Ich erfahre schon mein Leben lang, was es heißt, eine Frau in dieser Welt zu sein. Trotzdem waren mir Begriffe wie „Feminismus“, „Sexismus“, „Patriarchat“ und vor allem das Verständnis dafür, was dahinter steckt, sehr lange fremd. Doch je älter ich werde und je mehr Wissen ich jetzt darüber habe, desto mehr verstehe ich, was ich früher nicht verstanden habe. Was sich zwar schon immer mit einem beklemmenden Alarm-Gefühl in mir geäußert hat, für das ich aber keine Worte und erst recht keine Erklärung hatte. Und je mehr ich jetzt zuordnen kann, desto geschockter und ängstlicher bin ich. Vor allem aber bin ich wütend.
Von Schuhen zu Sexismus
Vor ein paar Wochen scrolle ich, auf der Suche nach neuen Schuhen, durch Vinted und Ebay und stoße schon nach wenigen Minuten auf den erhofften Schnapper. Weil ich ein bisschen misstrauisch bin, schreibe ich den Verkäufer – nennen wir ihn Thomas – erstmal vorsichtig an. Thomas antwortet schnell, wir schreiben ein bisschen hin und her, ich verhandle über den Preis, er ist total kooperativ. Eine bis dahin ganz normale, freundliche Ebay-Konversation halt. Ich schicke Thomas das Geld per Paypal, meine Adresse und vereinbare mit ihm, dass er mir noch die Sendungsverfolgungsnummer schickt. Drei Tage später kommt die versprochene Nachricht mit der Nummer und ich schreibe ihm: „Toll danke!“ Keine fünf Minuten später antwortet Thomas: „Du bist ja süss warum danke war doch so abgemacht“.
Ich halte kurz inne. Denn als ich diese Worte lese, zieht sich etwas in mir zusammen. „Süss“ ist jetzt nicht wirklich ein Wort, das ich in einer ganz normalen Ebay-Konversation erwarten würde. Außer vielleicht, wenn „süsse“ Welpen oder „süsse“ Baklava verkauft werden. Dann denke ich aber an meine Freundin Lilly, die jeden zweiten Menschen als ARSCH-süß beschreibt und bereue, dass ich etwas ‚Schlechtes‘ aus dieser Nachricht herausgelesen habe. Ich schreibe „Haha trotzdem :D“ und „Gehört doch zum guten Ton sich zu bedanken hehe“
HEHE. Hätte ich mal auf mein Gefühl gehört. Als keine Minute später wieder eine Nachricht auf meinem Bildschirm auftaucht, ahne ich schon, dass das Gespräch jetzt eine Wendung genommen hat, die ich so nicht wollte. Weg von Schuhgrößen, Verhandlungen und Sendungsnummern. Hin zu „auch wenn es mir nicht zusteht konnte Dein Profilbild ja bei Paypal sehen …… wie gesagt ich habe nicht das recht dazu aber ….. bist sehr hübsch“.
Beim Lesen dieser Nachricht, die ich in irgendeiner Art und Weise fast schon erwartet habe, quillt in mir ein beklemmendes Gefühl hervor, das ich nur allzu gut kenne. Mein Darm zieht sich zu einem brodelnden Krampf zusammen und ich spüre, wie die Temperatur in meinem Gesicht eskaliert. Es ist das selbe Gefühl, das ich auch habe, wenn der Eisverkäufer meiner Lieblingseisdiele in mein Dekolleté schaut und sich dann über die Lippen leckt. Es fühlt sich genauso an, als stünde ich unfreiwillig nackt vor diesem Mann und könnte nichts dagegen tun.
Genauso ist es jetzt – nur virtuell.
WAR DOCH NUR EIN liebes KOMPLIMENT! wäre jetzt von einigen die Reaktion. Und auch in meinem Kopf schreit genau dieser Satz penetrant aus irgendeiner Ecke. Oft genug habe ich so etwas schon damit gerechtfertigt, aber mittlerweile weiß ich, dass dieses Gefühl mir ganz deutlich zeigt: Nein, das war nicht einfach ein lieb gemeintes Kompliment. Ein Kompliment sollte ein gutes Gefühl in mir auslösen – und das hat diese Nachricht nicht. Genauso wenig wie der Blick des Eisverkäufers. Thomas hat eindeutig Grenzen überschritten, indem er mich und meinen Körper komplett unangebracht kommentiert hat.
