Das innere Corona-Dilemma

Zwei Jahre lang leben wir jetzt schon mit dem Coronavirus und es bringt für uns als Gesellschaft immer wieder neue Zerreißproben mit sich. Auch mich persönlich hat die Pandemie häufig vor ein inneres Dilemma gestellt. Und mir gezeigt, wie scheinheilig ich doch manchmal sein kann.


Corona zerreißt. Alles Mögliche. Schon seit zwei Jahren. Familien, in denen mit Opa immer noch darüber diskutiert wird, dass er sich doch bitte impfen lassen soll. Lose Freundschaften, die noch loser wurden, weil der Kumpel einfach nicht verstehen wollte, dass man die medizinische Maske auch über der Nase tragen muss und man so irgendwie nicht mit ihm unterwegs sein will. Besuche bei Verwandten, die schon nach einer halben Stunde abgebrochen werden, weil Tante Sonja irgendetwas auf Facebook gelesen hat und versucht alle anderen davon zu überzeugen, dass es Corona eigentlich gar nicht gibt. Ich könnte noch unendlich viele andere Zerreißproben nennen – wir kennen sie mittlerweile alle nur zu gut.

Und Corona zerreißt uns auch innerlich. Mich zumindest. Ich meine, eigentlich weiß ich ganz genau, wie schlimm die Lage gerade wieder ist und wie viel schlimmer sie noch werden kann. Ich sehe die Eilmeldungen jeden Morgen auf meinem Handy: Inzidenz in Deutschland erneut gestiegen – Mehr als 100.000 Coronatote – Krankenhäuser erreichen Belastungsgrenze. Ich weiß auch, was ich dazu beitragen kann, dass ich solche Meldungen nicht mehr sehen muss. Und dann habe ich mich vor ein paar Wochen trotzdem wieder in einer Bar gefunden unter ein paar Dutzend anderen Menschen, alle ohne Maske, alle am Singen und Tanzen und Spaß haben. Auch alle geimpft und genesen und mit tagesaktuellem Schnelltest. Aber eigentlich ist nicht mal 2G+ gut genug. 

Kater plus schlechtes Gewissen

Natürlich weiß ich das. Ich denke daran, wenn ich ein Treffen mit meiner Freundin absage, weil sie noch auf das PCR-Testergebnis von ihrer Schwester wartet. Oder wenn ich dem Mann in der Bahn einen bösen Blick zuwerfe, weil er keine Maske trägt. Oder wenn ich zu meinen Mitbewohnern sage, dass ich es schon krass finde, dass sie beim Kölner Derby gegen Gladbach noch im vollbesetzten Stadion waren. Und stehe zehn Stunden später eben in dieser vollen Bar. Komplett scheinheilig, heuchlerisch. 

Ich will nicht lügen – es war trotzdem ein sehr guter Abend, ohne Gedanken an Masken, Abstände und Desinfektionsmittel. Aber am nächsten Morgen wache ich auf und zu dem Kater kommt noch das schlechte Gewissen dazu. Klar, irgendwie könnte man es wahrscheinlich auf die Politik hier schieben. Wenn in NRW die Bars noch nicht geschlossen sind, dann kann ich in NRW auch noch in die Bars gehen. Aber gleichzeitig weiß ich es doch eigentlich besser.

Wenn in NRW die Bars nicht geschlossen sind, ist es noch längst keine gute Idee, auch in diese Bars zu gehen.
Wenn in NRW die Bars nicht geschlossen sind, gibt es immer noch eine tödliche Pandemie.
Wenn in NRW die Bars nicht geschlossen sind, verbietet es mir trotzdem niemand, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Scheinheilige Engelchen

Auch wenn die Metapher von Engelchen und Teufelchen auf den Schultern einer Person, die sie  beide von ihrer Herangehensweise überzeugen wollen, komplett ausgelutscht ist, fühlt es sich für mich genauso an. Das Engelchen bringt mich zum Testzentrum, setzt mir die FFP2-Maske auf, ist stolz auf mich, wenn ich einen Abend einfach zuhause verbringe. Hin und wieder gewinnt aber doch das Teufelchen. Dann sitzt es neben mir im vollen Cafe, zieht mich in der Bar zu einem Tisch mit fremden Menschen oder stolpert eben mit mir auf eine viel zu volle Tanzfläche. Ein inneres Dilemma, das noch dadurch verstärkt wird, dass das Engelchen meistens kontrolliert, was ich sage – das Teufelchen aber manchmal, wie ich mich verhalte. Hört sich an wie die Definition von Scheinheiligkeit. 

Abschließend würde ich gerne etwas schreiben, wie „Wenn wir uns jetzt noch mal zusammenreißen, ist das Ganze bald vorbei und wir können wirklich wieder unbeschwert feiern gehen“. Zusammenreißen, statt sich zerreißen zu lassen. Aber nach fast zwei Jahren mit solchen Sätzen, können sie kaum noch mehr sein als kleine Hoffnungsschimmer.


Von Lena (23): Lena ist kein nachtragender Mensch. Aber über die Unkreativität ihrer Eltern bei der Namensgebung ist sie immer noch nicht ganz hinweg. Als hätte unsere Generation nicht schon genug damit zu tun, sich ständig abzuheben, muss Lena sich auch noch im Meer der Lenas behaupten. Sie fasziniert die Menschen um sich herum als Zuhörerin und Freundin. Als wissbegieriges Kind und seriöse WDRlerin. Als aufmerksame Beobachterin und politisch interessierte Journalistin.

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