laufbahn auch eigentlich nur erstmal pausiert habe, verurteilt mich ein kleiner Teil in mir dafür. Nur schwer kann ich mich davon überzeugen, dass mir diese Entscheidung, wie eigentlich alle „Aufgeb-Entscheidungen“, eine Menge Last von den Schultern nimmt.
Ehre dem Loslassen
Aufgeben als etwas Positives, Starkes und Befreiendes anzusehen, ist gar nicht so einfach. Und vielleicht fängt es schon mit dem Begriff selbst an. Aufgeben suggeriert irgendwie Schwäche, weil es bedeutet, dass wir nicht genug Kraft haben, etwas festzuhalten. In den seltensten Fällen ist das so. Viel öfter ist das, was wir als Aufgeben bezeichnen, nämlich eigentlich Loslassen. Sich von etwas trennen, an dem man eigentlich ganz schön hängt. Dabei ist es egal, ob es um elementare Dinge wie einen vermeintlichen Traumjob oder eine Partnerschaft geht – oder nur um den alten verranzten Teddy von Oma, der eigentlich sowieso nur noch von Motten zerfressen als Staubfänger in der Ecke liegt. Loslassen ist eine verdammt harte, verdammt starke Angelegenheit. Aufgeben tut man höchstens Pakete und Hausaufgaben.
Ich bin absolut kein Loslass-Profi. Ich kann mich nur schwer von meiner alten Kinderbettwäsche trennen und tief in mir habe ich die Hamburg-Geschichte immer noch nicht ganz abgeschrieben. Und vielleicht ist das auch okay, weil Loslassen auch nicht ultimativ sein muss. Wer weiß, vielleicht fühl ich’s ja irgendwann doch wieder. Wenn ich loslasse, kann ich wieder festhalten. Wenn ich aufgebe, dann wars das halt.
Tribute an Elsa
Zu versuchen, Loslassen als Stärke zu begreifen, hat mir irgendwie geholfen. Weil es Raum in meinem Kopf geschaffen hat; weil ich vermeintliche Lebensträume mehr als Ideen wahrnehme, von denen ich mich befreien kann, wenn sie mit meiner Lebensrealität aktuell vielleicht gar nicht kompatibel sind. Weil ich meine Gefühle mehr einordne und checke, dass diese Leistungsgesellschaft “Loslasser:innen” lieber als “Aufgeber:innen” deklariert. Tja, macht eben so wunderbar herrlich Druck. Lets be different. Nur für uns.
An dieser Stelle möchte ich dann nochmal kurz auf den Film Frozen und Elsas „Let it go“ verweisen, damit hier auch wirklich keiner ohne Ohrwurm rausgeht. Und weil so ein Disney-Film manchmal eine herrliche Leichtigkeit ins Leben zurückbringen kann, die in dieser verbissene „Aufgeb“-Welt manchmal fehlt.

Von Alex (26): Alex schreibt am liebsten über Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse, nachdem sie ihre eigenen Gossip Girl-Romane hinter sich gelassen hat. Sie hat es drauf, so zu schreiben, dass man sich abgeholt fühlt und relatet, obwohl man vorher vielleicht nicht wusste, dass man das gefühlt hat; geschweige denn, wie man es hätte ausdrücken sollen. Mit ihrer ansteckenden guten Laune ist sie ein richtiger Herzensmensch, der fantastische Rotwein-Spaghetti zaubern kann.