Ein PayPal-Profilbild habe ich jetzt nicht mehr.
Scheiße, die wir früher nicht einordnen konnten
Ich schicke meinen Freundinnen und Geschwistern einen Screenshot des Chat-Verlaufs. Sofort werden Kotz-Emojis, „Mir fehlen die Worte“, „uaghh“ und „bähhh, was für ein Schmierlappen“ geschrieben. Es bestärkt mich, zu wissen, dass andere diese Situation genauso einordnen wie ich. Es nimmt mir den Gedanken, dass ich hier etwas überinterpretiert habe.
Doch das war nicht immer so.

Vor zwei Wochen saß ich mit zwei meiner engsten Schulfreundinnen bei Aperol und Abendsonne zusammen. Neben den großen Life-Updates, war eines der wichtigsten Themen natürlich die ‘GOOD OLD TIMES’. Doch neben der süßen Nostalgie hing auch eine schwere Ernsthaftigkeit in unseren Gesprächen.
Denn nicht alles an den OLD TIMES war wirklich GOOD. Gerade mit 14 bis 18 haben wir auch ziemlich viel Scheiße erlebt. Scheiße, von der wir überhaupt nicht wussten, wie wir damit umgehen sollen und wie wir das benennen sollen.
Ich möchte hier gar nicht zu weit ins Detail gehen, weil das auch nicht nur meine Geschichten sind. Aber wir hatten zum Beispiel einige Lehrer, die krass misogyne Arschlöcher waren und mich und meine Freundinnen krank abwertend behandelt haben – mit vollstem Bewusstsein ihrer Lehrer-Macht über uns. Ungerechtigkeit haben wir also schon damals empfunden, jedoch ohne wirklich verstehen zu können, dass diese Ungerechtigkeit ein System und einen Namen hat: Sexismus. Ich weiß sogar noch, dass ich naive Maus damals dachte, „Warum hasst dieser Lehrer eigentlich alle Mädchen? Mädchen sind doch viel braver als Jungs.“
Doch allein mit dem Lehrer-Problem wäre die Zeit damals nur halb so belastend gewesen. Das viel größere Problem waren die Typen. Und damit meine ich nicht, dass wir unsere Zeit damit verbracht haben, Gänseblümchen zu dem Mantra „Er liebt mich, er liebt mich nicht“ zu zerpflücken. Ich meine damit, dass ungefragte Dickpics, Grenzüberschreitungen, Körperkommentare und Slutshaming keine verrückten Einzelfälle waren und auch ziemlich viele Spuren bei uns hinterlassen haben.
Und wie wir so über genau diese ‘shit old times’ geredet haben, kamen wir auf einen ziemlich schmerzhaften Punkt: Wir WUSSTEN damals einfach nicht, dass all das GANZ UND GAR NICHT OK war. Dass diese Kommentare und Grenzüberschreitungen NICHT OK waren und Erfahrungen mit Männern NICHT NEGATIV sein sollten.
Das hat uns nämlich KEIN SCHWEIN erklärt.
Wann und wo haben wir die wirklich wichtigen Dinge gelernt?
Wirklich, wir haben alles in der Schule gelernt – wie eine Pflanzenzelle Photosynthese betreibt, wie Vergangenheitsformen in Französisch konjugiert werden und wie ein Korbleger im Basketball funktioniert. Aber WANN ZUR HÖLLE wurden wir mal über das Patriarchat und Sexismus aufgeklärt? Wann haben wir mal Raum bekommen, um über sexuelle Belästigungen oder Diskriminierungen im Allgemeinen zu reden?
Wir haben oft empfunden, dass etwas nicht richtig läuft. Wir hatten dieses beklemmende Alarm-Gefühl in uns, das ich vorhin beschrieben habe. Aber was uns das sagen sollte, konnten wir nicht einordnen und benennen. Und dass wir sogar auf diese Gefühl vertrauen dürfen, ja MÜSSEN, wussten wir erst recht nicht.
Nein, stattdessen gab es leider viel zu oft Sätze zu hören wie
- „Na da biste aber auch selbst schuld.“.
- „Ach, das hat dich also gestört?“
- „Ich wusste nicht, ob ich was sagen soll …“
- „Du hättest ja Nein sagen können!“
- „Du wolltest das doch insgeheim!“
- „DAS WAR DOCH NUR EIN KOMPLIMENT!“.
Anstatt „Er liebt mich, er liebt mich nicht“, wurden solche Aussagen, die wir immer und immer wieder zu hören bekommen haben, zu unseren internalisierten Mantren.
Social Media hat es uns erklärt
Auf dieses Alarm-Gefühl zu vertrauen und zu wissen, ja sogar benennen zu können, warum das, was zum Beispiel Thomas gemacht hat, nicht okay ist – das kann ich heute. Und das ist jetzt vielleicht kein Hottake, aber ich rechne Social Media da ganz schön viel hoch an.
Als diese Ebay-Konversation ausgeartet ist, musste ich an ein Meme denken, dass ich auf Instagram gesehen habe:

Und irgendwie finde ich, es ist ein beispielhaftes und minikleines Teil des Mosaiks aus vielen verschiedenen kleinen Lehren, die ich über die letzten Jahre auf Social Media über Sexismus bekommen habe. Lehren, die dafür gesorgt haben, dass ich solche Situationen für mich einordnen kann. Und die nach und nach dafür gesorgt haben, dass ich meinem Alarm-Gefühl vertrauen kann.
Der Impact von Social-Media wird mir auch immer wieder bewusst, wenn ich mich mit meiner Gen-Z-Schwester vergleiche: Vor zwei Jahren hat sie auf Vinted ein Foto von sich in einem enganliegenden Top eingestellt, worauf man ihre Nippel-Abdrücke sehen konnte. Daraufhin hat sie von einem fremden Typen, der seinem Profilbild nach zu urteilen auch schon um einiges älter war als sie, diese Nachricht bekommen: „Hey 🙂 Top Bilder 🙂 Wollte einfach mal nett sein :)“. Ganz offensichtlich hatte er nicht die Absicht, das Top zu kaufen – er wollte einfach nur seinen 🙂 ungefragten 🙂 Kommentar 🙂 da 🙂 lassen :). Meine damals knapp 17-Jährige Schwester hat ihm daraufhin eine meterlange Nachricht geschrieben und ihm ausführlich erklärt, warum sein Kommentar unfassbar unangebracht ist.
Abgesehen davon, dass ich geschockt davon war, dass meine Schwester jetzt auch solche Erfahrungen machen muss, war ich krass beeindruckt von ihrer Reaktion. Vor allem bin ich froh, dass sie (im Gegenteil zu mir) ein politisches Social Media in ihrer Jugend hatte, das vieles von ihrem Bewusstsein für Ungerechtigkeit mitbegünstigt hat. So, wie es auch bei mir in meinem Erwachsenenleben zum Glück viel verändert hat.
Gerade jetzt merkt man ja auch wieder, wie wichtig es ist, dass Menschen sich über Instagram und Twitter austauschen können. Dass Fälle wie Rammstein oder Luke Mockridge diskutiert und aufgearbeitet werden können. Und dass wir alle daran partizipieren und daraus lernen können. Auch wenn es schmerzhaft ist. Jede solcher Geschichten trägt hoffentlich dazu bei, dass mehr und mehr Menschen benennen können, was ihnen Falsches widerfährt und lernen, auf ihr Alarm-Gefühl zu vertrauen.
Doch wäre es nicht wirklich mal an der Zeit, dass wir diese Aufklärungsarbeit nicht Sozialen Medien überlassen? Wäre es nicht wirklich mal an der Zeit, ein Schulfach über Diskriminierung einzuführen? Und auch mehr Bewusstsein unter den Lehrer:innen zu schaffen?
Damit nachfolgende Jugendliche nicht mehr so viele schmerzliche Erfahrungen machen müssen und dann erst zehn Jahre später mit ihren Freund:innen darüber sprechen können, wie viel Scheiße früher passiert ist, die sie nicht verstanden haben?

Von Chiara (26): Chiara mag stilles Wasser, aber still ist sie selbst nicht gerade – ganz im Gegenteil. Sie tanzt durch’s Leben und spricht und schreibt über Feminismus, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Sie ist Kopf- und Herzmensch zugleich, Ungerechtigkeit macht sie wütend und sie hat eine Schwäche für die Kardashians, gutes Essen und die Menschen, die sie liebt.